~ Zehrende erste Nächte, Baby Annabelle und familienfreundliche Autos, die nicht Heather heißen. ~
Edwards POV
Ich war stehend K.O., als ich erst nach Mitternacht den Aston auf dem kleinen Kiesparklatz vor der Villa meiner Eltern ausrollen ließ. Ich stieg aus, rieb mir erschöpft die Augen und ging ins Haus, ohne den Wagen abzuschließen – nicht dass ihn jemand klauen konnte inmitten all der Hightech-Anlagen zur Sicherung des Anwesens. Für meinen Geschmack war dieser Tag viel zu lange gewesen. Oder um genau zu sein: er war zu wenig mit Annehmlichkeiten ausgestattet gewesen. Ein müdes Lächeln zog sich um meine Mundwinkel, als ich die Eingangshalle durchquerte und hinüber in meinen Teil des großen Hauses ging.
Vielleicht, nur vielleicht war Bella ja noch wach. Bei dem Gedanken an sie kam wieder ein wenig Leben in mich. Die Müdigkeit schwand etwas bei dem Gedanken an Bella, die mir irgendwie immer dieses Gefühl von Normalität – oder vielleicht Gewohnheitsmäßigkeit – gab. Unwillkürlich sehnte ich mich danach, sie zu küssen, sie zu berühren und neben ihr einzuschlafen. Ja, ein bisschen Zeit mit Bella war jetzt genau das Richtige. Sie würde mir von ihrem ach so aufregenden Tag erzählen und dabei gar nicht wissen, dass ich längst eingeschlafen war – einfach, weil sie das bisher noch nie bemerkt hatte. Sie war einfach so erfrischend gutgläubig und unbedarft, dass sie gar nicht bemerkte, dass es genau das, was ich so an ihr schätzte – dass sie bisweilen geradezu amüsant naiv war.
Ich bog um die letzte Ecke und erreichte die Tür zu meinem Schlafzimmer. Ich öffnete sie und hätte fast einen Freudenschrei ausgestoßen, als ich Bella vom Bett hochschrecken sah. Bella. Meine kleine bisweilen allzu begriffsstutzige Bella. Nein, schlau war sie ganz bestimmt nicht. Aber dafür präsentabel und noch dazu eine nette Gesellschaft für die Abende stressiger Tage, wie zum Beispiel den heutigen. Jetzt saß sie da in ihrem rosa Nachthemd im Licht des Mondes, der durch das riesige Panoramafenster hereinfiel und lächelte mich breit an.
„Hey“, grüßte ich sie und spürte wieder einmal, wie viel ruhiger und entspannter ich in ihrer Gegenwart wurde. Sie war aber auch ein süßer Engel, meine unschuldige, kleine Bella. Ich warf den Schlüsselbund auf das Sideboard an der Wand und ging müden Schrittes zu ihr hinüber, wusste, dass ich im Moment einfach nur Bellas entspannende Gesellschaft, ihr unablässiges Geschnatter und eine gute Mütze Schlaf brauchte … und vielleicht auch noch etwas anderes. „Edward“, seufzte Bella wie immer fast ein wenig zu mädchenhaft. Ich lächelte. Es stimmte ja schon – sie war bisweilen wirklich noch wie ein Mädchen von fünfzehn, statt eines von zwanzig, ja, fast einundzwanzig.
Am Bett angekommen beugte ich mich zu ihr und gab ihr einen langen Kuss, mit dem ich sie wie immer dazu veranlasste, sogleich zu lächeln. Sie erwiderte meinen Kuss so hingebungsvoll, als hätte sie mich nicht erst heute Morgen zuletzt gesehen. Fast schon lächelnd über Bellas einfache Erwartungen, nahm ich sie in den Arm. Sie schmiegte sich an mich und seufzte, als ich sie auf den Scheitel ihres langen schokoladenbraunen Haares küsste, das ihr lang über den Rücken hing. Mir kam in den Sinn, dass Bella mit ihren Belanglosigkeiten und der Unbedarftheit in mehr als einer Hinsicht doch ziemlich einfach gestrickt war.
Seit gut einem Jahr bezeichnete sie mich nun schon als „ihren Schatz“ und zugegeben, bisher war das eigentlich auch okay gewesen. In letzter Zeit jedoch fing ich unwillkürlich damit an, sie zu einfach zu finden. Sie zickte zwar bisweilen auch ein wenig herum, war sogar eifersüchtig, aber laut wurde sie genauso wenig, wie sie bisher besonders emotional oder gar wütend geworden war, als ich sie im vergangenen Semester nicht mehr als ein gutes Dutzend Mal versetzt hatte, weil ich doch lieber mit den Jungs aus meinem Wohnheim Party gemacht hatte, als mit ihr das Wochenende zu verbringen. Vielleicht brauchte ich einfach mal wieder mehr Action als Bellas ewig gleiche Freude, wenn ich sie auch nur anlächelte. Ja, wer wusste das schon?
