Mittwoch, 1. Juni 2011

Kapitel 1

 ~ Warum Motorradfahrer eine Plage sind und ich plötzlich nur noch Pink sehe.  ~

Edwards POV

Wenn ich etwas hasste, dann waren es Motorradfahrer. Diese halbstarken Typen mit Lederjacke und den obligatorisch ramponierten Jeans. Meiner Meinung nach gehörten die allesamt verboten. Ja, ich konnte sie sogar noch weniger leiden als diese bescheuerte Idee meiner Eltern, ich müsste mich in den Semesterferien ein wenig um das Allgemeinwohl kümmern. Wobei es wohl keine Idee, sondern viel eher eine handfeste Forderung gewesen war, bei der fast beiläufig hinzugefügt wurde, dass ich bei meiner Weigerung gucken konnte, wie ich das nächste Semester finanziert bekam.

Ich verzog das Gesicht und widerstand dem fast unwiderstehlichen Impuls, noch schnell den Fensterheber zu betätigen und dem bescheuerten Motorradfahrer, der mir gerade kaltblütig die Vorfahrt genommen hatte, hinterher zu brüllen. Aber im Moment hätte das auch nicht viel gebracht. Ich befand mich nun einmal in dieser Zwickmühle, aus der mir nur die Teilnahme an dieser hirnverbrannten Studie heraushelfen konnte. Darunter, etwas für das Allgemeinwohl zu tun, verstanden meine Eltern nämlich nichts anderes, als mich dazu zu nötigen, an einer dieser unnötigen Studien teilzunehmen, die Jahr für Jahr gemacht wurden, nur um es dann noch nicht einmal in die Abendnachrichten zu schaffen.

Unwirsch gab ich noch ein wenig mehr Gas, ignorierte das Hupen eines rostigen alten Ford, dem ich nun meinerseits dir Vorfahrt nahm, und bog in die Straße ein, die mein Dad mir heute Morgen auf einem Zettel notiert und die ich mitsamt der dazugehörigen Adresse in mein geliebtes Navigationssystem eingegeben hatte. Nach kurzem Blick auf das Display meines Navis und noch kürzerem auf die Straße, hatte ich das große Bürogebäude entdeckt und sogar einen Parkplatz, der nicht allzu weit vom Eingang entfernt war, gefunden. Ich parkte, stieg aus und ging gewohnt lässig gut zwei Meter in Richtung des Gebäudes. Dann wirbelte ich gekonnt herum und schloss meinen geliebten Aston Martin mithilfe der elektronischen Fernverriegelung ab.

Eine junge Frau mit keckem Lächeln, blond gefärbtem Haar und der Figur eines Models blickte von der anderen Straßenseite bewundernd zu mir her. Ich zwinkerte ihr zu und legte dann den Rest des Weges zu dem Gebäude, in dem sich eine jener Firmen befand, die einzig und allein dafür existierten, eine schwachsinnige Studie nach der anderen abzuhalten, zurück. Am Eingang blieb ich stehen und starrte mit wachsendem Zorn auf das Motorrad, das ganz offensichtlich sittenwidrig abgestellt, halb auf dem Bürgersteig stand. Ich hätte schwören können, dass ich diesem Monstrum – oder besser ihm und seinem Fahrer – vorhin noch eine Beschimpfung nach der anderen hinterher hatte brüllen wollen. Aber ich war nicht so ganz sicher – schließlich gab es rund um Los Angeles mit Sicherheit so einige Harley Davidsons.

Ohne dem Fahrzeug weitere Beachtung beizumessen, trat ich durch die Drehtür in das angenehm kühle Foyer des Geschäftsgebäudes. Mir direkt gegenüber befand sich ein Empfangstresen, hinter dem eine Frau mittleren Alters gerade telefonierte. Ich trat zu ihr an den Tresen, setzte mein charmantestes Lächeln auf und klopfte abwartend mit den Fingerspitzen auf den Tresen. Sie blickte auf, lächelte mir zu und telefonierte dann – ich glaubte es kaum! – munter weiter. Das hielt ich eine geschlagene Minute aus, dann erhob ich die Stimme: „Madam, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ Sie erklärte ihrem Gesprächspartner, dass er einen Moment warten sollte, und wandte sich dann mit gezwungen höflichem Lächeln mir zu.

