~ Misstrauische Besucher, scheintote Schläfer, „Daddy’s little Princess“ und ein Kuss für das Allgemeinwohl. ~
Jaspers POV
„Na, was denn, Herzblatt!? Du bist doch nicht etwa müde, na?“ Ich konnte einfach nicht anders – nein, eindeutig nicht. Da veranlasste mich ein Wagen, der mit quietschenden Reifen in meiner Einfahrt hielt, um zehn Minuten nach sieben Uhr am Morgen, meinen allmorgendlichen Kaffee, Kaffee sein zu lassen und da erblickte ich allen Ernstes DAS, sobald ich die Haustür öffnete. Einen furchtbar zerknittert, zerknautschten und unglaublich furchtbar aussehenden Edward Cullen, der mit vor Müdigkeit ganz kleinen Augen auf mich zu stürmte.
„Du!“, stieß er wutschnaubend hervor und drohte mir dabei mir zornerfülltem Blick mit erhobenem Zeigefinger. „Ja, stell dir vor, Schnucki, das bin ich“, bemerkte ich und trat schwungvoll beiseite, als Cullen auch schon unaufgefordert an mir vorbei ins Haus polterte. Schon bis wir in der Küche angekommen waren, hatte er so ziemlich jeden Quadtratzentimeter meines Körpers aufs Übelste beleidigt. Aber als er sich in der Küche auf einen Stuhl fallen ließ, tat ich einfach, als wäre nichts und bemerkte nur lässig: „Wie schön, dass du wenigstens etwas von Pünktlichkeit verstehst, Einstein.“
Cullen schnitt mir eine Grimasse, die jedoch nur lächerlich wirkte, da sein Blick so müde war, dass er es noch nicht einmal mehr hinbekam, mich mordlüstern anzustarren. Betont langsam, stellte er die Babywiege auf den Tisch. „Nimm dieses Monster!“, fauchte er mit einem reichlich angewiderten Blick auf Annabelle und atmete heftig aus. „Sag bloß, du hast die letzte Nacht nicht genossen, Einstein! Muss doch nett gewesen sein. So mit dieser Mommy, Daddy und Baby-Sache.“ Cullen schnaubte nur und starrte finster vor sich hin, ehe er zischte: „Es ist vollkommen unmöglich, dass du gestern die schlimmste Nacht des gesamten Projekts hattest!“
Ich grinste nur und setzte mich Cullen gegenüber. Mit hochgezogenen Augenbrauen sagte ich: „Dann erzähl doch mal, Muttersöhnchen. Hat sie die ganze Nacht gebrüllt, alle zwei Minuten ihren Schnuller ausgespuckt? Musstest du sie die ganze verdammte Nacht halten, weil sonst diese Sache mit dem Körperkontaktsensor Alarm geschlagen hat? Ja, war das so?“ Zu meiner Zufriedenheit sah Cullen nun doch ein wenig baff aus. Allerdings aus anderen Gründen, wie ich sogleich feststellen musste. „Nein, du Schwachmat“, sagte er schwer atmend. „Dieses Ungetüm hat es geschafft, dass man mich um halb drei Uhr morgens aus dem Motel geworfen hat, weil sich selbst ein Dutzend Zimmer weiter jemand über ihr Geschrei beschwert hat!“
Ich konnte einfach nicht an mich halten und brach augenblicklich in schallendes Gelächter aus. „Hör sofort auf zu lachen!“, polterte Cullen ungehalten und sah plötzlich so beleidigt aus, wie ein kleines, schmollendes Kind, was mich wiederum nur noch mehr erheiterte. So dauerte es dann auch eine geschlagene Ewigkeit, bis ich japsent nach Luft rang, mir die Tränen aus den Augenwinkeln wischte und mich wieder halbwegs beruhigen konnte.