*****
„Edward Anthony Cullen!“ Mir war, als wäre ich gerade erst eingenickt, als mich der ungeduldige Ruf meiner Mutter auch schon hochschrecken ließ. Bella grummelte unwillig und rollte sich ein wenig weiter zur Seite, während ich ihr ungnädig die dünne Decke wegzog, sie mir umband und zur Tür stolperte. Gerade hatte ich sie geöffnet, als auch meine Mutter davor zum Stehen kam. Sie warf einen säuerlichen Blick auf die um meine Hüften geschlungene Decke und reichte mir das Telefon. „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Privatnummer von deinem Vater und mir nicht irgendwelchen Leuten geben sollst?“, zischte sie ungehalten.
Ich nickte nur, klemmte mir das Telefon zwischen Schulter und Ohr und schloss die Tür vor ihrer Nase. „Hallo?“ Ein Schnauben war zu hören und ich hätte fast die Decke verloren, während ich zurück zum Bett ging, neben dem Bella sich gerade aufgebracht in ihren cremefarbenen Morgenmantel hüllte. „Einstein!“, fauchte Whitlock los und ich hätte am liebsten gleich wieder aufgelegt. Aber stattdessen zwang ich mich zur Ruhe. „Was willst du denn von mir, du Superdaddy?“ Wieder dieses Schnauben, nur dass jetzt auch ein Babywimmern zu hören war. „Was ich von dir will, Muttersöhnchen?“, versetzte mein Studienpartner wider Willen.
„Ich will, dass du verdammt noch mal sofort hierher kommst, Cullen!“ Ich gähnte. „Na, was denn? Hattest du denn keine erholsame Nacht?“, fragte ich betont unschuldig und strich die Decke über meinen Knien glatt. Whitlocks Worte waren abgehackt und so wütend, dass ich beinahe so etwas wie Gewissensbisse verspürte, ihn gestern Nacht einfach so sich selbst überlassen zu haben, sobald er am Küchentisch eingeschlafen war, währenddessen ich noch die bescheuerten Babysachen aufbaute. „Du. Hast. Fünfzehn. Minuten.“ Dann war die Leitung tot. „Kein Problem, Hasi“, lachte ich und schüttelte leicht den Kopf.
Als ich seufzend aufstand, um mich auf die Suche nach ein paar Klamotten zu machen, bemerkte ich, dass Bella mich anstarrte. „Wer war das?“, flüsterte sie mit versteinerter Miene. Ich grinste. „Ach, niemand“, antwortete ich amüsiert über ihre offensichtliche Eifersucht und beugte mich vor, um sie zu küssen. Sie wich mit beleidigter Miene zurück, griff nach der Kordel ihres Morgenmantels und verschwand ohne ein weiteres Wort aus meinem Zimmer. Ich machte mir nicht die Mühe, ihr nachzugehen, wusste ich doch, dass sie spätestens heute Abend ohnehin wieder auf meinem Bett hocken und um Entschuldigung bitten würde.
Entgegen Whitlocks Forderung, mich in gerade einmal fünfzehn Minuten bei ihm einzufinden, ließ ich mir alle Zeit der Welt, um mich fertig zumachen. Ich duschte in aller Seelenruhe und zog Bluejeans und ein neues weißes Hemd an. Dann ging ich erst einmal in die Küche und trank dort gemächlich eine Tasse heißen schwarzen Kaffee, den Rosalita, unsere Haushälterin wie jeden Morgen für mich gemacht hatte. Erst als ich ausgetrunken hatte, warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Inzwischen war Jaspers Anruf fast eine Stunde her und ich fand, dass das vorerst genügen sollte, um ihm klar zu machen, dass ich ganz gewiss kein Schoßhund war, den man jederzeit zu sich beordern konnte.
