Samstag, 4. Juni 2011

Kapitel 8

~ Von Möchtegernmärchenprinzen, geliebten kleinen Schwestern und der Angst vor fliegenden Bratpfannen. ~


Jaspers POV
Wenn ich diesen Scheißkerl erst einmal in die Finger bekam, dann würde ich ihm mal zeigen, wie man bei mir zuhause in Texas dafür Danke sagte, dass man fahrlässig hängen gelassen wurde! Keine fairen Duelle. Nein, Kinnhaken, bis der andere gelernt hatte, dass er sich schon mal einen Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen suchen sollte, wenn er beim nächsten Fehler nicht scharf darauf war, einen krummen Kiefer bis in alle Zukunft präsentieren zu müssen. Verdammt, hatte ich eine Wut im Bauch!

Ich wusste nicht in welcher Zeitzone Cullen lebte, doch in der hiesigen war die Bezeichnung  „morgenfrüh“ schon seit einigen Stunden abgelaufen. Es war mittlerweile fast Mittag und von Cullen keine Spur. Er hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, mich anzurufen, geschweige denn auf meine eigenen zahlreichen Anrufversuche zu reagieren. Wieder einmal drückte ich mit mehr Kraft als erforderlich die Wahlwiederholung auf dem altersschwachen Handy und brüllte wütend auf, als erneut das ellenlange Tuten ertönte, nur um dann auf Cullens Mailbox umzuspringen:

„Hey, Leute. Ihr wisst, was zu tun ist, wenn ihr Wert darauf legt, dass ich mich vor meinem nächsten Urlaub in der Karibik noch bei euch melde.“ Großspuriges Lachen. „Wie auch immer, ihr Penner.“

Lange Zeit kämpfte ich gegen den Drang an meinen Ärger auf seiner Mailbox Luft zu machen. Doch welchen Sinn hätte dieses Vorhaben? Die vergleichsweise kurze Zeit reichte einfach nicht aus, um Cullen alles, was mir durch den Kopf ging, vorzuhalten. Ihn bis ins kleinste Detail darüber in Kenntnis zu setzen, was für ein gottverdammtes Arschloch er war.

Vielleicht sollte ich Annabelle einfach nehmen und vor seiner Tür abladen? Die Frage war nur, wie nahe ich an das Cullensche Anwesen und damit dessen abgefuckte Türschwelle herankommen würde. Sollte er doch seinen Eltern erklären, was er für ein versnobter, ungehobelter Schnösel war, ihnen gestehen, dass er nicht nur unsäglich undankbar war, sondern dass er nichts zuwege brachte, schlicht und ergreifend ein Loser war.

Immer wieder warf ich einen Blick auf die Uhr. Mit jeder Bewegung des Sekundenzeigers vernahm ich nicht nur das Geräusch immer dröhnender in meinen Ohren – Tick-Tack! Tick-Tack! Nein, meine Wut auf Cullen wuchs und wuchs auch noch immer weiter. Was bildete sich dieser Schnösel bloß ein? Und zu allem Überfluss durfte ich auch noch Annabelle die ganze Zeit mit mir herum tragen, während ich nur Millimeter davon entfernt war, etwas sehr, sehr Dummes zutun. Jeder Versuch die Puppe abzusetzen, endete in einem ohrenbetäubenden Geschrei. Also behielt ich sie auf dem Arm und marschierte fluchend im Wohnzimmer auf und ab. Wenn das so weiter ging, würde ich in wenigen Stunden meinen ganz eigenen Trampelpfad auf dem Fußboden hinterlassen haben.

Meine allerletzte Möglichkeit, um mich an Cullen zu rächen, bestand darin, George anzurufen. Sollte Cullen doch sehen, wie er dem peniblen George unsere Trennung erklärte, nachdem wir so sehr versucht hatten, ihm überhaupt erst eine Beziehung vorzuspielen. Der Drang George wirklich anzurufen, wurde unermesslich, nachdem mal ich beim sicherlich tausendsten Anrufversuch wieder nur Cullens schleimige Stimme auf der Mailbox ertragen musste.

George anzurufen bedeutete jedoch etwas ganz Entscheidendes – auf das Geld für die Teilnahme an der Studie würde ich dann wohl oder übel verzichten müssen. Aber das Geld war einfach viel zu wichtig für mich, für Rose, und genau aus dem Grund hatte Cullen mich in der Hand. Er konnte machen, was er wollte, weil er seit gestern nur allzu gut wusste, was die Entlohnung für eine Bedeutung für mich hatte, wie wichtig sie für mich war. Und ich Idiot hatte es ihm auch noch höchstpersönlich auf die Nase binden müssen …

„So eine gottverdammte …“, brüllte ich los, woraufhin Annabelle scheinbar erschrocken aufschrie. Dieses Geschrei! Nur noch ein Weilchen und ich würde einfach durchdrehen. Ja, so viel stand wohl fest. „Jetzt sei doch endlich ruhig und bleib es auch“, versuchte ich allen Ernstes eine Plastikpuppe zu beruhigen und tätschelte dann zu allem Überfluss auch noch unbeholfen ihren Plastikrücken. Diese Erfahrung trug sicherlich noch dazu bei, dass ich niemals eigene Kinder haben wollte. Niemals.