„Okay“, sagte ich schließlich und atmete einmal tief durch. „Du bist also aus dem Motel geflogen.“ Erneut hatte ich Mühe, ernst zu bleiben. „Ja“, knurrte Cullen missgelaunt. „Und warum kommst du erst jetzt hierher?“ Jetzt wurde er auch noch rot. „Was glaubst du denn?“, brauste er auf. „Ich wollte keine Minute länger hier sein, als irgendwie nötig, kapiert?“ „Kapiert“, antwortete ich mit heftig zuckenden Mundwinkeln.
„Und jetzt?“ „Jetzt“ – Cullen zischte das Wort regelrecht – „nimmst du dieses Biest und sperrst es in deinem verdammten Keller ein, bis dieser Fatzke …“, aber weiter kam er nicht, da es just in diesem Moment an der Haustür klopfte. Cullens Gesicht erbleichte. „Sag mir jetzt sofort, dass das nur dein superdämlicher Briefträger ist, der bei dir immer klopfen muss, weil du dir keinen Briefkasten leisten kannst!“, zischte er panisch. „Halt bloß die Klappe!“, fauchte ich zurück und stand auf. Ich hatte jedoch gerade einmal die Hälfte der Küche durchquert, als ich auch schon ruppig zurückgezerrt wurde.
Cullens eiskalte Pranke lag auf meiner linken Schulter. „Finger weg!“, knurrte ich hinter zusammengebissenen Zähnen hervor. Aber er reagierte nicht. Überhaupt sah der einst so selbstsichere – und –süchtige – Edward Cullen plötzlich gar nicht mehr so überzeugt von sich aus. „Was, wenn das dieser George ist?“, fragte er hellauf in Panik. Ich zuckte die Achseln und gab mir dabei allergrößte Mühe, Einsteins Hand mithilfe von Schulterzucken von meiner Schulter zu entfernen. Als es nicht klappte, packte ich sie mit spitzen Fingern und stieß sie mit angewidertem Gesichtsausdruck von mir. „Wenn das schon George ist, dann solltest du dir jetzt ganz schnell etwas einfallen lassen, Schatz“, sagte ich schlicht, aber bedeutungsvoll und entschwand in Richtung Haustür.
Erst im Flur gestattete ich mir, von Edward ungesehen, meinen eigenen Anfall von Panik. Was sollte ich denn bitte tun, wenn das wirklich George war, der vor meiner Tür stand – um zwanzig nach sieben an einem Freitagmorgen, wohlgemerkt – und von Cullen und mir womöglich Unmögliches verlangte? Wollte er vielleicht sehen, wie rührend wir uns beide um Annabelle kümmerten? Wollte er sich das allen Ernstes antun? Der Anflug eines Grinsens huschte über mein Gesicht, nur um sogleich von Sorge weggewischt zu werden, als ich daran dachte, wie schnell George klar werden würde, dass Edward absolut und nun wirklich GAR keine Ahnung von Babys und Kindern überhaupt hatte.
Aber natürlich wäre das nur für den Moment witzig. Schon Sekunden später hätte mich die quälende Sorge wieder, wo um alles in der Welt ich Geld für Rosalie auftreiben konnte. Mir blieb also wohl oder übel nichts anderes übrig, als das Schicksal herauszufordern. Wer wusste schon, ob das überhaupt schon George war. Und wenn er es denn war, dann würde Edward Cullen vermutlich im völlig übermüdeten Zustand weitaus weniger das Projekt gefährden, als im zurechnungsfähigen Zustand.
Also öffnete ich betont gut gelaunt die Tür und fand mich dem Sensemann gegenüber – George Stanley. „Oh, guten Morgen“, tat ich ganz überrascht. „Das ist ja eine Überraschung.“ George erwiderte mein Lächeln nur flüchtig, dann räusperte er sich. „Ich nehme an, dein Partner ist auch zuhause?“ Ich nickte, wobei ich mich ungewollt fragen musste, ob George die vollkommene Deplatzierung Edwards in meinen eigenen vier Wänden wohl genauso heftig auffallen würde, wie mir, da ich es ja augenscheinlich besser wusste.