„Mom?“, rief ich halblaut, als ich in die Eingangshalle trat. „Ja?“, kam die Antwort irgendwoher aus den Tiefen des Hauses. Ich überlegte kurz und entschied dann, es zuerst einmal in dem Fitnessraum zu probieren, den meine Mutter am liebsten benutzte. Und tatsächlich – dort stand sie auf einem der Laufbänder. Ich lehnte mich in den Türrahmen und sah ihr eine Weile beim Laufen zu, bevor ich sagte: „Sag Dad, dass ich gestern in diesem Forschungsinstitut war, ja?“ Sie wischte sich mit dem Schweißband an ihrem linken Handgelenk über die Stirn und lächelte. „Das wissen wir doch schon, Schätzchen.“
Einen Moment lang sah ich sie nachdenklich an – die Frau von fast Mitte vierzig mit dem langen karamellfarbenen Haar, das jetzt zu einem langen sauberen Pferdeschwanz gebunden war, der ihr auf die Schulter hing. Ihre hellbraunen Augen musterten mich ebenfalls. „Du weißt doch, dass dein Vater gerne weiß, was um ihn her geschieht“, sagte sie und atmete bedächtig ein und aus, während sie ihren schmalen trainierten Körper in dem hellroten Sport-Zweiteiler weiter in Bewegung hielt. „Schätze schon“, murrte ich und fuhr mir durchs Haar. „Und welche Studie ist es nun?“, fragte Mom weiter.
Ich lächelte schief und sie musste lachen. „Nun guck doch nicht so!“, forderte sie kopfschüttelnd, aber amüsiert. „Dein Vater und ich sind eben nur der Meinung, dass du …“„Dass ich mal etwas für das Gemeinwohl tun sollte – ja, ist schon klar!“, kam ich ihr zuvor und spürte wieder den Unmut in mir aufsteigen. „Ich habe dich etwas gefragt“, erinnerte mich meine Mutter mit forschendem Blick. Ich seufzte nur. „Ich gehe jetzt weg, Mom. Sag Dad einfach, dass ich …“ Ich winkte ab. „Ach, sag ihm einfach gar nichts, in Ordnung?“ Mom schaltete ungerührt das Laufband aus, stieg davon herunter und kam mit festem Blick zu mir herüber.
Während sie sich ein Handtuch um die Schultern schlang, seufzte sie so tief, als wäre ich schuld daran, dass sie ihr allmorgendliches Sportprogramm unterbrechen musste. „Edward“, sagte sie halblaut, aber ganz offen tadelnd. „Welche Studie?“ Ich biss mir auf die Lippe und entschied dann, dass ich aus dieser fragwürdigen Lage nur dann herauskam, wenn ich schleunigst das Weite suchte. Ich blickte auf die Uhr, riss die Augen auf und rannte dann mit den Worten „Oh nein, ich bin schon viel zu spät!“ davon. Mom rief noch hinter mir her, aber ich ignorierte sie und verließ das Haus auf schnellstem Weg.
Ich stieg in meinen Aston und stieß erleichtert die Luft aus, als ich das vertraute Schnurren des Motors hörte. Zwar war ich den Fragen meiner Mutter vorerst entronnen, aber dafür musste ich jetzt wohl über übel zu Whitlock fahren. Der war inzwischen mit ziemlicher Sicherheit stinkwütend, und da ich nicht wollte, dass er womöglich noch einmal bei mir zu Hause anrief – wo auch immer er die verdammte Nummer überhaupt her hatte – musste ich mich jetzt wohl beeilen, damit er nicht am Ende doch fand, dass er mir eins reinwürgen musste, weil ich ihn nun inzwischen seit fast zwölf Stunden mit dieser Babypuppe alleine ließ.
Also fuhr ich durch Los Angeles’ Straßen, bis ich die Ausläufer der Stadt und schließlich auch die Einfahrt erreicht hatte, vor der ich auch gestern Nachmittag schon gehalten hatte. Ich parkte und ließ mir einen ausgiebigen Moment Zeit, mich darauf vorzubereiten, sobald ich an die Haustür geklopft hatte – so etwas wie eine Klingel gab es hier garantiert nicht – in Verteidigungshaltung überzugehen und mich gegen die sicherlich sehr reichlich verteilten Beleidigungen und vielleicht sogar Handgreiflichkeiten wehren musste. Erst als ich so weit war, mir meinerseits ein paar eventuelle Erwiderungen bereitgelegt hatte und mir auch schon überlegt hatte, wie ich Jasper Whitlock am besten außer Gefecht setzte, verließ ich den Wagen – natürlich nicht ohne ihn abzuschließen, da man ja nicht wusste, was in dieser Gegend hier außer Whitlock noch für Gesocks wohnte.
Also fuhr ich durch Los Angeles’ Straßen, bis ich die Ausläufer der Stadt und schließlich auch die Einfahrt erreicht hatte, vor der ich auch gestern Nachmittag schon gehalten hatte. Ich parkte und ließ mir einen ausgiebigen Moment Zeit, mich darauf vorzubereiten, sobald ich an die Haustür geklopft hatte – so etwas wie eine Klingel gab es hier garantiert nicht – in Verteidigungshaltung überzugehen und mich gegen die sicherlich sehr reichlich verteilten Beleidigungen und vielleicht sogar Handgreiflichkeiten wehren musste. Erst als ich so weit war, mir meinerseits ein paar eventuelle Erwiderungen bereitgelegt hatte und mir auch schon überlegt hatte, wie ich Jasper Whitlock am besten außer Gefecht setzte, verließ ich den Wagen – natürlich nicht ohne ihn abzuschließen, da man ja nicht wusste, was in dieser Gegend hier außer Whitlock noch für Gesocks wohnte.