Von Zeit zu Zeit drückte ich immer mal wieder auf die Wahlwiederholungstaste, doch meine Versuche waren weiterhin nicht von Erfolg gekrönt. „Dein Daddy hat sich aus dem Staub gemacht“, hielt ich der Puppe vor, und ich war mir sicher, dass mein Gesichtsausdruck so höhnisch war, dass er meine gute alte Mum mit reichlich hoher Wahrscheinlichkeit zu einer deftigen Gardinenpredigt über gutes Benehmen – Gesichtsausdruck inbegriffen – hingerissen hätte.

Just in diesem Moment der geistigen Abwesenheit klingelte mein Telefon. „Cullen, du beschissener Idiot! Schaff endlich deinen Hinter hierher!“ Ein fröhliches Kichern ertönte am anderen Ende der Leitung. Ein Kichern, das nur zu einer Person gehören konnte. Unbewusst, ließ mich diese Erkenntnis lächeln „Wer ist Cullen?“, kicherte Rose immer noch. „Nur ein Freund, der mich versetzt hat“, tat ich meine nicht gerade nette Begrüßung ab. „Wie geht es dir, meine Süße?“ Ich legte Annabelle vorsichtig in ihre Wiege, und zu meinem Glück blieb sie still.

„Gut, geht es mir, Bruderherz.“ Eine kurze Pause, dann: „Jazz, was schenkst du mir zum Geburtstag?“ Typisch Rose. In wenigen Tagen wurde sie fünfzehn und wie jedes Jahr, konnte sie ihren Geburtstag kaum erwarten. Und wie jedes Jahr hatte ich noch keine Idee, was ich ihr schenken und womit ich sie am glücklichsten machen konnte.

Rose plapperte fröhlich drauf los. Entspannt ließ ich mich auf die Couch fallen, hörte ihr zu und ließ nur hin und wieder ein „Hm“ ertönen. Meine kleine Schwester war mein ein und alles. Der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich würde alles, wirklich alles für sie tun. Selbst wenn das bedeutete, dass ich Cullen noch weitere drei Monate ertragen musste.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Mit der Hand wischte ich mir über die Augen, um meine Aufmerksamkeit wieder auf Rose und ihre Sorgen zu lenken. „Entschuldige bitte, Kleines. Was hast du gerade gesagt?“ „Du bist unmöglich“, klagte sie und ließ dann die Bombe mit den Worten: „Ich hab Emmett gestern getroffen“, platzen.

Wen hast du getroffen?“, zischte ich und hoffte inständig, dass ich mich verhört hatte, beziehungsweise sie nicht von DEM Emmett sprach. Dem Emmett McCarty, der sich mit seinen siebzehn Jahren für so unwiderstehlich hielt, dass einem glatt schlecht werden konnte und der scheinbar ein Auge auf Rose geworfen hatte. Der Emmett McCarty, der nicht nur der beste Footballspieler an meiner ehemaligen High School war, sondern auch der verdammt Beste des ganzen Bundesstaates und sich darauf gehörig etwas einbildete.

„Oh, nun komm schon Jazz! Du weißt genau, wen ich meine. Er hat mir meine Bücher nach Hause getragen. Die Bücher, die ich mir ausleihen musste, weil …“ Sofort machte sich das schlechte Gewissen in mir breit. Nicht nur die Kosten für ihre Ausbildung waren extrem hoch, sondern auch die Nebenausgaben wie die für die erforderlichen Bücher für besagte Ausbildung. Fachbücher. Bisher musste Rose darauf zurückgreifen, sich diese immer aus der Bibliothek auszuleihen, weil das Geld für Neuanschaffungen einfach viel zu knapp war, insbesondere, weil Mum ihre Extraschulstunden mit dem Privatlehrer auch so schon kaum zahlen konnte.

