~ Schlingpflanzen-Bella, Los Angeles’ next Scheiß-Bullen und ausgerechnet Hilfe vom personifizierten Chaos. ~
Edwards POV
Ich schlief unruhig bis ganz und gar nicht, was wohl vermutlich – nur möglicherweise, eventuell – auch damit zusammenhing, dass Bellas Arme, die um meinen Oberkörper lagen, im Verlauf der Nacht ganz allmählich das Verhalten handelsüblicher Schlingpflanzen annahmen, die man ganz gerne verwendete, um Leute, die man nicht ganz so gut leiden konnte, aus dem Weg zu schaffen. Gegen drei Uhr morgens hatte ich das sichere Gefühl, dass Bella eindeutig wieder zu lange im Gym gewesen und dort mit Hanteln herumexperimentiert hatte, was mich vermutlich letzten Endes noch umbringen würde.
Nach Luft schnappend, blinzelte ich um mich und entdeckte den übergroßen Teddy auf dem Sessel neben dem Bett, den Bella erst vor ein paar Tagen angeschleppt hatte. Unter Mühen griff ich danach, wobei ich zusätzlich auch noch Gefahr lief, mein wertes Gehör zu verlieren, hielt meine liebe Bella doch ganz und gar nichts davon, sich endlich eines dieser Nasenpflaster zu besorgen, dass mich ihr Schnarchen nicht andauernd ertragen lassen würde. Mit einer schier unmenschlichen Kraftanstrengung gelang es mir, mich aus Bellas Klammergriff zu befreien und ihr stattdessen den Teddy zum Erwürgen zu überlassen.
Ich glitt vom Bett, redete mir fortlaufend fast lautlos ein, dass Bella einfach nur … speziell war und drehte mich dann noch einmal zum Bett um. Auch wenn es recht dunkel war im Zimmer, sah ich doch viel zu genau, was Bella da gerade veranstaltete. Sie rammte dem Teddy den Ellenbogen gegen das Kinn, schnarchte laut auf und verpasste ihm dann ganz im Schlaf einen ziemlichen Mörder-Kick mit dem Knie genau dorthin, wo es dem Teddy, wäre er ein ganzer Kerl, vermutlich verdammt wehtun würde. Ich schluckte fest, verdrängte stirnrunzelnd den Gedanken, was wohl gewesen wäre, wenn Teddy nicht gerade die Prügel eingefahren hätte und ließ Bella schnarchend und sich des Teddys in ihren Armen offenkundig kein Bisschen bewusst alleine.
Im Flur war es ein wenig heller, so dass ich nicht völlig ahnungslos einher stolpern musste. Ich ging nicht allzu weit, verließ nur den Korridor, in dem mein Schlafzimmer lag und bog in den ein, der in die vordere Hälfte des Hauses führte. Dort öffnete ich die Tür unseres kleinsten Gästezimmers und ließ mich aufs Bett fallen, wobei ich der Tür allerdings zuerst noch einen Tritt verpasste, die sie ins Schloss fallen ließ. Ohne die Laken zur Seite zu schieben, blieb ich einfach auf der Tagesdecke liegen, das Gesicht im Kissen vergraben und wollte einfach nur schlafen. Ganz ohne Umklammerung. Ganz ohne Dauerbeschallung dank Bella.
Das nächste, das ich bewusst wahrnahm, war die Wärme eines Körpers, der nahe bei mir am Feuer saß. Am Feuer? Ich blinzelte verwirrt und musste dann feststellen, dass das flackernde, Wärme spendende Etwas vor mir tatsächlich ein Lagerfeuer war. Merkwürdig. Und jetzt bewegte sich dieser Jemand neben mir auch noch. Ich sah zur Seite und verstand. Ein Traum. Scheiße. Ein Traum … äh oder besser ein Traum von einer Erinnerung. Immerhin saß niemand anders als Alec Judas neben mir. Und auch wenn das hier ganz eindeutig ein Traum war – an meiner Nervosität änderte das nicht das Geringste.