Hoch erhobenen Hauptes ging ich die Einfahrt hinunter und klopfte einmal an das massive Holz der Haustür. Von drinnen ertönten gedämpfte Schritte und dann wurde die Haustür geöffnet. Fast hätte ich lachen müssen – aber nur fast. Whitlock sah furchtbar aus. Sein Haar war zerzaust, er hatte völlig übermüdete Augen und sah ziemlich mitgenommen aus, was seine Klamotten betraf. Wie am Tag zuvor, saßen seine Jeans auch heute Mittag wieder zu tief, wie ich fand – nur eben, dass ich jetzt den Saum von ein paar Boxershorts zu sehen bekam. Ich sagte nichts dazu, wartete nur darauf, dass der Streit anfing.
„Die nächste Nacht bist du dran, Einstein“, sagte Jasper allerdings nur matt und ließ mich einfach in der offenen Haustür stehen. Fast schon beleidigt, so einfach übergangen worden zu sein, folgte ich ihm in den Flur und knallte die Tür demonstrativ laut hinter mir zu. Vor mir erstarrte Jasper in einer Tür, die wohl in eine Art Wohnzimmer führte. „Was denn?“, grollte ich ungehalten. Langsam drehte er sich zu mir um, sah mich jetzt endlich wutschnaubend an und hob die Hand. „Eins“, bildete er wortlos mit den Lippen und streckte den Daumen in die Luft. „Zwei.“ Der Zeigefinger folgte. „Drei.“ Gerade, als er auch den Mittelfinger in die Luft streckte, ertönte das Babygeschrei.
Jetzt grinste Jasper trotz aller Müdigkeit. „Tu dir nur keinen Zwang an“, sagte er viel zu erschöpft, um irgendwie triumphierend zu klingen, was er allerdings zweifellos beabsichtigt hatte. Ich schluckte schwer und sah dann verblüfft dabei zu, wie Jasper ohne ein weiteres Wort die kleine Treppe neben dem Wohnzimmer hinauf verschwand. Das war jetzt aber nicht sein Ernst, oder? Ich wartete, während das Babygeschrei immer nervtötender wurde, aber nichts geschah. Außer, dass ich jetzt das Rauschen von Wasser hören konnte. Und immer noch schrie das Baby – oder vielmehr die Pappe.
Unsicher und noch immer dazwischen schwankend, stinkwütend oder einfach nur verängstigt zu sein, trat ich in das Wohnzimmer. Eine ziemlich alt aussehende, braune Ledercouch mit einem Überwurf aus sandfarbenem Stoff, auf der achtlos eine Gitarre lag, sprang mir direkt ins Auge. Unwillkürlich runzelte ich die Stirn. War ja klar, dass so ein Leichtfuß wie Jasper Whitlock auch noch Gitarre spielte! Neben der Couch und einem niedrigen, ziemlich grob geschreinerten Tisch stand das quietschrosa Babybett, das ich in der letzten Nacht mehr schlecht als recht hatte aufbauen müssen.
Es stand unter einem überraschend sauberen Fenster, das den Blick auf einen angrenzenden ziemlich kränklich wirkenden Miniwald freigab, der nur durch einen winzigen Hinterhof mit krummen Steinen als Befestigung vom Haus abgegrenzt war. Das Babygeschrei inzwischen fast verzweifelt ignorierend, fiel mein Blick auf die beiden schwarzen Notizbücher, die ebenfalls in jenem Studientrolley gelegen hatten – neben Whitlocks auch das, welches eigentlich für mich gedacht gewesen war und dass ich gestern mit voller Absicht hier gelassen hatte.
Eines der beiden war aufgeschlagen. Neugierig beugte ich mich darüber, hielt das Geschrei allerdings nicht mehr länger aus, um zu lesen, was dort in einer recht kleinen relativ gut leserlichen Schrift zu lesen stand. Kurz entschlossen trat ich an das Kinderbett, nahm das Bündel, das da so einen Höllenlärm veranstaltete heraus und drückte es unbeholfen an mich, während ich nach dem Schnuller suchte, den ich schließlich unter dem Kopfkissen – wozu brauchte eine Puppe das eigentlich? – fand.