„Rose, gib mir nur noch ein wenig Zeit, und du bekommst das Geld für eigene Bücher. Dann muss auch kein Schmalspurfootballspieler dir helfen, um sie dir nach Hause zu tragen“, entschuldigte ich mich zerknirscht und ging im Geiste meinen Kontostand durch. „Ich lass mir meine Bücher aber gerne von ihm tragen. Er ist wirklich nett, Jazz. Du musst ihn nur mal näher kennenlernen.“ Einen Teufel würde ich tun. Typen wie Emmett McCarty hatte es auch zu meiner Schulzeit schon gegeben – auch wenn die, wenn man Rose fragte, bereits vor der Steinzeit ihr Ende gefunden hatte. Aber zumindest sagte sie nichts dazu, dass sie mich mit meinen vierundzwanzig Lenzen für prähistorisch alt hielt.

„Am Freitag gehen wir mit ein paar anderen zum bowlen“, verkündete sie unvermittelt. Eher konnten Schweine fliegen. Keine Chance! Rose würde mit diesem wandelnden Nullwert in Sachen IQ nirgendwohin gehen – nicht, wenn ich das irgendwie verhindern konnte! „Das reicht, Rose. Ich komme sofort nachhause!“, fluchte ich und hatte mein Motorrad gedanklich schon bestiegen.

„Ich warne dich, Jasper Whitlock! Mum hat es mir erlaubt und du wirst mir das nicht kaputt machen“, entgegnete Rose mir mit absolut sicherer und fester Stimme, wobei ich deutlich jenen Unterton heraushörte, den auch Mum immer vorweisen konnte, wenn sie kurz davor stand, mir den Kopf abzureißen. Ja, wahrscheinlich warf Rose in diesem Moment ihre langen blonden Haare zurück, stampfte mit dem Fuß auf und warf dem Telefon tödliche Blicke zu – ganz wie Mum.

Natürlich, sie war noch ein Kind und sollte an solche Dinge wie Jungs und Dates noch gar nicht denken. Vielleicht in zehn … oder vielleicht doch besser erst in zwanzig Jahren. Mit über dreißig war es absolut in Ordnung, wenn sie mal ausging. Nahm ich zumindest mal an. Aber jetzt doch noch nicht! „Darlin‘ ich will doch nur auf dich aufpassen“, versuchte ich sie zu beschwichtigen. „Das kann ich auch sehr gut selbst, vielen Dank“, gab sie schnippisch zurück. „Wie soll ich denn meine eigenen Erfahrungen sammeln, egal ob gute oder schlechte, wenn du dich wie mein ganz persönlicher Wachhund aufführst?“

Mit dieser Aussage hatte sie natürlich Recht – um so viel mehr Recht, als mir eigentlich lieb war. Ich konnte und sollte sie nicht vor allem bewahren. Rose sollte schließlich eine selbstbewusste und vor allem eigenständige Person werden. Doch dafür hatte sie noch ihr ganzes Leben Zeit und vor allem sollte sie diese Erfahrungen nicht mit diesem Möchtegerntraumprinzen sammeln.

„Verdammt, Rose! Ich weiß einfach, wie diese Typen ticken. Auch wenn du es kaum glauben kannst, war ich doch auch mal auf der High School. Und Typen wie diesen Emmett gab es da zuhauf, das darfst du mir gerne glauben.“ „Was für Typen?“, hakte sie leicht mürrisch nach. Ich wollte eigentlich nicht laut aussprechen, was genau ich von solchen Typen hielt, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus, ohne dass ich sie aufhalten konnte.

„Typen, die der Meinung sind, dass ihnen die ganze Welt gehört. Die es nicht für nötig halten, von ihrem hohen Ross einmal abzusteigen und sich mit normalen Menschen abzugeben. Selbst dann nicht, wenn sie mit diesen Menschen im Sandkasten gespielt haben, als man ihnen noch nicht erzählt hat, wie toller und wie besser sie doch als alle anderen sind. All die Emmett McCartys, die lieber jedem Rock hinterher jagen, als sich nur einen Deut darum zu kümmern, wen sie damit verletzen könnten, weil sie dir nicht zuhören, wenn du ihnen etwas erzählst. Die Kerle, die mit stolz geschwellter Brust durch die Gänge laufen und ernsthaft erwarten, dass jeder den Boden küsst, über den sie wandeln. Die, die keinen Finger für die Schule krummmachen müssen, weil jeder ihnen gute Noten gibt und sich keiner traut, sich dem Trainer in die Quere zu stellen …“

Ewig hätte ich so weiter reden können, denn ich hatte es schließlich am eigenen Leib erlebt, doch Rose unterbrach mich, sehr vorsichtig und sehr sanft „Jasper?“ Ich antwortete nicht. Das war auch nich nötig, denn sie fragte sogleich: „Wer hat dich so verletzt?“ Die Stimme meiner Schwester klang so unsicher und klein, dass ich es ihr fast erzählen wollte. Erzählen wollte, warum es nie gut war, einen dieser High School-Prinzen zu nah an sich heranzulassen. Doch wenn ich sie, meine kleine Rose, wirklich vor allem Übel beschützen wollte, musste ich lernen ihr gegenüber mein Herz zu verschließen. Nur war es leider so, dass ich bei Rose immer mal wieder vergaß, wie jung sie eigentlich noch war … zumindest, was diese Sache anging.

