Samstag, 4. Juni 2011

Kapitel 10

~ Gaga-Bella, ein Messerblock im Backofen und ein Kompliment der ganz besonderen Art. ~

Jaspers POV

„Das ziehe ich nie und nimmer an!“, platzte Edward heraus, kaum dass er mein neuestes Fundstück aus unserem Studientrolley überhaupt erst erblickt hatte. Ich hob die Augenbrauen, fragte wortlos, ob er wirklich so scharf darauf war, dass ich George anrief und ihm in bester ‚Der Mistkerl hat mir das Herz gebrochen’-Manier theatralisch schluchzend davon berichtete, dass Edward mich soeben verlassen hatte, weil er den Gedanken einfach nicht ertragen hatte, dass ich mit Studienbaby im Arm so viel sexier war als er. Na, zutrauen würde ich ihm ja, dass Edward selbst das als Grund nehmen würde …

„Wer hat dich gerade eben davor bewahrt, deinen ohnehin irgendwo beim Alte-Leute-Bingo gewonnenen Führerschein zu verlieren, Einstein?“, leierte ich genervt herunter. „Und wer von uns hat auf dem Weg hierher irgendetwas gebrabbelt, das vermutlich nur für Taubstumme als ‚Danke’ zu interpretieren gewesen wäre? Wer, frage ich dich, du Schlaumeier, hat dir gerade deinen Arsch gerettet?“ Cullen sah mich finster an. „Lass gefälligst meinen Arsch aus dieser Sache heraus, klar? Insbesondere dann, wenn du dein widerliches SM-Zeug da auspackst!“ Er nickte in Richtung des rosa Trageriemens und ich war sicher, mich gerade ganz gewaltig verhört zu haben.

„Bitte was?!“, schnappte ich halb ungläubig und halb einem ernsthaften Lachanfall nahe. Einsteins Wangen verdunkelten sich um einen Farbton. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist doch völlig … gaga!“, stieß er kopfschüttelnd hervor. Ich legte den Kopf schief, zwang mich krampfhaft, Ruhe zu bewahren. „Wer verwechselt hier denn gerade eine Tragevorrichtung für Babys mit irgendeinem kranken Fetisch-Teil, das bei dir Zuhause ganz gerne Verwendung findet, … Alejandro?“ Cullen schluckte, dann lachte er gekünstelt auf. „Ich bin hier ja wohl nicht derjenige, der gewisse Studien mit einer kostenlosen Dating-Börse verwechselt und jetzt glaubt, nur weil er ein paar armselige Verkehrs-Bullen belabert hat, mit mir den großen Fang gelandet zu haben!“

Ich stöhnte und warf die Haltevorrichtung nach Cullen. „Hätte ich mir ja denken können“, seufzte ich und ließ mich am Küchentisch nieder. „Das hoffe ich doch!“, frohlockte Cullen und warf die Haltegurte mit angeekelter Miene und spitzen Fingern zu mir zurück. Ich duckte mich, ließ die Tragevorrichtung über mich hinwegsegeln und wandte mich dann wütend an ihn: „Du bist nicht nur ein verwöhnter Scheißkerl, der es gewohnt ist, Zucker in den Hintern geblasen zu bekommen. Nein, du bist auch noch ein Bilderbuch-Homophober, der undankbarer ist, als gesetzlich erlaubt sein sollte.“

Einstein klappte die Kinnlade herunter. Aber fertig war ich noch lange nicht. Ich stand auf, ging zu ihm hinüber und bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Erst gestern habe ich mir vorgenommen, mich ab sofort mehr zu bemühen, dich vielleicht in drei Monaten nicht mehr ganz so widerlich zu finden. Erst gestern!“ Cullen schloss den Mund und setzte dann dazu an, mich zu unterbrechen. Ich schüttelte abwehrend den Kopf. „Halt deine scheiß Klappe!“ Seine Augen versprühten Funken der Entrüstung – ich fuhr dennoch fort: „Ich dachte ernsthaft mal, dass es Glück war, das dich die Tage in das erste Meeting dieser verdammten Studie gebracht hat. Glück – klar so weit? Welch ein Witz!“