Die Puppe an mich gedrückt und möglichst nicht darauf achtend, dass sie sich sofort ein wenig weniger verzweifelt anhörte, sobald ich sie an mich drückte, und ihr den Schnuller hastig in den Mund schiebend, setzte ich mich aufs Sofa. Einen Moment lauschte ich, ob Whitlock oben immer noch duschte, dann zog ich sein Notizbuch zu mir heran. „Am Abend des ersten Juni 2011 wurde die Puppe – wir haben sie auf den Namen Annabelle getauft – von uns – das heißt Edward Cullen und Jasper Whitlock – in Betrieb genommen“, las ich murmelnd und grinste, als ich las, dass Jasper tatsächlich alles zu geben schien, um uns als Paar darzustellen.
„Annabelle also.“ Ich grinste das Baby in meinen Armen an, das gerade die Augen geschlossen hatte, und streichelte es amüsiert über den Kopf. Dann las ich weiter: „Während Edward das erforderliche Zubehör aufbaute, habe ich mich mit Annabelle vertraut gemacht. Edward mag den Namen sehr. Ich dachte, es wäre seltsamer, zumindest für die kommenden drei Monate so zu tun, als wäre man eine Familie – aber das ist es nicht.“ Ich runzelte die Stirn, war verblüfft darüber, dass Jasper, der für mich bekanntlich genau das war, was einen Hinterwäldler überhaupt erst so unsympathisch und ungebildet machte, tatsächlich solch gewandte Worte verwendete.
„Edward besteht darauf, während der ersten Nacht derjenige zu sein, der aufsteht, wenn Annabelle schreien sollte. Ich schätze das lässt mich ihn noch mehr lieben.“ Ich wurde rot wie eine Tomate und war unendlich erleichtert, als ich immer noch das Rauschen von Wasser hören konnte. Obgleich mir irgendwie ganz anders wurde, als ich die letzten Worte las, fand ich, dass solche Bemerkungen genau das waren, was man von uns erwartete. Und ich wollte wissen, wie Jaspers Ausführungen zufolge der gestrige Abend weiter gegangen war. Gebannt biss ich mir auf die Lippen und las leise weiter.
„Wie in den Anweisungen verlangt, haben wir schon heute Abend damit begonnen, einen Plan für den Rest der Woche zu machen. Wir haben Annabelle gefüttert, sie gewickelt, umgezogen und dann gemeinsam ins Bett gebracht. Morgen wollen wir einen ausgedehnten Spaziergang machen – wohin genau, hat Edward mir noch nicht gesagt; er meint, es würde eine Überraschung werden. Er sagt, er freut sich schon darauf, mit Annabelle und mir erste Erfahrungen im Bezug auf die Reaktion der Leute zu sammeln.“ Da schloss der Eintrag mit der Überschrift „1. Juni 2011“ ab.
Ich blätterte die Seite um und fand einen weiteren Eintrag, den Jasper heute Vormittag verfasst haben musste: „Inzwischen ist es fünf Uhr morgens und Edward sitzt erschöpft neben Annabelles Bettchen. In der vergangenen Nacht hat sie nicht weniger als sieben Mal geschrien. Wie George bereits gestern erwähnt hat, soll uns die erste Nacht zeigen, wie es im Ernstfall sein könnte. Aber Edward hat dennoch gelächelt, als ich das Zimmer betreten habe. Er sagte, dass es vielleicht die längste Nacht seines Lebens war, allerdings vielleicht auch die interessanteste. Während ich Annabelle fertig gemacht habe, schlief er an ihr Bettchen gelehnt ein und ich wagte es nicht, ihn zu wecken. Ich beschäftigte Annabelle, indem sich sie ein wenig mit mir in der Wohnung herumtrug und mit ihr sprach, als wäre sie …“
Ich hörte, wie das Wasserrauschen aufhörte, und klappte erschrocken das Notizbuch zu. Kurze Zeit später kamen Jaspers Schritte die Treppe hinunter. Mit einem Mal bekam ich ein richtig schlechtes Gewissen, gestern Nacht einfach so abgehauen zu sein. Zumindest so lange, bis ich Jasper in der Tür stehen sah und nicht anders konnte als ihn anzustarren. Was fiel dem denn bitte ein, so vor meine Augen zu treten? Da stand er, nur mit einem Handtuch um die Hüften und einem weiteren in der Hand, mit dem er sich die Haare trocken rubbelte.