„Komm doch einfach rein, ja? Hier an der Haustür redet es sich so schlecht“, forderte ich ihn umsichtig lächelnd auf und ließ ihn ins Haus. Mir entging sein forschender Blick nicht, mit dem er jeden Fetzen Teppich, Tapete und Einrichtungsgegenstand begutachtete. Ich räusperte mich vernehmlich und führte ihn dann mit vor Nervosität wild pochendem Herzen in die Küche. „Setz dich doch bitte“, sagte ich dort, um Fassung bemüht, zu George. Aber eigentlich war mir nach lautstarkem Fluchen zumute, waren doch weder Edward noch Annabelle auch nur ansatzweise irgendwo zu sehen.
Wie es gar nicht anders sein konnte, fiel das natürlich auch George auf. Mit gerunzelter Stirn, fragte er: „Sagtest du nicht, dass Edward hier ist?“ Ich nickte hastig. „Das stimmt ja auch. Er ist eben nur … unter der Dusche. Ja, genau! Er ist unter der Dusche.“ Leutselig grinsend machte ich mich daran, George abzulenken, indem ich ihm recht umständlich eine Tasse Kaffee anbot. Danach gab ich mein Bestes, ihm etwas zu Essen anzudrehen, was allerdings genauso wenig klappte, wie die Sache mit dem Kaffee. Nach einer äußerst unangenehmen Viertelstunde unter Georges immer schärferem Blick, klatschte ich schließlich in die Hände und verkündete, dass ich mal nach Annabelle sehen wollte, da ich bisher noch gar nichts durch das Babyfon gehört hatte.
Da George das mit äußerst misstrauischem Blick hinnahm, fügte ich hinzu: „Und ich sehe mal nach, ob Edward sich aus Versehen selbst ertränkt hat. Ist ja nicht normal, so lange unter der Dusche zu stehen.“ Ich kicherte nervös und hastete dann zur Tür hinaus. In meinem Kopf malte ich mir bereits du unmöglichsten Szenarien aus, an deren Ende Edward aber ganz sicher den Tod durch meine Hand verdient haben würde. Und dann fand ich ihn und Annabelle allen Ernstes gemeinsam im WOHNZIMMER! Nein, keine Flucht von Cullen. Nein, kein fehlender Volvo vor der Haustür. Nein, keine zerschmetterte Annabelle und ein mit völlig gestörtem Blick, nackt und mit seinen Boxershorts auf dem Kopf, um sie herumtanzender Edward.
„Sag mal, hast du sie noch alle?!“, zischte ich um einen möglichst leisen Tonfall bemüht und rüttelte Edward ruppig an der Schulter. Er grummelte nur, machte allerdings keine Anstalten, seinen Hintern von meinem Sofa zu bewegen. Er lag einfach da wie erschossen, Annabelle auf seiner Brust und tat genau das, was man sich, seiner Position nach zu urteilen, eigentlich nur denken sollte, was er eigentlich wohl zu spielen vorgehabt hatte. Den völlig übermüdeten Dreimonatsdaddy eines Plastikbabys, der so fasziniert war von seinem Elektrokind, dass er es im Eifer des Gefechts die ganze Nacht angestarrt und dabei ganz das Schlafen vergessen hatte. Und mit diesem Hintergrund hätte George es womöglich sogar verstanden, warum er hier so halbtot herumlag. Aber nein, ganz bestimmt verstand er Edwards missglücktes Manöver nicht, wenn man bedachte, dass ich ihm vorhin erst versichert hatte, dass Edward duschte, verdammt noch mal!
Ungehalten nahm ich Annabelle von ihm herunter und beugte mich dann dicht zu seinem Ohr hinunter. „Wach auf, mein Schnuckilein“, säuselte ich. „Wenn du nicht ganz schnell aufstehst, dann haben wir nachher am Ende nicht mehr genug Zeit für uns, mein starker Mann. Du willst doch nicht, dass deine Eltern darauf warten müssen, dass du ihnen ihren zukünftigen Schwiegersohn vorstellst?“ Das wirkte um einiges besser, als wenn ich Edward einen Eimer eiskaltes Wasser ins Gesicht gekippt hätte. Mit schreckensbleicher Miene schoss er in die Höhe und blickte vollkommen panisch um sich. Auch wenn mir eben beinahe selbst übel geworden wäre, von dem Gesäusel, war Edwards Anblick dieses Opfer doch wert.