„Niemand.“ Seufzend versuchte ich die aufsteigenden Erinnerungen an meine Schulzeit, die sich gerade gewaltsam einen Weg in meinen Kopf bahnten, zu verdrängen. Doch ich war nicht stark genug, um gegen meine Erinnerungen anzukämpfen – nicht jetzt, wo ich mir vielerlei Sorgen um Rosalie, Cullen, diesen Deppen und die Studie machen musste. Wie durch statisches ein Rauschen nahm ich wahr, wie Rose das Gespräch beendete, weil Mum sie zu sich rief, und versprach, mich bald wieder anzurufen. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, ihr nochmals zu verdeutlichen, dass sie am besten einen ganz weiten Bogen um diesen Möchtegernprinzen machte, ehe mich die Vergangenheit wie Wellen überrollte.

Erinnerungen an eine Freundschaft, die bereits im Sandkasten des Kindergartens entstanden war und durch ein einziges Auswahltraining für die Footballmannschaft ein jähes Ende gefunden hatte. Durch Dick und Dünn waren wir lange Zeit gegangen, bis zu jenem Tag, an dem Jakes Vater seinen Sohn förmlich zu diesem einen Training, bei dem es, wie er gesagt hatte, darum ging, ob Jake ein richtiger Black wurde, oder nach seiner Mutter schlagen und die Familie in den Dreck ziehen würde, gezwungen hatte.

Tagelang hatten wir beide uns einen Plan ausgedacht, wie Jake das Training sabotieren konnte – sich besonders untauglich anstellen, Verletzungen vortäuschen, all das. Mit großen Augen und wahrlich mehr als nur ungläubig, hatte ich schließlich auf der Tribüne gesessen und zugesehen, wie er jeden anderen Spieler auf dem Feld ausstach und der Coach ihm förmlich die Welt zu Füßen legte. Und ich hatte es nicht verhindern können. Und wollte das eigentlich auch gar nicht.

„Nur weil ich jetzt Football spiele, wird sich an unserer Freundschaft nichts ändern.“ Selbst heute, nach all den Jahren, spürte ich noch die Erinnerung an den Klumpen im Magen, als Jacob das gesagt hatte – so sicher, so überzeugt. Es war eine Lüge gewesen. Eine Lüge. Denn statt weiter beste Freunde zu sein, hatte sich einfach alles – alles – verändert. Plötzlich war Jake der coole Typ, der unerreichbar war. Und ich? Ich war nicht cool. Ich gab nicht vor, cool zu sein. Ich blieb einfach ich selbst – Jasper Whhitlock, 16, Außenseiter aus Prinzip. Schon immer war ich ein wenig anders, als die Schülerwelt es von mir erwartete und blieb somit in vielen Dingen stets außen vor.

Dass ich diese Außenseiterposition nicht zuletzt deshalb gemocht hatte, weil ich eben Jake an meiner Seite wusste, wurde mir schon sehr bald nach Jacobs Aufnahme in das Footballteam unserer Schule klar. Plötzlich hatte ich niemanden mehr, mit dem ich meinen Status teilen konnte. Mein bester Freund war in eine Welt eingetaucht, zu der ich keinen Zutritt hatte. Er war beliebt und jeder wollte sein Freund sein. Und irgendwie war auch jeder sein Freund. Nur mich hatte er irgendwie vergessen, während er mit all den anderen zusammen war, die einmal für ihn genauso unerreichbar gewesen waren, wie er es jetzt für mich war. Traf ich ihn mal auf dem Schulflur oder nach dem Unterricht – was selten genug vorkam – alleine an, waren wir um jedes Wort verlegen. All unsere Gemeinsamkeit – verschlungen von seinem neuen Leben. Einem Leben ohne Nächte voll Videospiele, Popcorn und Comics. Ohne Jasper Whitlock.

Beinahe hilflos musste ich dabei zusehen, wie mein ehemals bester Freund, all die Dinge tat, die ich auch in Emmett sah. Er führte sich auf wie der King persönlich, jagte jedem Rock hinterher, dessen Besitzerin nicht bei fünf auf dem Baum saß und fühlte sich dadurch nur noch bestärkt, sich eine Motorsäge zu besorgen, sie vom Baum zu fischen und sie davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie war – zumindest für die nächste Stunde.