Mit Mühe hörte ich auf, das vom Licht des Feuers erleuchtete allzu bekannte Gesicht anzustarren und blickte stattdessen auf meine im Schoß verschränkten Hände. Alec. Der Schopf dunkelblonden Haares, die feilchenblauen Augen mit den grünen Tupfen rund um die Pupille. Alec, der damals wie heute satte vier Jahre älter war als ich. Alec, dessen gebräuntes Gesicht unzählige Grübchen erschuf, wenn er grinste oder gar lachte. Alec, der …
„Edward, wenn Ihnen kalt ist, sollten Sie ins Zelt gehen.“ Mein Blick schoss nach oben, traf auf die Augen, über die ich damals, vor mehr als sechs Jahren viel zu viel gegrübelt hatte und fand sie besorgt vor. Natürlich. Immerhin wurde Alec dafür bezahlt, dass er sich um mich sorgte. Ich räusperte mich mit trockener Kehle und krächzte mehr als dass ich vernünftig sprach: „Nein, nein. Ich … Ich bin okay. Danke.“ Scheiß Stimmbruch! Da hätte ich doch beinahe vergessen, wie verdammt beschissen ich damals geklungen hatte. Wie jemand, nachdem man ihm versehentlich statt der Mandeln etwas anderes, möglicherweise Wichtigeres weggeschnippelt hatte – ja, ich weiß, Teddy; ich leide mit dir.
Alec sah auf seine Armbanduhr und seufzte dann. „Aber ich denke, es wird ohnehin Zeit, dass Sie ins Bett gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ihrem Vater nicht gefallen würde, wenn Sie so lange aufblieben.“ Er schenkte mir ein Schmunzeln und erhob sich. Wie damals, bekam ich auch dieses Mal, in meiner Erinnerung, meinem Traum, Panik, konnte ganz einfach nicht verhindern, was ich tat, was ich sagte. „Kommst du mit? Ich meine … es ist kalt.“ Ich wagte nicht, ihn anzusehen, wusste aber sehr gut, dass er stehen geblieben war.
„Was … was hast du gesagt?“, fragte er schließlich ganz leise. Ich stand auf, reckte das Kinn vor und sah Alec direkt an. „Es ist mir zu kalt – also im Zelt, ganz alleine.“ Alec biss sich auf die Unterlippe, senkte kurz den Blick und sagte dann ein wenig lauter als zuvor: „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“ Mir sank der Mut. „Ich … dachte ja nur. Ich meine, weil … Also, ich dachte …“ Damals hatte ich tatsächlich noch die ziemlich nervtötende Angewohnheit gehabt, mich gleich für alles schuldig zu fühlen. Selbst dafür, dass ich Alecs Haltung mir gegenüber ein wenig missinterpretiert zu haben schien. Gott sei Dank war das jetzt vorbei – denn wer wusste schon, wie sehr Whitlock diese Eigenart ausgenutzt hätte? Ja, vermutlich hätte ich drei Monate hindurch vierundzwanzig Stunden täglich ein Plastikbaby am Hals, während er mit seiner verdammten Harley die Route 66 runter bretterte.