„Sie wünschen?“, fragte sie mit kaum verhohlener Antipathie mir gegenüber. Ich lächelte noch breiter. „Ich bin hier, weil ich an einer ihrer Studien teilnehmen will“, erklärte ich, wobei meine desinteressierte Stimme keinerlei Zweifel daran ließ, das von wollen gar keine Rede sein konnte. „Irgendeine bestimmte Studie?“, erkundigte sich die Frau ungerührt. Ich zuckte die Achseln und konnte mir ein Lachen ob dieser scheinbar wirklich ernst gemeinten Frage nicht verkneifen. „Madam, es geht mir ganz gewaltig am Arsch vorbei, an welcher ihrer schwachsinnigen Studien ich teilnehmen werde“, sagte ich langsam und immer noch glucksend. „Alles, was ich will, ist, dass sie mir jetzt augenblicklich sagen, wo zum Teufel ich hin muss, damit ich mir diesen Studienmist antun darf.“

Der Mund der Empfangssekretärin klappte auf und ihr Gesicht war eine Maske der Fassungslosigkeit. Ich grinste sie an. Als hätte sie jedoch nur genau darauf gewartet, klappte sie den Mund wieder zu, begann hastig auf ihrer Tastatur herum zu hämmern und blickte mich dann mit überraschend amüsierter Miene an. „Haben sie schon den Fragebogen ausgefüllt?“ Ich schnaubte. „Sie haben bereits alles von mir, was sie brauchen. Die Einverständniserklärung und all den Mist.“ Die Frau nickte – war da Triumph in ihren Augen? Ich blinzelte und der Ausdruck war aus ihrem Blick verschwunden. „Also?“, drängte ich sie ungeduldig. Sie klickte ein paar Mal mit der Maus, dann lächelte sie mich strahlend an.

„Sie haben wirklich schon den Fragebogen-“, fing sie an, aber ich unterbrach sie. „Mein Name ist Edward Cullen. Gucken sie doch gefälligst nach in ihrem dämlichen Computer!“, donnerte ich und ein paar der Leute, die sich in der Eingangshalle befanden, blickten mit gerunzelter Stirn zu mir her. Ich schenkte ihnen allen mein herzlichstes Lächeln und wandte mich dann wieder mit genervter Miene an die inkompetenteste Sekretärin der Menschheitsgeschichte, die gerade angestrengt auf ihren Computerbildschirm blickte. „Hier steht, dass sie sich für jede Studie zur Verfügung stellen würden, die wir hier -“, wieder unterbrach, ich sie barsch: „Wenn das da steht, dann wird das schon stimmen.“

Sie unterdrückte ein entrüstetes Schnauben und sagte dann mit nur mühsam kontrollierter Stimme: „Siebter Stock, Mr. Cullen. Fragen sie nach Mr. Stanley. Er wird ihnen dann alles …“ Den Rest ihrer Worte hörte ich nicht mehr, weil ich mich bereits federnden Schrittes auf den Weg zu einem der vier Aufzüge am anderen Ende des Foyers gemacht hatte. Ich drückte ungeduldig den Anforderungsknopf und ging in Gedanken durch, was mich im siebten Stock bei diesem Mr. Stanley wohl erwarten würde. Ein Fragebogen über meine Essgewohnheiten? Eine Studie darüber, welchen Typ Frau jemand wie ich anziehend fand? Ich lächelte spöttisch, als die Aufzugtüren auseinander glitten und ich eintreten konnte.

Ich ignorierte den ältlichen Mann mit der Halbglatze in seinem billigen Anzug, der übermüdet aussah, und tat es auch mit den beiden Frauen von um die vierzig, die mich beäugten, als wäre ich etwas zu essen. War ja auch nicht überraschend, wenn man mich mal betrachtete, dachte ich kurz, ehe ich mich wieder den Spekulationen meiner bevorstehenden Studie widmete. Vielleicht handelte diese Studie ja davon, diesen Studienfutzis einfach mitzuteilen, wie ich meine Freizeit am liebsten verbrachte, und ich konnte dann gleich wieder gehen. Mein Grinsen wurde breiter, als ich mir die Gesichter meiner Eltern – insbesondere das meines Vaters – ausmalte, wenn ich nachher schon nach Hause kommen und verkünden würde, diesen ganzen Mist, den sie von mir gefordert hatten, schon hinter mich gebracht zu haben.