Doch all diese Dinge waren nicht der Grund dafür, dass ich meine Erinnerungen an Jake in das letzte Eckchen meines Gehirns verbannt hatte. Nicht die Tatsache, dass Jacob zu genau dem geworden war, was er bis dahin verachtet hatte. Nein, der Grund, warum ich eigentlich niemals an Jacob Black denken wollte, war dieser eine Abend. Dieser eine Abend, der mein gesamtes Weltbild auf den Kopf gestellt hatte und der noch heute dafür sorgte, dass ich mich bisweilen unweigerlich fragte, ob ich mich eigentlich selbst wirklich kannte. War ich wirklich der Mensch, der ich zu sein glaubte?

Und alles passierte ausgerechnet in der Prom-Nacht, der Nacht des Balls, des großen und endgültigen Abschlussballs. Die Nacht, die für Tausende und Abertausende amerikanischer Schüler die spektakulärste, tollste, einzigartigste Nacht des Lebens zu werden verspricht. Und die für mich zu einer Art Traum-Alptraum wurde. Selbst heute bin ich mir noch nicht ganz sicher, was von beidem es nun wirklich war.

Selbstverständlich hatte ich kein Date für diesen Abend. Ich wollte auch gar keins haben. Zu deprimierend, mich um eines zu bemühen und dann immer wieder ein Nein als Antwort zu bekommen. Dieses ganze Getue um ein Kleid, die richtige Ansteckblume und was weiß ich noch alles – es war mir einfach zu viel, was wiederum ein weiterer Grund war, gar nicht erst zu fragen. Da ging ich doch lieber alleine dem Ende meiner High School-Karriere entgegen.

Der Abend zog erwartungsgemäß unspektakulär an mir vorbei. Natürlich hatte die gesamte Footballmannschaft unbemerkt den Getränkebestand mit Alkohol gepimpt und so fand sich die eine oder andere Schnapsleiche unter den anwesenden Schülern. Für mich war der Zeitpunkt erreicht um mich von dieser Veranstaltung zu verabschieden, als einer dieser betrunken Vollpfosten mir auf die Schuhe kotzte.

Angewidert durchquerte ich die lächerlich festlich dekorierte Sporthalle, um meine Schuhe in einer der Duschen neben den Umkleidekabinen von der Kotze zu befreien. Als ich eintrat, wurde ich mir zunächst einmal der Tatsache bewusst, dass alles im Halbdunkel dalag. In den dunklen Ecken hatten sich einige Pärchen eingefunden, um in aller Ruhe auf Tuchfühlung zu gehen. Dass so ziemlich jedes Stadium dieser „Tuchfühlung“ vertreten war, überraschte mich bei dem Alkoholpegel, den die Schülerschaft sich inzwischen tapfer angesoffen hatte, so gar nicht.

„So eine verfluchte Scheiße!“, schimpfte ich vor mich hin, als ich mir eine der hintersten Duschen ausgesucht hatte und meinen Schuh unter den Wasserstrahl hielt. „Na, na, na! Wer will denn hier fluchen“, ertönte unvermittelt Jakes raue Stimme hinter mir und ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ein einziger Blick auf Jacob, der im Türrahmen lehnte, genügte, und mir war klar, dass auch Jake ein wenig zu viel von der Spezialbowle genossen hatte. Längst hatte er seine Krawatte verloren, sein Hemd hing irgendwo zwischen halb acht und halb neun an ihm herunter. Seine Haare tiefschwarzen standen wirr in alle Richtungen.

„Ohne dein Gefolge unterwegs? Was ist passiert? Haben sie dich alleine gelassen, Jake-Boy?“ Den höhnischen Unterton in meiner Stimme versuchte ich erst gar nicht zu verstecken. Immerhin waren wir schon längst keine Freunde mehr – warum also sollte ich meine Verachtung vor dem Jungen verstecken, der den beschissenen Sport – Fottball, um Himmels willen! – seinem besten Freund vorgezogen hatte? Dafür gab es nun wirklich nicht den Ansatz eines Grundes.

„Jasper, ich …“, setzte er überraschend verletzt aussehend an „Was willst du?“, fauchte ich zurück und beendete meine kleine Duschsession. Ich drehte den Wasserhahn zu und hoffte, dass ich alle Spuren beseitigt hatte. „Ich wollte nicht, dass es so zwischen uns endet. Mein Dad hat mich dazu gezwungen, dem Team beizutreten. Um ihm endlich zu beweisen, dass ich ein echter Kerl bin und kein Waschlappen, der nichts anderes als Musik, Comics und Videospiele im Kopf hat. Ich wollte das doch alles nie!“ Jakes zwar reichlich schleppender, aber ganz offen verzweifelter Ton ließ mich einen kurzen Moment innehalten.