„Was hast du gedacht, Edward?“ Alecs Augen sahen fragend, aber auch unsicher aus, als er das fragte. Ein Teil von mir schöpfte neue Hoffnung, weil er mich immer noch duzte. Und mit diesem Teil machte ich erste Schritte in Richtung meines heutigen Selbst. Ich überbrückte die Distanz zu Alec und sah ihm ruhig in die Augen. „Ich dachte, du siehst mich ein bisschen häufiger an, als alle meine anderen Babysitter.“ Ich sah, wie er schluckte, hervorbrachte: „Ich bin nicht dein Babysitter. Deine Eltern wollten nicht, dass du ganz alleine hier heraus fährst und haben mich engagiert, dich zu begleiten, das … Ich bin nicht dein Babysitter.“
Ich legte den Kopf schief. „Wenn du das nicht bist, Alec – dann würdest du es mir auch sagen, wenn du …“ Ich schmunzelte leicht, ehe ich fortfuhr: „Wenn du mich anstarren würdest, immer dann, wenn du glaubst, ich würde es nicht bemerken, nicht wahr?“ Er schluckte erneut krampfhaft, doch dieses Mal folgte darauf keine Erwiderung. Ich wollte gerade triumphieren, als er resigniert sagte: „Du bist sechzehn, Edward.“ Meine Miene verfinsterte sich. „Ich bin kein Kind mehr“, knurrte ich beinahe. Jetzt lächelte Alec leicht. „Nein“, gab er zu. „Aber du bist vier Jahre jünger als ich. Das ist es, was zählt. Das und die Tatsache, dass es nicht zählt, was du willst, so lange dein Vater mich für jeden Gedanken verklagt.“
Ich schob das Kinn noch ein wenig weiter vor. „Mein Vater ist jetzt nicht hier, Alec“, merkte ich nun doch reichlich impulsiv an. „Und ich will eigentlich nur wissen, ab du mir auf den Hintern guckst oder nicht!“ Alecs Wangen färbten sich rosa und er senkte den Blick. „Okay.“ Ich grinste. „Dann bringen wir es hinter uns, was?“ Alecs Blick schoss verwirrt nach oben. Ich fuhr mit der rechten Hand in sein Haar, das sich so viel besser anfühlte, als ich es mir je erträumt hatte, zog ihn zu mir heran, schloss die Augen und drückte meine leicht geöffneten Lippen auf seine. Kein Protest, kein Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, die ich gerade ziemlich grob über Bord geworfen hatte.
Und dann war es plötzlich verschwunden, das Gefühl von Alecs weichen Lippen auf meinen, das Kribbeln in meiner Magengegend. Einfach weg. Genau wie der Rest des Traums. Ich blinzelte unwillig und blickte direkt in das grelle Licht der Morgensonne, die durch das große Fenster hereinfiel. Aber das war nicht alles. Natürlich musste sich auch noch Bella auf das Bett fallen lassen, als ich gerade realisiert hatte, dass ich inzwischen ein paar gute Jahre älter war als damals und keinesfalls wieder vorhatte, einen anderen Mann zu küssen. Nicht mal … Plumps! „Schatzi, warum haust du immer ab, sobald ich eingeschlafen bin?“, schmollte Bella und verwuschelte mir mein Haar.
Ich unterdrückte ein Stöhnen, das sowohl Bellas nervtötender Angewohnheit, mir immer durch die Haare zu fahren, geschuldet war, wie auch dem Fakt, dass ich gerade glatt vergessen hatte, dass ich außer Alec sehr wohl noch einmal einen Mann geküsst hatte – nämlich niemand anderes als dieses Ekel Whitlock. Aber irgendwie machte mir das ja schon zu schaffen. Immerhin war das mit Alec … Ich runzelte die Stirn und rappelte mich auf, schob Bella ein wenig von mir und fuhr mir durchs Gesicht, um mich ein wenig zu sammeln. Ja, was war das mit Alec gewesen? Ein Campingausflug in die Rocky Mountains, auf den ich bestanden hatte, weil ich gewusst hatte, dass sie Alec mit mir schicken würden, genau, wie sie es peinlicherweise auch bei der Geburtstagsparty meines besten Freundes Emmett getan hatten. Mehr nicht. Oder?
„Gehen wir heute mal gemeinsam etwas Essen?“, drängelte Bella, während sie mein T-Shirt zurechtzupfte – wie ich das hasste. „Nein“, antwortete ich betont zwanglos und nicht einmal ansatzweise so angepisst wie ich gerade eigentlich war. „Du weißt doch, dass ich vorerst keine Zeit dafür habe, mit dir frühstücken zu gehen.“ Ich rutschte vom Bett und ging zur Tür … und erstarrte bei den Worten, die Bella als nächstes von sich gab. „Wieso denn frühstücken, Eddy? Ich will doch nicht um halb zwei Uhr mittags frühstücken gehen!“ Sie schnaubte entrüstet darüber, dass ich sie tatsächlich für so seltsam gehalten hatte. Nein, nicht seltsam. Nur ein bisschen zurückgeblieben.