„Herrgott noch mal!“, schnaubte ich aufgebracht und vergaß die Sache mit dem schlechten Gewissen sofort. „Zieh dir sofort etwas an oder ich … oder ich rufe diesen George-Menschen an und sage ihm, dass du nackt vor unserem Plastikbaby rumläufst!“, polterte ich und drehte mich demonstrativ von Jasper weg. Er lachte allerdings nur und besaß doch wirklich die Frechheit, sich auf eine Kante des Wohnzimmertischs zu setzen. „Das hier ist mein Haus, Muttersöhnchen“, erinnerte er mich gedehnt. Papier raschelte, dann warf er etwas auf die Couch. Ich kniff die Augen halb zusammen, mied Jaspers Anblick aufs Penibelste und blickte dann auf das aufgeschlagene Notizbuch, in dem ich vorhin noch unerlaubterweise gelesen hatte.
„Vorhin war es noch offen, Einstein“, bemerkte Jasper amüsiert. Ich sah ihn an und konzentrierte mich dabei darauf, nur sein Gesicht anzustarren. „Da schreibst du wildfremden Leuten, wie sehr du mich doch liebst und ich darf es nicht mal lesen“, säuselte ich und grinste breit. Jasper seufzte tief und schien heute viel weniger streitlustig als noch gestern – was ja irgendwie schon schade war. „Wie war die Nacht denn nun wirklich, Superdaddy?“, triezte ich ihn. Er sah mich lange an, dann schnitt er mir eine Grimasse. „Ich verrate nichts, Einstein. Heute Nacht wirst du es selbst herausfinden, glaub mir.“
„Herrgott noch mal!“, schnaubte ich aufgebracht und vergaß die Sache mit dem schlechten Gewissen sofort. „Zieh dir sofort etwas an oder ich … oder ich rufe diesen George-Menschen an und sage ihm, dass du nackt vor unserem Plastikbaby rumläufst!“, polterte ich und drehte mich demonstrativ von Jasper weg. Er lachte allerdings nur und besaß doch wirklich die Frechheit, sich auf eine Kante des Wohnzimmertischs zu setzen. „Das hier ist mein Haus, Muttersöhnchen“, erinnerte er mich gedehnt. Papier raschelte, dann warf er etwas auf die Couch. Ich kniff die Augen halb zusammen, mied Jaspers Anblick aufs Penibelste und blickte dann auf das aufgeschlagene Notizbuch, in dem ich vorhin noch unerlaubterweise gelesen hatte.
„Vorhin war es noch offen, Einstein“, bemerkte Jasper amüsiert. Ich sah ihn an und konzentrierte mich dabei darauf, nur sein Gesicht anzustarren. „Da schreibst du wildfremden Leuten, wie sehr du mich doch liebst und ich darf es nicht mal lesen“, säuselte ich und grinste breit. Jasper seufzte tief und schien heute viel weniger streitlustig als noch gestern – was ja irgendwie schon schade war. „Wie war die Nacht denn nun wirklich, Superdaddy?“, triezte ich ihn. Er sah mich lange an, dann schnitt er mir eine Grimasse. „Ich verrate nichts, Einstein. Heute Nacht wirst du es selbst herausfinden, glaub mir.“
Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, hatte ich doch nicht das kleinste Bisschen vor, eine Plastikpuppe mit nach Hause zu nehmen und meinen Eltern dann zu erklären, was es mit ihr auf sich hatte. „Wir fangen heute damit an, unsere ersten Reaktionen zu sammeln“, bestimmte Jasper frei heraus. Ich runzelte unwillig die Stirn und gab ungehalten zurück: „Tun wir das, ja?“ Jasper nickte nachdenklich und stand dann auf. „Ich zieh mir was an und du ziehst Annabelle was Vernünftiges an.“ Und mit diesen Worten verschwand er erneut die Treppe hinauf.
Ich rauchte vor Wut und blickte auf das Baby in meinen Armen, das meiner Meinung nach nun wirklich vernünftig genug angezogen war. Allerdings sagte mir irgendetwas, das aus Jaspers müder Gelassenheit mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ganz schnell mordlüsterne Wut wegen der vergangenen Nacht werden würde, wenn ich nicht das tat, was er verlangte. So zog ich Annabelle also linkisch den Schlafanzug aus und einen – wer hätte das gedacht – rosa Strampler an, auf den vorne ein lächelnder Hase gedruckt war _ Gott sei Dank musste ich ihn nicht auch noch die Windel wechseln! Dann kramte ich einen neuen Satz Socken und auch eine rosa Mütze aus dem Koffer. Ich hatte gerade beides der Puppe angezogen, während sie auf der Couch lag und mindestens zweimal gerade so rechtzeitig den Schnuller zurück an Ort und Stelle platziert, bevor die Sirene wieder ertönte, als Jasper wieder ins Wohnzimmer kam.