Gerade hatte ich mich in die Details der Reaktion meines Dads vertieft, als ein leises Pling ertönte und die Fahrstuhltüren auseinander glitten. Ich warf einen kurzen Blick auf die Stockwerkanzeige und verließ dann den Fahrstuhl. Der Flur, in den ich dabei trat, hätte langweiliger gar nicht sein können. Grauer Linoleumboden und Raufasertapete an der Wand schufen ein Bild, das an seiner absoluten Tristesse einfach kaum zu überbieten war. Ich versuchte nicht daran zu denken, was Jacob, unser Innenausstatter zu dieser Grau-in-Grau-Atmosphäre gesagt hätte - vermutlich ja etwas wie: „Merde! Alors, das ist einfach unmöglisch! Dieses Grau ist furschtbar und das weiß ist billisch, einfach unmöglisch!“ – und ging mit einem Grinsen zu der nächsten Tür, von denen es hier ja reichlich gab.

Da es im Flur so still war wie in einer Gruft, öffnete ich ohne anzuklopfen die Tür, weil ich fast das Gefühl hatte, dahinter wäre auch keine Menschenseele zu finden. Und außerdem argwöhnte ich ganz allmählich, dass diese unmögliche Sekretärin mich am Ende noch in ein Stockwerk geschickt hatte, wo alle Räume leer standen. Aber wie ich sogleich feststellte, waren meine Sorgen völlig unbegründet. Denn der Raum hinter der Tür war nicht nur groß, sondern auch noch gefüllt mit etwa zwei Dutzend Leuten. Ein Mann Anfang dreißig mit rabenschwarzem kurzen Haar und grauen Augen, der ein Klemmbrett in der Hand hielt, blickte mich aufmerksam an. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er freundlich.

Ich überhörte die Tatsache, dass er mich ungefragt geduzt hatte, obwohl ich schon fand, dass ich aussah wie die zweiundzwanzig Jahre, die ich inzwischen schon locker war, zwang mir ein Lächeln auf und antwortete: „Ja, schätze schon.“ Er bedeutete mir, die Tür zu schließen. Als ich das getan hatte, fragte er: „Dann bist du wegen der Studie hier, ja?“ Ich nickte und folgte dann seiner Aufforderung, mich zu den anderen zu setzen, die mir durch die Reihe zulächelten oder zunickten. Ich grinste nur gönnerhaft und hockte mich dann auf einen der Stühle in der letzten Reihe. Während ich die Beine ausstreckte und den Blick abschätzend über die anderen schweifen ließ, erzählte der schwarzhaarige Typ, der wohl dieser Mr. Stanley war, von dem die Sekretärin gesprochen hatte, von der Studie, an der jetzt auch ich teilnehmen sollte, ohne dass ich ihm auch nur ein klein wenig zuhörte.

Gerade, als Stanley vorne anfing, die Anwesenden immer zweierweise zu notieren, fiel mein Blick auf den Typen mit der Lederjacke. War ich mir vorhin noch unsicher gewesen, was die Tatsache betraf, dass der Feuerstuhl, der mir vorhin die Vorfahrt genommen hatte, der gewesen war, den ich vor dem Eingang des Gebäudes parken gesehen hatte, dann war ich mir jetzt ganz sicher. Wut kochte in mir hoch, als ich auf den ultimativen Prototypen von Motorradfahrer blickte, der drei Reihen schräg vor mir saß und über etwas lachte, das ihm der Kerl neben ihm zugeflüstert hatte. Die schwarze Lederjacke hing über dem Stuhl, auf dem der Kerl mit seinem wirren Blondschopf saß, und natürlich konnte ich auch die an den Knien reichlich zerrissenen Jeans sehen.

Ich dachte noch darüber nach, wie ich hier schnellstmöglich herauskommen konnte, um die Maschine dieses Idioten umzuwerfen, als jemand mich anstupste. Verwirrt blickte ich um mich und fand mich diesem Stanley gegenüber, der mich musterte. „Ich habe gerade ganz vergessen, dich nach deinem Namen zu fragen“, erklärte er mir und sah mich fragend an. Ich schluckte meinen Stolz hinunter, zwang mich, einen Moment lang nicht an meinen Vergeltungsschlag zu denken und antwortete: „Ich bin Edward Cullen.“ Mein Gegenüber nickte, schrieb mich auf seine Liste und sagte dann: „Und ich bin George Stanley. Aber nenn mich einfach George. Wir duzen uns hier ja ohnehin alle.“ Na ganz toll, dachte ich noch mieser gelaunt als gerade eben.