Ich wirbelte herum. „Was?“, stieß ich geschockt hervor. „Es ist schon Mittag?“ Bella betrachtete eingehend ihre Fingernägel, ehe sie sich zu einer Antwort herbei ließ. „Ja“, versetzte sie beleidigt, stand auf und ging reichlich angefressen zum Fenster, wo sie zweifelsohne darauf warten würde, dass ich mich vor ihr in den Dreck kniete und ihre Hoheit darum anflehte, mir zu verzeihen – für was auch immer es jetzt wieder sein würde. Ich beschloss, dass Bella vor dem Fenster ganz gut aufgehoben war und rannte aus dem Zimmer, während Whitlocks Worte von gestern Abend in meinem Kopf nachhallten. „Einstein, du stehst gefälligst morgenfrüh hier wieder auf der Matte! Und wage es ja nicht, für mich nicht erreichbar zu sein“, hatte er verlangt.
Toll. Und ich hatte nicht nur bis Mittag geschlafen, sondern auch mein verfluchtes Handy bei Bella im Zimmer gelassen – nicht dass meine Liebste auch nur etwas anderes als ein Presslufthammer unmittelbar neben ihrem Ohr aufwecken konnte, sobald sie mal schlief, klammerte und Nasenstüber und weitaus unangenehmere kleine Zärtlichkeiten austeilte. Ich rannte durch den Flur, rutschte barfuß über Teppich und Fliesen und stürmte dann in mein Schlafzimmer, wo ich dem reichlich zerzaust aussehendem Teddy nur einen flüchtigen Blick schenkte. Meine ganze Aufmerksamkeit galt eher dem Handy, das auf dem Nachttisch lag und das, sobald ich es zur Hand genommen hatte, nicht weniger als ein sattes Dutzend unbeantworteter Anrufe von Whitlock für mich bereit hielt.
Ich fluchte, schnappte mir die Jeans vom Boden, zog ein Shirt aus dem Schrank und machte mich auf die Suche nach ein paar Schuhen. Das Ergebnis dieser Suche waren allen Ernstes Badeschlappen. Badeschlappen, ganz recht. Ein erneuter Blick auf die Uhr, die gerade stark auf Viertel vor zwei zutickte und ganz plötzlich waren die Badeschlappen die besten Schuhe, die ich je gesehen hatte. Ich schlüpfte hinein, schob das Handy in die Hosentasche und rannte los. Durch den Korridor, um die Ecke und … „Aaaaaaaaah!“ … Bella einfach um. „Tschuldige“, nuschelte ich hastig, machte mir aber nicht die Mühe, sie von der mannshohen, bedrohlich hin und her schwankenden Bronzevase zu befreien – oder eher anders herum.
„Edward!“, kreischte Bella in Panik, als ich gerade die Haustür erreicht hatte. Dann war ein lautes, metallisches Scheppern zu hören, das von Bellas Flüchen und Geschrei fast noch übertönt wurde. Ich zuckte nur die Achseln, joggte die Eingangstreppe hinunter, über die mit Kies bestreute Auffahrt und hinüber zu meinem Volvo, wobei ich mich wunderte, was um Himmels willen mich gestern Nacht nur geritten haben musste, so dass ich mein treues Auto fast in einer Hecke geparkt hatte. Irritiert aber nach wie vor in Eile quetschte ich mich zwischen den Ästen hindurch und glitt hinters Steuer.
Momente später setzte ich so eilig zurück, dass Kies nach allen Seiten spritzte, drehte die Musikanlage auf, wendete und rauschte die Auffahrt hinunter. Auf der Straße legte ich noch einmal an Speed zu und überfuhr gut ein halbes Dutzend orangefarbener und roter Ampeln, die für meinen Geschmack zu langsam schalteten. Als ich dann einer alten Dame samt Rollator die Vorfahrt über einen Zebrastreifen nahm, war das vorerst einmal das Ende meiner Eile. Denn kaum hundert Meter weiter bedeutete mir ein winkender Polizist am Straßenrand, rechts ranzufahren. Großartig.