Inzwischen hatte Edward mich entdeckt und rutschte auf dem Sofa so weit wie möglich von mir weg. „Jetzt mach bloß keine Szene!“, drohte ich ihm vorsichtshalber. „Mach, dass du ins Bad kommst, Einstein. Lass dir Zeit, okay? Und dann komm runter und erzähl George, dass ich dich gerade eben erst wecken musste, weil du mit Annabelle im Arm eingenickt bist, verstanden? Tu einfach so, als wärst du noch müde von der vorletzten Nacht.“ Edward schluckte schwer, ehe der erschrockene Ausdruck aus seinem Gesicht zu weichen begann. „Sag so etwas … wie eben … nie mehr, klar?“, stieß er dann mit geröteten Wangen hervor. Ich nickte grinsend. „Und nun marsch, marsch ins Bad!“
Edward erhob sich verhalten ächzend und trottete zur Tür, was mich zugegebenermaßen selbst ein klein wenig überraschte. Aber dann drehte er sich im Türrahmen um und sein ungehaltener Blick sprach Bände. „Ich soll in deiner Bruchbude duschen?“, flüsterte er wütend. Ich erdolchte ihn mit Blicken, aber das schien ihn gar nicht zu stören. „Wenn mir ein Wasserrohr auf den Kopf fehlt und mich erschlägt, oder wenn ich von den Schimmelsporen in deinem so genannten „Bad“ vergiftet werde, dann bist du wohl fein raus aus der Sache, was?“, zischte er. „Ich müsste mir einen neuen ganz sicher sympathischeren Partner suchen, den todunglücklichen Hinterbliebenen mimen und könnte die Studie womöglich erst in einem Jahr fortsetzen, du Vollpfosten. Helfen würde mir das sicher nicht. Also mach jetzt gefälligst hin!“
Obwohl Cullen aussah, als überlegte er ernsthaft, mir den Schirm, der nahe der Tür an der Wand lehnte, über zu werfen, begnügte er sich dann doch nur mit einem mordlüsternen Blick, bevor er erstaunlich leise die Treppe hinauf verschwand. Erleichtert aufatmend ging ich zu George zurück in die Küche, der inzwischen reichlich ungehalten mit seinem Kugelschreiber auf dem Tisch trommelte. „Nur ein kleines Missverständnis“, erklärte ich ihm in beruhigendem Tonfall. „Ich dachte, Edward wäre schon unter der Dusche. Aber er ist im Wohnzimmer eingeschlafen, während er Annabelle im Arm gehalten hat. Ihm steckt die erste Nacht mit der Kleinen eben noch in den Knochen“, lachte ich nun, da ich wusste, wo zum Geier Cullen nun genau sein Unwesen trieb, um einiges lockerer.
Aber George sah alles andere als entspannt aus. „Und was heißt das jetzt? Dass er unbedingt noch die Welt retten muss, ehe er zu uns stößt?“ Ich schluckte und setzte mich dann wieder auf meinen Stuhl, Annabelle noch immer im Arm. „Nein, ich habe ihm nur gesagt, dass er, so zerzaust und vollkommen übernächtigt, wie er aussieht, besser erst mal duschen gehen soll, bevor er ihnen zumutet, selbst herauszufinden, warum ich ihn nur als „zerknittert“ beschrieben habe. Und glauben sie mir, selbst ich würde sagen, dass er … na ja, müffelt.“ Ich zwinkerte George zu, der nun doch ein bisschen weniger angriffslustig wirkte. „Wir sind schließlich alle Menschen“, meinte er kryptisch und sagte dann eine ganze Weile gar nichts mehr.