George wandte sich wieder ab und trat zurück an seinen Platz, den versammelten Studienteilnehmern gegenüber. „So, meine Lieben“, sagte er und alle Gespräche verstummten, machten einem aufmerksamen Schweigen Platz, das mich fast zum höhnischen Schnauben gebracht hätte. Es konnte doch nicht angehen, dass jeder, der sich in diesem verdammten Raum befand, wirklich daran glaubte, dass diese Studie auch nur halbwegs wichtig war! Ich verschränkte demonstrativ die Arme vor mir, um zu zeigen, dass ich wenig geneigt war, mich für diese bescheuerte Studie auch nur irgendwie zu begeistern.
                  
„Der Fairness halber könnt ihr jetzt paarweise je eine Nummer ziehen, okay?“, erklärte Stanley den Anwesenden. Eine Nummer? Was denn verdammt noch mal für eine Nummer? Allmählich wurde ich richtig sauer. Was lief hier nur für ein komisches Ding? Und wo zum Geier hatte George da vorne plötzlich diese bescheuerte Tüte her, die er gerade den beiden Frauen vorne in der ersten Reihe hinhielt? Ich hatte keine Ahnung und fragte mich inzwischen sogar, ob ich vorhin nicht doch besser hätte zuhören sollen, als dieser George die Studie erläutert hatte. Allerdings wurde ich auch nicht unbedingt ruhiger, als die beiden Frauen aufstanden und diesen Studienmenschen fragend ansahen. Er lächelte sie an und erklärte dann laut, dass jeder, der eine gerade Nummer gezogen hatte, bitte in den Raum gehen sollte, der dem, in dem wir uns gerade befanden, rechts gegenüber lag.

Die, die eine schiefe Zahl gezogen hatten, sollten in den linken Raum gehen. Dann fügte er hinzu, dass wir dort in unseren Fächern alles finden würden, was wir brauchten und dass wir uns dann alle wieder in zwei Wochen hier treffen würden. So langsam wurde ich wirklich nervös. Was sollten wir denn in diesen bescheuerten Fächern finden? Mein Unmut und auch die so ungewohnte Nervosität steigerten sich fast ins Unerträgliche, als immer mehr Zweiergespanne durch die Tür verschwanden und auch nicht mehr wieder kamen. Und als wenn das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, war es ausgerechnet der Motorradtyp, der gemeinsam mit mir zurückblieb, nachdem zwei Kerle, die nun doch verdächtig Händchen haltend und wild schnatternd, durch die Tür verschwunden waren.

George blickte erst zu dem Motarradrüpel und dann lächelte er mich an. „Habt ihr zwei Streit?“, fragte er dann mit schief gelegtem Kopf. Ich glaubte mich verhört zu haben und wollte schon fragen, ob George sie denn noch alle hatte, mir allen Ernstes zu unterstellen, ich würde tatsächlich Gesocks wie diesen Rowdy kennen, als der mir zuvor kam. „Ja, aber es ist wirklich nichts Ernstes“, versicherte das wandelnde Verkehrsrisiko. Der Blondschopf schlüpfte rasch in seine grässliche Lederjacke, erhob sich und kam mit einem Blick, der eindeutig besagte „Spiel jetzt sofort mit oder ich verfüttere dich an meine Hausratte!“ zu mir nach hinten. Ich riss die Augen auf und wusste einen Moment gar nicht, was ich sagen sollte.