Ich rauchte vor Wut und blickte auf das Baby in meinen Armen, das meiner Meinung nach nun wirklich vernünftig genug angezogen war. Allerdings sagte mir irgendetwas, das aus Jaspers müder Gelassenheit mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ganz schnell mordlüsterne Wut wegen der vergangenen Nacht werden würde, wenn ich nicht das tat, was er verlangte. So zog ich Annabelle also linkisch den Schlafanzug aus und einen – wer hätte das gedacht – rosa Strampler an, auf den vorne ein lächelnder Hase gedruckt war _ Gott sei Dank musste ich ihn nicht auch noch die Windel wechseln! Dann kramte ich einen neuen Satz Socken und auch eine rosa Mütze aus dem Koffer. Ich hatte gerade beides der Puppe angezogen, während sie auf der Couch lag und mindestens zweimal gerade so rechtzeitig den Schnuller zurück an Ort und Stelle platziert, bevor die Sirene wieder ertönte, als Jasper wieder ins Wohnzimmer kam.
Er trug jetzt Gott sei Dank weder Lederjacke – wie gestern –, noch Handtuch. Stattdessen hatte er Jeans an, die knapp unter den Knien unfachmännisch abgeschnitten waren, gewöhnliche Sneakers und ein weißes T-Shirt mit Aufdruck. „Rise Against, hm?“, fragte ich amüsiert. War ja klar, dass der Kerl sein Lebensmotto buchstäblich mit vor Stolz geschwellter Brust zur Schau trug. Er zuckte die Achseln und verschränkte mit forschendem Blick die Arme vor der Brust, auf der das Emblem eben dieser Band prangte – ein schwarzes Herz mit Faust in der Mitte, umgeben von einem Kreis. Die Engelsflügel machten es meiner Meinung nach ja auch nicht unbedingt besser. „Bist du so weit?“ Ich nickte, noch immer amüsiert darüber, dass Jasper tatsächlich nach Lederjacke und Handtuch nichts Besseres eingefallen war, als ein Shirt von einer Band aus Vegetariern und Veganern anzuziehen.
Aber bevor ich dazu noch etwas sagen konnte, nahm er auch schon Annabelle auf den Arm und nickte in Richtung des Kinderwagens. Gott sei Dank waren bei dem nur die Haltegriffe in Pink! Wenngleich widerstrebend, klappte ich das Ding zusammen und folgte Jasper aus dem Haus. Ich war ja schon gespannt, ob er Annabelle wirklich auf seine Harley schnallen wollte, oder … „Komm schon, Einstein! Wenn du nur ein Auto hast, dann bin ich ab sofort Will Smith“, verkündete Jasper und musterte mich, der ich gerade aus der Haustür trat von unten herauf kritisch. „Du hast ja wohl auch nicht nur dieses armselige Motorrad“, hielt ich dagegen.
„Beleidige Heather noch ein einziges Mal und du darfst zusehen, wie aus deinem Aston ein Fall für die Schrottpresse wird“, knurrte Jasper und wiegte Annabelle im Arm. Ich schnaubte nur und machte keinerlei Anstalten, zuzugeben, dass ich sehr wohl noch ein anderes Auto besaß. „Wir stehen noch bis heute Abend hier, Klugscheißer. Entweder du machst jetzt, dass du ein familienfreundliches Auto hierher schaffst oder wir zwei kriegen gewaltigen Zoff miteinander“, bemerkte Jasper und blickte interessiert zu meinem Aston. Eine Weile hielt ich es aus, ihn so gewaltbereit mein geliebtes Auto anzustarren, dann gab ich auf, ließ an Ort und Stelle den Buggy fallen und stampfe an Jasper vorbei, ohne mich noch einmal umzublicken.
Es dauerte fast eine Stunde, bis ich wieder zurück war – dieses Mal mit meinem silbernen Volvo. Jasper war wieder ins Haus gegangen, sodass ich wieder klopfen musste. Er öffnete mir und erinnerte mich an den Buggy, während er abermals mit Annabelle vorausging. Es tat mir fast weh, zu sehen, wie er Annabelle samt ihrem Maxi Cosi auf der Rückbank meines Autos anschnallte, dann den Beifahrersitz wieder nach vorne klappte und mich auffordernd ansah. „Was?“, keifte ich beinahe. „Was wohl?“, kam es zurück und Jasper hielt mir die Hand hin.