Als ich auf den Seitenstreifen fuhr und den elektrischen Fensterheber betätigte, rang ich um eine Ausrede, die überzeugend genug war, um mich aus dieser völlig bescheuerten Situation wieder herauszumanövrieren. Der ältliche Polizist, der mich rausgewinkt hatte, trat zu mir, eine strenge Miene zur Schau tragend, ehe ich mich entscheiden konnte. „Junger Mann, Sie wissen, dass das, was Sie soeben getan haben, strafbar ist?“ Ich setzte eine Unschuldsmiene auf. „Was denn, Officer?“ Oldies Miene wurde finster und er brummelte etwas über die Jugend von heute.
„Sie haben der alten Dame gerade eben auf dem Zebrastreifen beinahe die Spitzen ihrer Ökolatschen abgefahren“, grummelte er miesepetrig. „Sir, ich habe es eilig, müssen Sie wissen.“ Ich blinzelte ihn an. Warum musste ich hier auch ausgerechnet so einen alten Knochen stehen haben, statt einer dieser blutjungen Anfängerinnen in der Riege der Verkehrspolizisten? Ich ging jede Wette ein, dass ich bei einer dieser Damen längst bei Whitlock angekommen wäre. „Schön, schön, schön“, empörte sich Oldie und stemmte die feisten Hände in die Hüften, was seinen Bierbauch geradezu unverschämt betonte. „Wir hatten es also eilig, Söhnchen. Was du nicht sagst!“
„Ich …“, begann ich ganz allmählich ehrlich genervt vom Gebaren des so genannten Arms des Gesetztes. Dass ich gar nicht erst damit anfangen konnte, den Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass die Anwälte meines Vaters bisher noch jeden Prozess gewonnen hatten, daran trug jedoch ganz allein Jasper Whitlock Schuld. Weil er mich gerade anrief, zum verflixten dreizehnten Mal. „Moment, bitte“, stöhnte ich fast, zog das Handy aus der Hosentasche und nahm den Anruf an. „Du hast noch zwei Minuten, dann darfst du Daddy erklären, dass du ein Versager bist!“, fauchte Whitlock sogleich statt einer Begrüßung, was wieder einmal bewies, dass sich mit so etwas nur normale Menschen aufhielten – und Idioten wie Whitlock waren nun mal nicht normal.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Partner des übereifrigen Verkehrspolizisten sich zu ihm gesellte – und beide beäugten sie mich. „Schatz, ich weiß, dass du Angst davor hast, das Baby zu wickeln“, säuselte ich einer plötzlichen Eingebung folgend. Einen Moment verschlug es Whitlock die Sprache. Dann: „Was zum Teufel redest du da für einen Mist, Einstein? Bist du jetzt endgültig durchgeknallt?“ Ich schluckte meine Wut hinunter. „Nein, Schatzi. Natürlich bin ich gleich bei dir und pass auf euch auf. Ich weiß ja, dass du dich ohne mich mit dem Baby nicht vor die Tür traust, weil du denkst, die Leute könnten mit Bratpfannen nach dir werfen.“
„Ich weiß nicht, was du da gerade redest, Schnösel. Aber ich weiß, dass ich jetzt auflegen und gleich George anrufen werde. Ja, genau das werde ich tun, du Schlaumeier!“ Seine Stimme war leise vor Wut. Ich schluckte krampfhaft und stammelte vollkommen hilflos: „Ich hatte es zu eilig, zu dir zu kommen und bin in eine Verkehrskontrolle geraten. Es tut mir leid, mein Schatz.“ Stille. Ein Lachen. Ein Prusten. „Nicht dein Ernst!“, japste Whitlock und klang dabei, als bekäme er kaum Luft vor lauter Amüsement über meine derzeitige Lage. Scheißkerl!