Er allerdings schon. „Nicht wahr, Schatzi?“, knurrte er mich fast schon an, legte mir einen Arm um die Schultern und blickte George mit einem breiten Lächeln an, wobei ich allmählich das Gefühl aus meiner Schulter schwinden fühlte, so fest hielt dieser Kerl sie gepackt. „Na dann“, meinte George schließlich, kam zu uns und streckte diesem Freak, der gerade ganz ungenierte meine Schulter misshandelte, einen Schlüssel hin, dessen Anhänger ein quadratisches Kärtchen mit dem Aufdruck „13“ verunzierte – welch Ironie. Der Motorradrüpel nahm es entgegen, grinste George noch einmal an und zog mich dann, ehe ich protestieren konnte, auf die Beine. „Sag mal, ge-“, setzte ich wutentbrannt an, verstummte aber unwillkürlich, als George sich mit gerunzelter Stirn zu uns umwandte.

Einem Geistesblitz folgend schlang ich einen Arm um die Hüfte des Motarradfreaks und blinzelte ihn strahlend an, bevor ich in nasalem Tonfall fragte: „Sag mal, gehen wir nachher noch zu mir und holen meine Reitpeitsche, Schatzi?“ Um die Mundwinkel des blonden Biests zuckte es, aber er antwortete in ziemlich überzeugendem Tonfall: „Nein, tut mir leid, Mausebär. Du weißt doch, dass ich noch einen Termin mit deiner Mum habe. Sie will doch schon seit letzter Woche mit mir Unterwäsche kaufen gehen.“ Mir klappte die Kinnlade herunter, so entrüstet war ich über so viel Kaltschnäuzigkeit.
           
Meine Mutter und mit so einem Motorrad fahrenden Flohzirkus Unterwäsche kaufen gehen? Mir wurde schlecht. Aber dieser Widerling klappte mir doch tatsächlich eigenhändig den Mund zu, grinste George noch einmal an und schleppte mich dann buchstäblich durch die Tür hinaus auf den Flur. Als er mich dort losließ, als hätte er sich verbrannt und auf die linke Tür zusteuerte, konnte ich nicht mehr länger an mich halten: „Was bildest du dir eigentlich ein?“, fauchte ich und konnte die Wut, die ich schon vorhin im Auto auf ihn gehabt hatte, nicht mehr länger im Zaum halten. „Was fällt dir ein, mich überhaupt ANZUFASSEN?“

Ich rieb mir vor Wut schnaubend die Schulter und musterte den Kerl, der die Schuld daran trug, dass sie mir gerade furchtbar wehtat, zum ersten Mal von Kopf bis Fuß, wie er mich da direkt vor der linken Tür stehend anfunkelte. Er hatte meine Größe, trug zu diesen furchtbaren Jeans reichlich abgetragene Boots, deren Leder schon ganz zerschlissen war. Unter der Lederjacke konnte ich ein schon recht grau gewordenes, aber wohl einst schwarz gewesenes AC/DC-T-Shirt erkennen, das für meinen Geschmack eindeutig zu kurz war. Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass die Jeans – diese uralt aussehenden, fürchterlichen – trotz Gürtel reichlich tief saßen und einen nun wirklich ziemlich unangenehmen Blick auf überraschend definierte Bauchmuskeln freigaben.

Ich verzog das Gesicht, als ich mit meinem Blick kurz den flachen Bauch streifte, an dessen Seiten sich beinahe kantig die Beckenknochen absetzten, und weiter nach oben sah, wo mich geradewegs ein Blick aus wütenden blaugrünen Augen traf. „Bist du jetzt fertig mit Gaffen?“, fauchte der Motorradfutzi und seine Augen sprühten förmlich vor unterdrückter Wut. „Nur um das klarzustellen, du Freak: Das dort drinnen war nötig, damit du mir nicht die Tour vermasselst, klar?“ Er blickte unmissverständlich zu der Tür, die wir gerade hinter uns geschlossen hatten. Einen Moment betrachtete ich das graue Ungetüm, ehe ich mich mit einem verächtlichen Lächeln wieder dem Lederjackenträger zuwandte.

So unauffällig wie möglich begutachtete ich sein Gesicht, das ich bisher noch nicht genauer in Augenschein genommen hatte, schließlich wollte ich wissen, mit wem ich es zutun hatte. Mir fiel auf, dass dieser Motorradhippie für diese Gefilde recht hellhäutig war. Seine hohen und von Bartstoppeln bedeckten Wangenknochen – das musste ich leider zugeben – hätten ihn genauso gut auf das Cover einer Modezeitschrift bringen können, statt hierher in dieses Studienzentrum. Die funkelnden blaugrünen Augen, die mir zuvor schon aufgefallen waren, blickten mich jetzt fast schon spöttisch an. Ihr Besitzer fuhr sich durch sein blondes Haar, das an manchen Stellen dunkler und an anderen heller war, was allerdings niemals gefärbt sein konnte.