Er wollte mich schon wieder unterbrechen – ich ließ es nicht zu. „Jetzt frage ich mich, warum ich dort überhaupt hingegangen bin. Warum um alles in der Welt ich diesen Studienmenschen gesagt habe, dass mein Partner die Unterlagen, die ihn betreffen noch nachreicht, obwohl es ihn gar nicht gibt und ich von Anfang an darauf gebaut habe, dass dort noch jemand alleine sitzt, der auf dasselbe hofft wie ich – darauf, dass er spontan einen netten Studienpartner bekommt.“ Ich holte einmal schwer Luft. „Und was bekomme ich?“, fauchte ich dann so deprimiert, dass es schon fast peinlich war. „Ich bekomme dich! Einen vollkommen beratungsresistenten Kotzbrocken, der noch nicht einmal merkt, wie unausstehlich er ist.“

Die Funken in Cullens Augen verloschen und machten für einen Moment etwas Platz, das ich als ernsthafte Verletzung bezeichnet hätte, ehe seine Augen wieder hell aufleuchteten und er lospolterte: „Du kennst mich doch überhaupt nicht!“ Er atmete schwer und wich einen Schritt zurück, wobei meine Hand, die den ausgestreckten Zeigefinger in seine Brust gebohrt hatte, an meine Seite sank. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie ich bin, wenn man mich nicht gerade grundlos mit deiner Gegenwart bestraft. Verdammt, denkst du ernsthaft, ich bin froh, dass ich es mit dir aushalten muss – dass ich jemals geglaubt hätte, mit dir für die nächsten Wochen festzusitzen? Nein, verflucht noch mal!“

Draußen auf dem Hof kullerte etwas lautstark umher. Wir schenkten dem Geräusch keine Bedeutung. „Und heute“ – Edward schnaufte aufgebracht – „heute bin ich so schnell hergekommen, wie ich konnte. In verdammten Badeschlappen!“ Er deutete auf seine Schuhe. „Ich war erschöpft, weil du mir pausenlos mit dieser Puppe in den Ohren liegst. Erschöpft! Und trotzdem hab ich mich, so schnell ich konnte, auf den Weg hierher gemacht, klar?“ Ich hörte einen leisen Fluch oder glaubte zumindest einen zu hören – von der Haustür her. „Eddyschatz?“, rief urplötzlich eine hohe Stimme von genau dort her, wo ich gerade den Fluch zu hören geglaubt hatte.

Edward, der gerade dazu angesetzt hatte, weiter zu jammern und zu klagen, verdrehte entnervt die Augen und rief: „Ich kann jetzt nicht, Bella!“ Verdutzt sah ich ihn an. Er seufzte. „Was ich eigentlich gerade … Warum guckst du mich so dämlich an?“ Ich zog die Augenbrauen noch höher, so dass ich sicher war, dass sie gleich in meinem Haar verschwinden würden. Ich sagte nichts. Cullen sah mich missbilligend an, dann erstarrte er, wirkte verwirrt, dann geschockt und schrie dann völlig entgeistert über seine Schulter hinweg in Richtung Haustür: „Was zum Teufel machst du denn hier, Bella?!“ Oh ja, eine wirklich kurze Leitung hatte unser Einstein wirklich nicht.

Ehe ich ihn fragen konnte, ob das da draußen vor der Tür am Ende wirklich noch seine Freundin war, hatte er den Weg eben dorthin bereits halb hinter sich gebracht. Seufzend trottete ich mit verschränkten Armen hinterher und sah dabei zu, wie Edward die Tür aufriss. Als ich neben ihn trat, starrte er gerade verblüfft auf ein brünettes Mädchen hinab, das ihn triumphierend anstrahlte. Ich tippte an meinen imaginären Hut, schenkte ihr ein schiefes Lächeln und lehnte mich an den Türrahmen. „Schätzchen.“ Sie wandte sich von Edward ab und starrte mich mit offenem Mund an. Ich hielt ihr geflissentlich meine Hand hin. „Whitlock. Jasper Whitlock.“

Ich sah sie schlucken und dann schwerfällig nicken. „Bel … Isabella Swan. Sehr … angenehm.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie lief knallrot an. Das wiederum brachte Edward wieder zu sich. „Was zum … Was machst du hier?“, brauste er ungehalten auf. Bella wandte widerwillig den Blick von mir ab und sah Edward verträumt an. Und dann – dann sagte sie etwas, was in meinen Ohren einfach unglaublich komisch war.