„Junger Mann, wir haben nicht ewig Zeit. Legen Sie bitte auf, steigen Sie aus und legen uns bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere vor.“ Die Frauenstimme ließ mich herumfahren. „Wo?“, fragte Jasper glucksend. „Zwei Blocks“, antwortete ich fahrig, ganz ohne nachzudenken und legte auf. Die Frau, hatte sich ihr Haar so hoch gesteckt, dass man sie auf den ersten Blick für einen Mann halten konnte. Aber ihren Kurven nach zu urteilen war sie eindeutig weiblich. Danke, lieber Gott! Ich kramte die Dokumente aus dem Handschuhfach, stieg aus und zog den Geldbeutel aus der hinteren Hosentasche. Dann überreichte ich Lady Officer mit reumütigem Blick den Führerschein und die Papiere.
Ihre Wangen bekamen eine rötliche Färbung, doch sie senkte dennoch pflichtbewusst den Blick auf die Dokumente, las, stutzte und sah auf. „Cullen?“, fragte sie überrascht. Ich setzte mein charmantestes Lächeln auf. „Ja, Officer …“ – ein Blick auf ihr Namensschild – „Stanley.“ Sie zog eine nicht zu deutende Miene und fragte dann mit einem verschlagenen Grinsen: „Doch nicht etwa Dr. Carlisle Cullens Wunderknabe?“ Oh, Scheiße! Ich behielt mein Charming Face bei und zuckte die Achseln. „Wer weiß?“ Ich fuhr mir mit der Zungenspitze über die Lippen und sah Stanley dabei fest in die Augen.
„Mein Verlobter Mike arbeitet als Pfleger auf der Station von Dr. Cullen“, erläuterte Stanley beiläufig. „Man könnte doch meinen, dass Sie es besser wissen müssten, schließlich ist ihr Vater Arzt.“ Sie warf ihrem Kollegen einen verschmitzten Blick zu, ehe sie sich mit schräg gelegtem Kopf wieder an mich wandte. „Was nun, Wunderknabe?“ Ich schluckte, verfluchte alle Polizisten dieser Welt und reckte störrisch den Kopf. „Jetzt überlegen Sie sich am besten mal, wie wichtig es Ihnen ist, dass Ihr Verlobter weiterhin seinen Job behält“, merkte ich wütend an. Stanley klappte der Mund auf und ihr Partner machte einen Schritt auf mich zu. Ich hob abwehrend die Hände. „Kommen Sie schon, lassen Sie uns das Ganze hier einfach vergessen, ja?“
Ehe einer der beiden antworten konnte, richtete sich Stanleys verdutzter Blick auf etwas hinter mir. Ich wandte mich um, hörte gerade noch rennende Schritte und wurde dann regelrecht umgeworfen … und aufgefangen. „Was machst du denn für Sachen, hm?“, murmelte mir eine viel zu bekannte Stimme zu, während ich nichts weiter sehen konnte als einen Schopf blonden Haares. Arme schlangen sich um meinen Körper, drückten mich, während sich eine kratzige Wange an meine schmiegte. Was zum …? Ich schob Whitlock von mir, verständnislos und überrumpelt.
Er ließ es geschehen, zog mich an seine Seite und schob allen Ernstes seine rechte Hand in meine hintere Hosentasche. „Officers“, nickte er den beiden Polizisten zu und tippte sich an einen imaginären Hut. Stanley starrte ihn noch immer an, der alte Kerl an ihrer Seite wirkte eher ein wenig nervös. „Was hat mein Süßer denn angestellt?“, erkundigte Whitlock sich beiläufig und knuffte mich spielerisch in die Seite. Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, die ich unwillkürlich angehalten hatte. Stanley fasste sich wieder ein wenig. „Er … Er hat einen Zebrastreifen überfahren.“ „Und eine rote Ampel“, fügte der alte Knochen hinzu. Na, Gott sei Dank hatten die beiden mich scheinbar erst so kurze Zeit auf dem Radar …
Whitlock seufzte und fuhr mir durchs Haar. „Das machst du nicht wieder, versprochen?“, fragte er mit einem freundlichen Lächeln. Ich konnte es nicht glauben, nickte aber trotzdem mit zerknirschter Miene. Stanley machte große Augen. „Äh …“, sie räusperte sich und wechselte einen ratlosen Blick mit ihrem Partner. „Edward hatte es auch nur so eilig, weil wir heute neue Erkenntnisse sammeln wollen“, erklärte Whitlock scheinbar vollkommen entspannt. Stanley sah plötzlich aus, als verstünde sie unter „neuen Erkenntnissen“ etwas, das eindeutig in den Bereich gehört, der für Minderjährige verboten war, aber schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt hatte.