Gerade jedoch, als die Stille die Konsistenz von sich langsam verfestigendem Beton angenommen hatte und ich mir immer alberner dabei vorkam, Annabelle zu betüddeln und dabei so zu tun, als würde ich Georges ständige Blicke auf seine Armbanduhr völlig übersehen, hörte das in der Küche kaum zu vernehmende Wasserrauschen auf und kurz darauf war das leise Klappern einer Tür zu hören. Dann Schritte auf der Treppe, dann im Flur und schließlich Tapp-Tapp, war er da. Ich schloss für einen Moment die Augen, wollte eigentlich gar nicht wissen, was Edward da bitte anhatte – das Kleidungsproblem war mir nämlich erst während der Warterei gekommen. Und dann schaute ich zur Tür.
Mein erster Gedanke befasste sich damit, dass dieser Bastard tatsächlich in meinem Schlafzimmer gewesen war. Die Bluejeans waren eindeutig meine! „Guten Morgen, George“, begrüßte er den Sensemann in persona lächelnd, rubbelte sich noch einmal das nasse, bronzefarbene Haar trocken und hängte sich dann das Handtuch um die Schultern – wohl gemerkt das einzige halbwegs kleidsame Stück Stoff an der oberen Hälfte seines Körpers. Dann besaß er tatsächlich den Schneid, sich so dicht an mir vorbei zum Tisch zu begeben, dass sein Hinterteil meinen Arm streifte. Bastard! Gerade nahm ich mir vor, ihm allein dafür noch mindestens eine Extra-Nacht mit Annabelle zu gönnen, als er sich auch schon über mich beugte.
„Hey, Cowboy“, hauchte er mir zu und küsste mich dann mitten vor Georges Augen auf die Wange. Und ich konnte nur tatenlos dasitzen und mir alle Mühe geben, nicht aufzuspringen. Was fiel Cullen denn nur ein?, dachte ich dumpf, während ich noch immer die Feuchtigkeit seiner vom Duschen noch nicht ganz trockenen Lippen auf meiner Wange spürte. Aber dann saß Edward schon neben mir und nahm mir Annabelle lächelnd aus dem Arm. „Also …?“ Er tätschelte den Kopf der Puppe und sah George fragend an. Der brachte ein schiefes Lächeln zustande und sagte dann: „Nun, ich hätte da ein paar Fragen an sie.“
Verwundert sah ich zwischen Edward und George hin und her. Letzterer zog ein Notizbuch aus seiner Aktentasche, schlug es auf, zückte wieder seinen Stift und fragte, ohne aufzusehen: „Wie lange sind sie beide schon ein Paar?“ Ich schluckte und wollte gerade antworten, als Edward auch schon: „Seit eineinhalb wundervollen Jahren, nicht wahr, Honigbär?“ Mit Mühe, weil unglaublich angewidert, schaffte ich ein Nicken. George notierte sich Edwards Aussage. „Jasper …“, begann er dann, während ein listiges Lächeln um seine Lippen spielte. „Nenn mir jetzt bitte aus dem Stehgreif vier Worte, die Edward deiner Meinung nach angemessen beschreiben.“
Ich fing augenblicklich an zu rotieren: „Ähm … das ist schwer“, stammelte ich hektisch. „Vielleicht …“ Verschlagen, denkbar unsympathisch, Kotzbrocken, verwöhntes Arschloch. Aber laut sagte ich: „Vielleicht wunderbar, liebevoll, zärtlich und … sexy?“ Bei letzterem lief ich kirschrosa an, tarnte das aber erfolgreich mit einem schüchternen Lachen. George notierte auch das. „Beschreiben du, Edward, mir doch bitte die Familie deines Liebsten?“ Jetzt wurde das listige Grinsen immer breiter. Wir sind verloren, dachte ich panisch. Edward hatte doch nicht den Hauch eines Schimmers von meiner Familie!
„Oh, also das ist leicht.“ Sicher, mich verhört zu haben, sah ich zu Edward, der ganz entspannt lächelnd, Annabelle in den Armen wiegte. „Jazz’ Eltern heißen Susan und William, aber sein Dad zieht es vor, Bill genannt zu werden. Ich mag die beiden sehr, weil sie so bodenständig sind, wissen sie? Einfach so ländlich. Und seine kleine Schwester Rosalie ist wirklich ein Engel. Nach dem Sommer geht sie auf die Highschool.“ Verdattert starrte ich Edward an, der noch immer dasaß, als wäre nichts. Erst Georges Räuspern machte mich wieder unserer gegenwärtigen Situation bewusst.