Dann stieß ich ungehalten hervor: „Dass ich nicht lache! Dafür, dass du das alles nie wolltest, hast du deine Rolle aber verdammt gut gespielt, findest du nicht?!“ „Du kennst doch meinen Dad!“, erinnerte mich Jacob fast weinerlich. Ja, ich kannte Jakes Vater nur zu gut. Er war selbst einer dieser Menschen, zu dem er Jake nun endlich geformt hatte. Ein egoistischer Mistkerl, der es liebte, jeden zu schikanieren, der nicht seinem Schema entsprach. „Das war doch alles nur ein Vorwand für dich, um von mir weg zu kommen, ohne mir ins Gesicht sagen zu müssen, dass ich dir nicht gut genug bin! Lass es gut sein, Jake. Wir haben einander nichts mehr zu sagen – und das wolltest du ja auch so.“

Ich wollte mich an ihm vorbeidrängen und diese Farce endlich hinter mir lassen, wollte so schnell wie möglich weg von dort, weil ich mich gut genug kannte, um zu wissen, dass ich noch mehr von diesem emotionalen Bullshit von mir geben würde, doch ich hatte die Rechnung ohne Jake gemacht. Ehe ich mich versah, hatte er mich gegen die brüchigen Fliesen der Dusche gedrängt. Eingesperrt zwischen seinen Armen starrte ich ihn an. „Mach dich nicht lächerlich!“, brachte ich mühsam hervor, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.

„Jazz, bitte, es tut mir wirklich leid“, murmelte Jacob kleinlaut und blickte mich schuldbewusst an. Und dieser schuldbewusste Blick löste irgendetwas in mir aus. Plötzlich sahen Jakes schokoladenbraune Augen im Halbdunkel geheimnisvoll aus. Seine Haut war nicht mehr braun, sondern wirkte wie von schimmerndem Goldstaub überzogen.

Ich ballte die Hände an meinen Seiten zu Fäusten, denn meine Fingerspitzen kribbelten bei dem Gedanken, ihn zu berühren, herauszufinden, wie sich diese so weich aussehende Haut auf meiner anfühlen würde.  Dieser schiere Gedanke, diese Entdeckung schockierte mich zutiefst. Wo kamen all diese wirren Gedanken, diese Empfindungen auf einmal her? Diese Gefühle waren ein absolutes Novum. Ich malte mir aus, wie meine Finger eine unsichtbare Spur auf der bronzenen Haut hinterließen, wie sie seine Muskelstränge berührten, ertasteten, was die Haut verbarg, wie sie den Rhythmus seines Herzschlag erfühlten, wie sie ... Aber bevor ich auch nur eine Sekunde weiter darüber nachdenken konnte, beugte sich Jacob zu mir und drückte seine Lippen auf meine.

Von seinen kräftigen Armen in Schach gehalten, spürte ich die Wärme seines Körpers, der Schauer, der ihn überkam, als er mich so sanft küsste, als wäre ich aus Glas und er würde mich zerbrechen, sobald er aufs Ganze ging. Hatten meine Arme gerade noch nutzlos an meinen Seiten geruht, legten sie sich jetzt wie von selbst um Jakes Nacken, nur um ihn noch näher an mich zu ziehen, ihn buchstäblich zu zwingen, mir das zu geben, was er mir vorenthielt. Mein Unterbewusstsein hatte sich in zwei Lager gespalten und focht einen erbitterten Kampf aus. Die eine Seite schrie mir zu, dass das, was ich da gerade tat, eindeutig falsch war, während die andere Seite einfach nur nach mehr verlangte.

„Hallo? Ist dort hinten jemand?“ Erschrocken riss ich meine Augen auf, landete wieder auf den Boden der Tatsachen und stieß Jacob so fest ich konnte gegen die Brust. „Tu … Tu so etwas nie wieder, hörst du?“, zischte ich ihm im Vorbeigehen zu und rannte, rannte, als wäre der Allmächtige hinter mir her und als hätte ich nicht gerade entdeckt, dass die Küsse eines Mannes gegenüber denen einer Frau keineswegs im Nachteil waren. Eher im Gegenteil. Und das war definitiv kein gutes Zeichen.

Erschöpft von dieser Erinnerung, saß ich auf der Couch und starrte ins Leere. Nach dieser Geschichte hatte ich Jacob nur noch einmal gesehen. Genau eine Woche später. Wir hatten einander ignoriert, wie wir es vor jenem Vorfall über Jahre hinweg getan hatten. Ich hatte keine Ahnung, was Jacob Black heute machte. Wahrscheinlich war er irgendwie im sportlichen Bereich tätig – so wie Daddy es wollte.