Alles in allem konnte jemand, der schlechter aussah als ich, durchaus eifersüchtig auf ihn sein, zog ich mein Resümee. Aber laut sagte ich: „Ich wüsste nicht, was jemand wie ich tun könnte, um einem … Typen wie dir seine Tour zu vermasseln.“ Ich schob den Kiefer vor, um zu unterstreichen, wie sehr ich seine Sprache für unter meinem Niveau befand. Er grinste nur spöttisch. „Ich warne dich, Prinzessin“, sagte er dann mit bedrohlich gesenkter Stimme. „Du magst vielleicht hier sein, weil Mommy und Daddy das so wollen, klar?“ Ich konnte nicht verhindern, dass ich knallrot anlief und das wiederum ließ den Kerl nur noch breiter grinsen. „Wusste ich es doch. Na ja, jedenfalls brauche ich im Gegensatz zu dir das Geld, was bei dieser Sache hier herausspringt, verstanden? Also sei einfach klug genug, nicht zu versuchen, mir die Sache zu vermasseln.“

Mir lagen tausend verschiedene Erwiderungen auf der Zunge, die so ziemlich alles an Beleidigung, Herabwürdigung und Klarstellung darüber zu bieten hatten, dass mir jemand wie er ganz sicher nichts zu sagen hatte, aber ich kam nicht dazu, auch nur eine auszuprobieren. „Beweg deinen Hintern gefälligst hierher und hilf mir beim Suchen, verstanden?“ Der Motorradmiesepeter hatte die linke Tür geöffnete, den Lichtschalter dahinter betätigt, und war schon halb im Raum verschwunden. Vor lauter aufgestauter Wut schnaubend trampelte ich nur so hinter ihm her. Im Türrahmen blieb ich stehen und fand mich einer gut zwei Meter hohen Wand gegenüber, einer Wand aus Metall, die noch am ehesten mit übereinandergestapelten Reihen von Schulschließfächern verglichen werden konnten.

„Was ist das denn?“, entfuhr es mir überrascht. „Na, was wohl, du Genie?“, kam die spöttische Antwort von dem wandelnden Verkehrsrisiko. „Du trägst deine Klamotten wohl immer nur einmal und weißt daher nicht, was ein Schrank ist, was?“ Ich schenkte ihm einen Blick, der ihm einen möglichst schmerzvollen Tod wünschte und trat an die Fächerwand heran, auf der Suche nach der uns zugeteilten Nummer. Wie nicht anders zu erwarten befanden sich in diesem Raum nur Schließfächer mit schiefen Nummern und so dauerte es gar nicht lange, bis ich die 13 gefunden hatte. Ich wollte gerade darauf hinweisen, dass sich das Schließfach, das wir suchten, in der zweitobersten Reihe befand, als dieses Ekel mit der Lederjacke sich bereits danach reckte.

„Du hältst dich ja vielleicht für unwiderstehlich, du …“, setzte ich an und wurde mir mitten im Satz peinlich bewusst, dass ich den Namen dessen, den ich zu beschimpfen gedachte, gar nicht kannte. „Whitlock. Jasper Whitlock“, kam mir allerdings mein Beleidigungsziel amüsiert zur Hilfe. Ich schluckte und fuhr fort: „Du magst dich ja echt für unwiderstehlich halten, Whitlock. Aber du solltest wissen, dass du deinen Hintern gerne wieder einpacken darfst, klar? Das ist widerlich und zeigt doch nur, dass man dir als Kind nie beigebracht hat, dass normale Menschen Unterwäsche tragen.“ Jasper, der gerade das Fach nach einigen Mühen geöffnet hatte, fing an von ganzem Herzen zu lachen und musste sich vom Fach abwenden, um nicht am Ende noch den Schlüssel abzubrechen, so heftig zuckten seine Hände, während er sich vor Lachen schüttelte.