„Zu wem aus Jaspers Familie hast du denn den wohl besten Kontakt, Edward?“, fragte er weiter und man sah ihm nur allzu deutlich an, dass er ebenso überrascht über Edwards Beschreibung meiner Familie war, wie ich. „Eindeutig zu Rose“, sagte Edward überzeugt. „Sie ruft mich fast täglich an, weil sie gerne Schauspielerin werden will und mein Dad Miteigentümer eines etwas in die Jahre gekommenen Theaters ist.“ Mistkerl! „So stimmt das aber nicht, Schatzi“, unterbrach ich diese Farce, weil ich ganz bestimmt nicht mehr länger dabei zusehen würde, wie Edward meine Familie als einen Haufen völlig unterbelichteter, hirnloser Hinterwäldler beschrieb.
Um ihm das noch einmal klarer zu machen, lehnte ich mich mit einem betont nachsichtigen Lächeln zu ihm herüber und funkelte ihn voll Zorn an, sobald George mein Gesicht nicht mehr sehen konnte. Dann wandte ich mich an den Studienmenschen und verkündete frei heraus: „Edward hat einen extrem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Unter uns gesagt, kann das auch mal richtig gruselig werden“, ich zwinkerte George verschwörerisch zu. „Rose liebt alles, was alt ist, George. Das letzte, was sie werden will, ist Schauspielerin. Edward versucht ihr das nun schon, seit er sie zum ersten Mal getroffen hat, einzureden. Sie ist wirklich hübsch, ja. Am besten verstehst du Edwards Worte einfach als das, was sie sind – der Beweis dafür, dass er meine Familie liebt.“
Auch ohne hinzusehen, wusste ich bereits, dass ich dafür bezahlen würde. Aber verdammt noch mal, das war es mit Sicherheit so was von wert! George lächelte süffisant. „Du hast ja keine Geschwister, nicht wahr?“, fragte er Edward. Ich nickte eifrig und hätte fast „Guck ihn dir an und du weißt alles, was du wissen musst! Er ist überheblich, unmöglich, hat einen miesen Charakter und ist unbeschreiblich oberflächlich – Einzelkind zu hundert Prozent!“ hinzugefügt. Aber dann sagte Edward nur mit leiser, weil augenscheinlich noch immer nicht so ganz ruhiger Stimme: „Richtig. Rose wäre meine … Traumschwester.“
Vielleicht war das dann doch ein wenig zu viel des Guten. Denn George musterte Edward und mich nacheinander forschend, bevor er unvermittelt aufstand. „So.“ Er nickte mit ausdruckslosem Gesicht. „Edward, würdest du mir bitte das Haus zeigen?“ Alles in mir weigerte sich gegen diesen nun wirklich gröbsten Vorstoß in meine heilige Privatsphäre. Aber was konnte ich schon dagegen tun? Cullen zuzischen, dass er die hinterlistigen Kommentare für sich behalten sollte, bis George zur Tür hinaus war? Vielleicht. Sollte ich behaupten, dass Edward oben im ersten Stock ganz sicher wieder eine Überschwemmung veranstaltet hatte – wie „immer“, wenn er duschte? Das klang doch gut.
„George?“ Der Mann sah fast schon abschätzig zu mir hinunter. Ich druckste herum. „Also hier unten kannst du dich gerne umsehen. Aber oben … da … na ja …“ „Was ist oben?“ Eine seiner dunklen Augenbrauen wanderte fragend in die Höhe, wobei er allerdings noch immer allzu abschätzig wirkte. Ich stand auf und flüsterte dann nur für ihn hörbar: „Edward hat es nicht so mit der Koordination … unter der Dusche.“ „Wie meinst du das?“ Er flüsterte nicht, als wollte er keinen Zweifel daran lassen, dass er keinen Wert darauf legte, Edwards vermeintliche Gefühle zu verletzen. Und natürlich rief das den Typen, der mit ziemlicher Sicherheit nicht einmal wusste, wie man Gefühle schrieb, auf den Plan – ich übrigens schon: G-E-F-U… okay, vergessen wir’s.