„Was interessiert mich das eigentlich?!“, wütete ich gegen mich selbst und griff wieder einmal zum Telefon. Es gab nur eine Person, an der ich meine Wut jetzt auslassen konnte und wollte. Und zu meinem großen Glück und zu seinem allergrößten Pech, ging Cullen jetzt tatsächlich an sei Handy. „Du hast noch zwei Minuten, dann darfst du Daddy erklären, dass du ein Versager bist!“, keifte ich los und wartete nur wieder auf eine weitere seiner billigen Ausreden.

„Schatz, ich weiß, dass du Angst davor hast, das Baby zu wickeln“, säuselte er und mir verschlug es die Sprache. Dieser eingebildete Kerl hatte sie doch wohl nicht mehr alle!  „Was zum Teufel redest du da für einen Mist, Einstein? Bist du jetzt endgültig durchgeknallt?!“ „Nein, Schatzi. Natürlich bin ich gleich bei dir und pass auf euch auf. Ich weiß ja, dass du dich ohne mich mit dem Baby nicht vor die Tür traust, weil du denkst, die Leute könnten mit Bratpfannen nach dir werfen.“ Mit Bratpfannen??? Was zum Teufel hatte der Typ nur wieder für Zeug genommen, dass er noch wirrer als sonst vor sich her redete? So etwas konnte mir doch keiner zumuten. Was Cullen mit mir veranstaltete, ging doch auf keine Kuhhaut. Mir reichte es. Ich hatte die Schnauze bestrichen voll!

„Ich weiß nicht, was du da gerade redest, Schnösel. Aber ich weiß, dass ich jetzt auflegen und gleich George anrufen werde. Ja, genau das werde ich tun, du Schlaumeier!“, klärte ich ihn wutentbrannt auf „Ich hatte es zu eilig, zu dir zu kommen und bin in eine Verkehrskontrolle geraten. Es tut mir Leid, mein Schatz“, plapperte Cullen unbeirrt weiter. Erst ganz allmählich wurde ich dessen gewahr, was er da gerade für einen Mist faselte. „Nicht dein Ernst!“, japste ich und rang vor lauter Lachen über eine verdiente Stolperfalle des Schicksals für Cullen, nach Luft.

„Junger Mann, wir haben nicht ewig Zeit. Schalten Sie bitte ihr Mobiltelefon ab, steigen Sie aus dem Wagen aus und legen Sie uns bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere vor.“ Führerschein und Fahrzeugpapiere? Yeah! Er sagte also wirklich die Wahrheit. Was aber keineswegs erklärte oder gar entschuldigte, wo er den ganzen Vormittag über gesteckt hatte. „Wo?“, fragte ich glucksend. „Zwei Blocks“, antwortete Cullen  fahrig, wahrscheinlich kurz davor, sich vor Angst in die Hosen zu pinkeln, legte auf und das Lachen brach nun endgültig aus mir heraus. Ich hielt mir den Bauch vor Lachen. „Na, der kann was erleben! Dem werde ich es zeigen. Angst vor Bratpfannen, was!?“ Oh ja, ich würde Cullen zeigen, was Sache war. Oder besser gesagt: wo der Frosch die Locken hatte.
Jaspers POV

„Eingebildeter, versnobter Scheißkerl!“ Ich warf die Haustür wütend hinter mir ins Schloss. Da es mir allerdings noch nicht reichte, den lauten Knall der zuschlagenden Tür zu hören, fegte ich auch noch alles vom Sideboard nahe des Eingangs, das da ohnehin schon seit Ewigkeiten weggeräumt werden sollte. Papier regnete gemeinsam mit Stiften, einem kleinen Kaktus samt Topf und so einigem anderen zu Boden. Ich fuhr mir tief seufzend durchs Haar und schloss einen Moment die Augen, blendete das Kreischen von Annabelle aus und konzentrierte mich darauf, jetzt nicht alles hinzuwerfen, Cullen nicht augenblicklich anzurufen und ihm entgegen zu schreien, dass er mich ja mal so was von kreuzweise konnte.

Vielleicht war ich vorhin wirklich zu weit gegangen, sein Auto zu bepinseln. Aber andererseits – der Mistkerl hatte doch noch vor mir die Grenze überschritten, oder nicht? Er hatte mit diesem Mist doch überhaupt erst angefangen. Hatte meine verdammten Klamotten angezogen, die ich jetzt garantiert niemals wieder haben wollte! Von dem Quatsch, den er über Rose gesagt hatte, einmal ganz abgesehen. Ja, er hatte es verdient, zu lernen, dass man mit mir nicht alles machen konnte. Denn wenn ich den Rest der drei Monate mit ihm überstehen wollte, dann war alles, was dieses Ekelpaket auf Abstand halten würde, ganz eindeutige Hinweise darauf, dass ich mit Nachnamen weder Ping-Pong-Ball noch Marionette hieß.