„Beleidige Heather noch ein einziges Mal und du darfst zusehen, wie aus deinem Aston ein Fall für die Schrottpresse wird“, knurrte Jasper und wiegte Annabelle im Arm. Ich schnaubte nur und machte keinerlei Anstalten, zuzugeben, dass ich sehr wohl noch ein anderes Auto besaß. „Wir stehen noch bis heute Abend hier, Klugscheißer. Entweder du machst jetzt, dass du ein familienfreundliches Auto hierher schaffst oder wir zwei kriegen gewaltigen Zoff miteinander“, bemerkte Jasper und blickte interessiert zu meinem Aston. Eine Weile hielt ich es aus, ihn so gewaltbereit mein geliebtes Auto anzustarren, dann gab ich auf, ließ an Ort und Stelle den Buggy fallen und stampfe an Jasper vorbei, ohne mich noch einmal umzublicken.
Es dauerte fast eine Stunde, bis ich wieder zurück war – dieses Mal mit meinem silbernen Volvo. Jasper war wieder ins Haus gegangen, sodass ich wieder klopfen musste. Er öffnete mir und erinnerte mich an den Buggy, während er abermals mit Annabelle vorausging. Es tat mir fast weh, zu sehen, wie er Annabelle samt ihrem Maxi Cosi auf der Rückbank meines Autos anschnallte, dann den Beifahrersitz wieder nach vorne klappte und mich auffordernd ansah. „Was?“, keifte ich beinahe. „Was wohl?“, kam es zurück und Jasper hielt mir die Hand hin.
Ich war sicher, im falschen Film zu sein. „Kommt nicht infrage!“, stellte ich klar. „Ich hab gesehen, wie du Motorrad fährst, du Wahnsinniger. Da bin ich wirklich nicht scharf drauf, dass du mein Auto auch noch zu Schrott fährst.“ Jasper blickte mich finster an, stieg dann aber auf der Beifahrerseite ein, wobei er es nicht versäumte, die Tür viel zu heftig zuzuschlagen. Ich verdrehte genervt die Augen und stieg dann ins Auto. „Anschnallen“, befahl ich ohne Umschweife, als ich sah, dass Jasper zwar wieder die Arme verschränkt, allerdings den Gurt noch nicht angelegt hatte.
Er schnaubte nur und sah aus dem Fenster. Mühsam um Ruhe bemüht, schnallte ich mich erst selbst an und zerrte dann ohne viel Federlesen Jaspers Gurt zu mir herüber und schnallte auch ihn an, wobei ich mir Mühe gab, ihm nicht allzu nahe zu kommen – es klappte nicht so ganz. Jetzt war Jaspers Blick noch finsterer. „Was für ein Glück, dass ich mir schon hab denken können, dass du ein sicherheitsfanatischer Vollidiot bist. Du wirst doch gestatten, oder?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, kramte er eilig in seinen vorderen Hosentaschen herum, zog letztlich einen USB-Stick hervor und steckte ihn ohne ein weiteres Wort in den richtigen Anschluss.
Empört sah ich zu, wie er an den Knöpfen meiner heiligen Musikanlage drehte und sich dann erleichtert ausatmend in seinem Sitz zurücklehnte. „Was zum …?“, setzte ich an, wurde allerdings von der Musik unterbrochen, die nicht laut genug war, um Annabelle auf den Plan zu rufen, aber doch laut genug, um mich zu übertönen. „Kennst du ohnehin nicht“, meinte Jasper spöttisch grinsend. „Kings of…“ „Leon“, schloss ich und grinste meinerseits spöttisch. „Fünf Konzerte“, fügte ich zufrieden grinsend hinzu und ließ den Wagen an. Jasper warf mir einen verwunderten Blick zu, bemühte sich dann aber sogleich, gleichgültig auszusehen.
„Wohin?“, erkundigte ich mich knapp, als wir der Innenstadt immer näher kamen. Allmählich wurde ich wirklich nervös. Wenn mich jetzt einer meiner Freunde sah, dann hätte ich ein gewaltiges Problem. Jasper schien derlei Gedanken allerdings gar nicht zu haben. „Walk of Fame?“, schlug er tatsächlich vor. Ich sah ihn entgeistert an, aber er zuckte nur die Achseln, blickte unbeteiligt drein. „Wir sollen doch Reaktionen sammeln“, erinnerte er mich und ich seufzte innerlich. Wie weit war es eigentlich mit mir gekommen?, fragte ich mich immer nervöser werdend.
Gestern Mittag noch hatte ich Jasper Whitlock alles an Schimpfwörtern hinterher brüllen wollen, was mir gerade einfiel. Und jetzt? Jetzt saß ich neben ihm in meinem Auto, hinter uns ein Plastikbaby, dessen so genannte Eltern wir beide für die nächsten Monate sein würden, und fuhr tatsächlich in Richtung Walk of Fame, um mir dort anzuschauen, was die Leute von mir und Jasper als Paar hielten – als Paar mit einem Plastikbaby namens Annabelle. Wenn das mal keine Hundertachtziggradwendung war!
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