„Eine Studie“, beeilte ich mich eilig zu sagen, während ich mir alle Mühe gab, nicht weiter über Stanleys Missverstehen nachzudenken, nicht darüber nachzudenken, was sie aus Whitlocks Worten gefolgert hatte. Es gelang mir nicht. Ganz und gar nicht. Denn während Whitlock meine Erklärung aufgriff und weiter ausführte, musste ich unweigerlich wieder an Alec denken. An Alec und jene eine Nacht in den Rocky Mountains. Jene eine Nacht im Zelt, als ich herauszufinden versucht hatte, wo der Grund dafür lag, dass ich Alec irgendwie … na ja, anziehend fand.
„ … Annabelle genannt, nicht wahr, mein Schatz?“ Ich schreckte auf und fand mich Jaspers fragendem Blick gegenüber. Ich nickte hastig. „Ja, äh.“ Ich musste sofort damit aufhören, weiter an Alec zu denken. Aufhören, diesem gottverdammten Thema immer näher zu kommen, das ich seit jener Nacht gemieden hatte. Oder besser – das ich seit jenem darauf folgenden Morgen gemieden hatte, als Alec, kurz nach unserer Rückkehr meinen Eltern unverbindlich mitgeteilt hatte, dass er nicht mehr für sie arbeiten würde. Jenes Thema, das sicherlich nicht unerheblich dafür war, dass ich seit jener Sache mit Alec kein männliches Wesen mehr übersehen hatte. Keinen Mann nicht von oben bis unten gemustert und mehr oder weniger für attraktiv befunden hatte.
In welche Kategorie fiel Whitlock eigentlich? Ich beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er Stanley und Anhang gerade lebhaft etwas erzählte, wie er mit den Händen wild gestikulierte und ihm das blonde Haar in die Stirn fiel. Hm ja, wenn er kein solches Ekel wäre, ich nicht mit ihm in dieser verfluchten Studie festsitzen würde – ja, vielleicht fände ich ihn dann ja vielleicht doch … Meine Gedanken verstummten, als Whitlock mir zuzwinkerte, mich wieder an seine Seite zog und seine Hand auf Wanderschaft schickte.
Ihr Ziel erreichte die warme, etwas raue Hand schließlich, als sie sich unter mein Shirt geschoben und auf meine nackte Hüfte gelegt hatte. Nicht Besitz ergreifend, um unser kleines Schmierentheater noch ein wenig weiter zu treiben. Nein, eher vorsichtig, als hätte er Angst, ich könnte ihm jeden Finger einzeln brechen, wenn er mich noch einmal anfasste. Ich warf ihm einen verwirrten Seitenblick zu, verstand nicht, was das hier eigentlich sollte, woher dieser plötzliche Sinneswandel kam. Dann ging mir ein Licht auf. Der Kerl wollte mich an graben!
Ich versteifte mich und lehnte mich so weit ich konnte von Whitlock weg, wurde rosa im Gesicht und fühlte mich ertappt. Natürlich konnte er unmöglich von Alec wissen. Dass er jetzt jedoch so offensichtliche Annäherungsversuche machte, sprach Bände. Es wurde höchste Zeit, dass wir hier wegkamen und ich Whitlock klipp und klar sagen konnte, dass er seine Finger in den nächsten drei Monaten bitteschön bei sich behalten sollte, wenn er nicht darauf bestand, dass ich sie ein wenig nach meinem eigenen Gutdünken umgestaltete.
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