Mit einem letzten resignierten Seufzer auf das Ergebnis meiner Wut auf Cullen, nämlich dem Haufen aus allem Möglichen zu meinen Füßen, ging ich hinüber ins Wohnzimmer, nahm Annabelle aus ihrem Maxicosy und begann sie geistesabwesend in den Armen zu wiegen. Unwillkürlich musste ich an Rose denken. Rose, als sie gerade ein Jahr alt gewesen war und ich, ihr stolzer großer Bruder, ihr Hilfestellung gegeben hatte, um endlich auf die Beine zu kommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie wichtig und unersetzlich ich mich gefühlt hatte, als mir meine Mutter das Baby zum ersten Mal in den Arm gelegt hatte, das meine kleine Schwester sein sollte.

Verdammt, ich war immer für sie da gewesen. Verdammt, immer! Ich hatte sie immer ermutigt, es nicht einfach so hinzunehmen, dass sie sich in der Schule im Grunde zu Tode langweilte, aber aus lauter Anstand kein Wort sagen wollte. Ich selbst hatte vorgeschlagen, ihre Talente zu fördern – mit einer besonderen Schule, wo sie nicht mehr ganz alleine war mit ihrem allzu scharfen Verstand, der überbordenden Intelligenz. Und ich sollte verdammt sein, da war es jetzt auch zweifelsohne meine Aufgabe, diese verfluchte Schule zu bezahlen – zumindest für die erste Zeit. Was danach sein würde – ich hatte keine Ahnung.

Ich wanderte mit Annabelle im Haus herum, grübelte vor mich hin, während sie sich schließlich wieder vollkommen beruhigte. Letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass ich meine Seele dafür verkaufen würde, diese gottverdammte Studie zu überstehen und Rose das Geld zu geben. Scheiße noch mal, ich würde sogar Cullen … ich würde tun, was nötig war. Ich war mit einem Mal derart entschlossen, dass ich kurzerhand beschloss, meinen derzeitigen Enthusiasmus gleich in Worte zu fassen – für George, den Rest der intoleranten Welt, der eine Studie wie der, in der ich gerade steckte, überhaupt erst nötig machte und natürlich für Rose.

Den Bericht des vergangenen Tages beendend schrieb ich in die Kladde: Der Nachmittag auf dem Walk of Fame, denn genau dorthin hat Edward uns „entführt“, war interessant und eine wirklich informative Erfahrung. Was mich jedoch sehr gewundert hat, ist das Edward mir tatsächlich den Buggy überlassen hat. Normalerweise muss ich nämlich buchstäblich um jede Sekunde kämpfen, die ich mit unserer Tochter verbringen möchte. Zuerst sind wir nur spazieren gegangen und haben die Reaktionen der Menschen beobachtet. Und die waren durchweg positiv. Niemand hat uns abwertend angesehen. Dann haben wir zu unserer Überraschung Tray und Lucas getroffen, mit denen wir in einem Straßencafé etwas getrunken und über alte Zeiten – zumindest in Trays und meinem Fall, waren wir doch gemeinsam auf der High School – gesprochen haben. Leider blieb nicht genügend Zeit, um uns über die Erfahrungen mit unseren Babys auszutauschen. Dennoch war es ein interessanter Nachmittag, wie die Fotos, die wir geschossen haben, beweisen.

Lügen, nichts als Lügen. Und sie kosteten mich eine Ewigkeit. So lange, bis die Sonne untergegangen war und draußen die Nacht hereinbrach. Mir war nicht ganz klar, warum ich plötzlich solche Mühe hatte, das in Worte zu fassen, was George haben wollte – gerade jetzt, wo ich doch beschlossen hatte, alles zu geben. Ich runzelte leicht die Stirn, las mir die wenigen Sätze, die mich zu schreiben buchstäblich Stunden gekostet hatten, noch einmal durch und schlug das schwarze Buch dann mit einem kleinen, resignierten Seufzen wieder zu.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, Annabelle zu wickeln, sie umzuziehen, bettfertig zu machen, ihr noch ein Fläschchen der Chemiemischung zu geben, die wir ihr statt Milch verabreichen sollten und sie anschließend ins Bettchen zu verfrachten. Erst danach stieg ich die Treppe hinauf und nahm eine lange, entspannende Dusche. Ich wusch die Geldsorgen wegen Rose und nun auch noch Cullen und dessen ewiger Zickerei genauso von meinem Körper wie die Anspannung und den Unmut Cullen gegenüber. Stattdessen kleidete ich mich in Shorts, T-Shirt und neue Kraft, Zuversicht und die Hoffnung, dass alles vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen würde.

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