„Hasi, du machst unserem Besucher doch nicht etwa Angst, oder?“ Er legte mir den Arm um die Schultern, so dass ich allen Ernstes gegen seinen noch immer viel zu nackten Oberkörper gedrückt wurde. Verdammt, mein Duschgel hatte er auch benutzt! „Was gibt es denn für ein Problem?“, fragte er sogleich George, während er Annabelle in die Babywiege zurücklegte, die noch immer auf dem Tisch stand. „Jasper sagt, sie neigen beim Duschen dazu, ein wenig die Orientierung zu verlieren“, antwortete George und musste sich dabei selbst ein Grinsen verkneifen. Edward erstarrte mitten in der Bewegung, Annabelle den Kopf zu tätscheln und fuhr mit glitzernden Augen herum.
„Glauben sie mir, George, vielleicht bin ich hin und wieder ein wenig ungeschickt – ja und? Aber ich besitze wenigstens kein Motorrad namens Heather, von der ich ein Foto auf meinem Nachttisch stehen haben muss, damit ich einschlafen kann.“ Ich würde ihn umbringen – ganz klar. Dieses Aas war in meinem Schlafzimmer gewesen und hatte dort herumgeschnüffelt – woher hatte er sonst all das über meine Familie wissen sollen? Aber mit Heather war er jetzt eindeutig zu weit gegangen. „Lass dir von ihm das Haus zeigen, George, ja? Er zeigt dir einfach selbst, was er dort oben wieder angestellt hat.“
Es war fast zu einfach, weil Edward sich natürlich in völliger Sicherheit wähnte, George bei der Hausführung noch mehr von seinen wahnwitzigen Halbwahrheiten über mich zu unterbreiten. Aber der würde sich noch wundern – und wie! Sicherheitshalber wartete ich, bis ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren, dann packte ich die Babywiege mit beiden Händen und stürmte zur Haustür hinaus. Hastig eilte ich hinüber zum Schuppen und riss dort die mitgenommene Tür auf. Nur ein paar Minuten verbrachte ich im düsteren Innern des Kabuffs, dann verließ ich es auch schon wieder, noch immer mit Annabelle Wiege im Arm. Mit der freien Hand drückte ich jetzt etwa ein halbes Dutzend Spraydosen an mich.
Obwohl es noch recht früh am Morgen war, waren die Sonnenstrahlen, die mir ins Gesicht fielen, bereits recht warm. Ich stellte die Babywiege neben der Haustür im Gras ab und marschierte dann entschlossen zu Cullens Volvo hinüber. Bei mir dachte ich noch, dass dieser Idiot nun wirklich verdammtes Glück hatte, dass ich eben nicht ganz so zeichnerisch unbegabt war, als allzu viele andere Kerle. Über diesen Gedanken amüsiert, ließ ich die Spraydosen an der Grenze, an der das Gras in den Schotter der Einfahrt überging, ins Gras fallen und fischte die erste Dose heraus. Dann machte ich mich gut gelaunt an die Arbeit, wohl wissend, dass ich selbst nach dieser Nummer mit der Sache, wonach Edward meine Familie vergötterte, noch einen Stein bei Cullen im Brett hatte.
*****
Es dauerte überraschend lange, bis sich die Haustür öffnete. „… auch nicht, wo er ist. Manchmal ist er eben ein echter Rumtreiber. Aber er kommt bestimmt bald wieder. Ich bin sicher, er wird …“ Doch keiner von uns würde je erfahren, was ich Edwards Meinung nach ganz gewiss sein würde, denn er verstummte, erstarrt vom Anblick seines einst so schlichten und eleganten Volvos. „Gefällt’s dir?“, fragte ich so scheinheilig, dass ich mir die Frage fast selbst nicht abnahm. Jetzt schob sich George mit neugierigem Blick an Edward vorbei, trat die Stufen hinab und blieb mit verblüfftem Blick stehen. Dann, ganz langsam wanderte sein Blick zu Edward – ohne Frage, er prüfte uns selbst jetzt.