Noch immer prustend wandte er sich mir zu: „Meinen Hintern wieder einpacken?“, wiederholte er mit vor Belustigung bebender Stimme. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte zu zeigen, wie sehr ich selbst sein Lachen, das ihm Grübchen auf die Wangen malte und seine Augen seltsam leuchten ließ, nicht leiden konnte. „Ja!“, fauchte ich. „Ich will gar nicht wissen, wie weit deine bescheuerte Hose noch hinuntergerutscht wäre, wenn dieses dämliche Fach noch ein wenig höher liegen würde.“ Um Whitlocks Mundwinkel zuckte es jetzt wieder heftig, aber er beherrschte sich. „So etwas wie Waschtag gibt es in deinem Leben auch nicht, oder, du Schnösel?“

Ich war entrüstet: „Ich bin kein Schnösel!“, fauchte ich und fragte mich ungewollt, ob mich jemals zuvor schon einmal jemand so unverschämt beleidigt hatte. „Doch bist du“, widersprach mir mein Gegenüber jedoch spöttisch und trat unangenehm nahe an mich heran. Er zupfte an meinem frischen, weißen Hemd und lächelte sarkastisch. „Sieht ja auch wirklich sehr günstig und viel getragen aus, Bürschchen“, bemerkte er. Rein einem inneren Gefühl folgend hatte ich begonnen, die Luft anzuhalten, als er mir so nahe gekommen war. Aber als er jetzt nicht die geringsten Anstalten machte, um wieder von mir wegzugehen, konnte ich nicht anders, als heftig nach Luft zu schnappen.

Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass ich Schmutz, ungewaschenen Mensch und weiß ich noch nicht alles riechen würde, aber keines davon entsprach der Wahrheit. Viel mehr guckte ich ungläubig aus der Wäsche, als ich feststellen musste, dass Jasper Whitlock tatsächlich sauber roch. Waschmittel, das Leder der Lederjacke, ein ganz kleinwenig Aftershave und etwas, das irgendwie an eine Brise vom Meer erinnerte. Ich schluckte und fragte mich für einen ganz winzig kleinen Moment, ob ich vorhin vielleicht doch ein klein wenig zu weit gegangen war, indem ich ihn auf dem Flur so angefahren hatte. Aber das war eben nur ein Moment.

Als er vorüber war, grinste Whitlock mich amüsiert an: „Was denn, Cullen? Überrascht, dass ich nicht rieche wie einer dieser Penner, für die du noch nicht einmal einen Cent übrig hast?“ Ich wurde rot und rannte fast an ihm vorbei zu der Schrankwand. Während ich Whitlock noch hinter mir lachen hören konnte, wandte ich mich dem Fach zu und zog nach einigem Strecken und Zerren eine Art zu groß geratenen Reisetrolley daraus hervor. Das Ding hätte mich fast umgeworfen, so schwer war es und ich hatte meine Mühe damit, das Gleichgewicht zu halten, während ich das Trolleymonster auf dem Boden absetzte. Schwer atmend sah ich auf das schwarze Ungetüm hinab, bis Whitlock leise „Anfänger!“ murmelte, sich vor den Ziehkoffer kniete und den Reißverschluss ohne viel Federlesen aufzog.

Mir klappte zum zweiten Mal an diesem Tag der Mund auf. Dieses Mal allerdings war es nur indirekt Jasper Whitlock zu verdanken. Schließlich hatte er den Trolley nur geöffnet und damit all das Rosa freigelegt. Das gesamte Gepäckstück schien davon überzuquellen. „Was zum Teufel?“, hauchte ich völlig perplex. Whitlock warf mir ein schiefes Grinsen zu, bevor er nach dem großen Briefumschlag griff, der oben auf all den Kindersachen lag.

„Was glaubst du denn, was das sein könnte?“, fragte er mich mit purem Amüsement in der Stimme. Ich schluckte schwer, weigerte mich noch immer standhaft, das, was da ganz offensichtlich vor mir lag, zu glauben. „Das sind Kindersachen … Babysachen“, brachte ich schließlich hervor. Jasper nickte und grinste mich über den Brief, den er aus dem Umschlag genommen hatte, hinweg an. „Ganz richtig, Schlaumeier. Was auch sonst? Immerhin sind wir ja Teilnehmer einer Studie, bei der herausgefunden werden soll, wie der Rest der Menschheit auf zwei Männer oder zwei Frauen reagiert, die ein Kind aufziehen.“

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