„Wie … süß“, brachte Edward schließlich doch irgendwie hervor und sah dabei irgendwie aus, als wenn er vor lauter Wut und Entrüstung wegen dem, was er da Augen hatte, in Tränen ausbrechen – George hielt es jedoch wohl für Rührung. „Lasst euch von mir nicht stören“, bemerkte er beiläufig und lächelte nun ganz unverhohlen ehrlich. Aber mir entging der erwartungsvolle Blick keinesfalls, der immer wieder von mir zu Edward und zurück wanderte. Im selben Moment wie ich, hatte auch Edward verstanden, was das nur bedeuten konnte. Seine Augen brannten sich in meine und sagten ohne Worte: „Wag es ja nicht!“
Im Bestreben, Edward so richtig dafür bezahlen zu lassen, dass er Heather beleidigt hatte, hatte ich es tatsächlich geschafft, uns in eine Situation zu bringen, die … na ja, unangenehm war. Denn wären Einstein-Cullen und ich ernsthaft ein Paar, dann hätte er sich jetzt auch ernsthaft über den ausschweifenden „Daddy’s little Princess on Board“-Schriftzug mit den beiden Fröschen in der Nähe der Fahrertür gefreut – die Frösche, die einander verliebt in die Augen schauten. Und hätte er sich ernsthaft über meine Rache gefreut, dann wäre die logische Konsequenz ein Kuss. Toll. Wirklich toll.
Die Sekunden verstrichen und mehr und mehr bekam ich das ungute Gefühl, dass George auf genau so eine Situation gewartet hatte – und ich hatte sie ihm auch noch auf dem Silbertablett serviert. Schließlich kam unvermittelt ein Ruck in Cullen, der inzwischen – Gott sei Dank – ein schwarzes Hemd trug. Mit zusammengebissenen Zähnen stieg er die Treppe hinunter und steuerte dann Schritt für Schritt auf mich zu, wobei er krampfhaft strahlte. „Das hast du toll gemacht“, säuselte er für George. Seine Augen sprühten wütend Funken, aber er sprach dennoch weiter wie einer der ganz kranken Idioten der Liebe.
„Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie ich dich verdient habe.“ Ich schluckte und dachte mir sogleich, dass ich mich das nun schon seit Tagen fragte – vermutlich aber ein klein wenig anders, als George denken sollte. Dann hatte Cullen mich auch schon erreicht. Er legte mir die Hände auf die Schultern und ließ sie dann langsam zu meinem Hals und in meinen Nacken wandern. Oh Gott, er wollte mich ermorden! Statt mich zumindest unbeholfen zu umarmen und zu hätscheln, wie es in dieser Situation leider Gottes nun einmal das am mindesten angebracht gewesen wäre, wollte er mich … küssen? Fast hätte ich vor lauter Schreck einen Schritt zurück gemacht, als mich Cullens warme Finger gar nicht zu erwürgen begannen, sondern mich näher zu ihm heranzogen.
Als ich mich hastig wieder gefasst hatte, disponierte ich um – ich würde ihm einfach die Zunge abbeißen. Nun gut … zugegeben, ein Küsschen würde keinen von uns umbringen, oder? Okay, dann biss ich ihm eben nur dann die Zunge ab, wenn er es übertrieb – ja, genau. „Dafür wirst du noch büßen“, raunte Cullen dann und lächelte fast schon bitter. Das veranlasste mich dann doch zu einem breiten Grinsen. „Nicht so sehr, wie du, immer dann, wenn du ins Auto steigst“, erinnerte ich ihn. Und dann erlebte ich den wütendsten, unsanftesten Kuss überhaupt – und zwar ohne dass irgendjemandem die Zunge abgebissen würde…
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