„Ich hab dein Handy geortet.“ Ich hustete heftig, um das in mir aufwallende Lachen zu übertönen. Bella warf mir einen verdutzen Blick zu, ehe Edward wieder ihre Aufmerksamkeit erringen konnte, indem er lauthals hervorstieß: „Was hast du getan?!“ Bella blinzelte und nickte dann in Richtung der Stelle, wo die Auffahrt endete und die Straße begann. Dort stand ein kanariengelber Porsche, aus dem uns jemand zuwinkte. Jemand, der ziemlich irre wirkte, kurzes schwarzes Haar hatte und, wie um ihr Erscheinungsbild zu unterstreichen, vollkommen frenetisch mit ihrer kleinen Hand wedelte. „Alice hatte die Idee und ich fand sie gut.“ Na, das glaubte ich ihr aufs Wort!

„Bella, du kannst doch nicht …“, stammelte Einstein und rang sprachlos die Hände. Ich rammte ihm unauffällig meinen Ellenbogen in die Seite. „Sie kann, wie du siehst“, fasste ich das Offensichtliche in Worte und Bella nickte, stimmte mir begeistert zu. Cullen warf mir einen wütenden Blick zu, ehe er gleichzeitig mit mir zu sprechen begann: „Schön, Bella. Fahr wieder nachhause“, sagte er. „Komm doch rein“, sagte ich. Unsere Blicke trafen sich, meiner überaus amüsiert, seiner ernsthaft angenervt. „Keine gute Idee“, knurrte er beinahe. „Ach was!“ Ich wedelte seinen Protest mit meiner linken Hand weg, während ich Bella den rechten Arm um die Schultern legte und sie ins Haus bugsierte.

Ich führte unseren Besuch in die Küche und musste ein Lachen unterdrücken, als Edward hinter Bellas Rücken seiner Wut freien Lauf ließ, mir ein ums andere mal den Vogel oder den Mittelfinger zeigte, lautlos tobte, als wäre nur die Anwesenheit seiner Freundin der Grund dafür, dass er mir den Hintern nicht versohlte. Hintern. Schon wieder. Ich runzelte im Geiste die Stirn, über so viel worttechnische Gegenwart des buchstäblich Allerwertesten.

„Möchtest du was trinken?“, erkundigte ich mich, ganz der Charme in Person. Klein-Bella strahlte und sah mich an, wie ein Stück Fleisch wohl von einem völlig ausgehungerten Rottweiler betrachtet wurde – kurz bevor er es in einem Haps verschlang. Na, gute Güte, Einstein, lässt du deine Süße zuhause etwa auf dem Trockenen sitzen, oder was? Ich lachte verhalten in mich hinein, als ich Bellas Wunsch nach einer Tasse Kakao nachkam. Während ich den Milchtopf samt namensgeblichem Inhalt auf den Herd stellte, fragte ich beiläufig: „Du auch einen Kakao, mein scharfer Hengst?“

Ich warf einen Blick über die Schulter. Ein Bild für die Götter, wahrhaftig. Cullen war hinter Bella gerade mitten in der Bewegung erstarrt. Noch immer mit stocksaurer Miene, die Arme beide wütend erhoben, lief er ganz langsam ziegelrot an und starrte mich völlig perplex an. Volltreffer. „Edward?“ So, wie Bella seinen Namen aussprach, klang es eher wie Ed – was soll der Mist? – ward. Ich schmunzelte sie kurz an und machte mich dann daran, Tassen aus dem Küchenschrank zu nehmen.

„Whitlock leidet unter Wahnvorstellungen“, stammelte Einstein gerade vor sich hin, als ich das Kakaopulver in die Tassen gab. Ich grinste. „Denk bitte daran, nachher noch im Schlafzimmer ein wenig Ordnung zu schaffen, ja? Wenn du in Fahrt bist, fliegen ja immer die Fetzen.“ Stille. Dann: „Achsoooooo!“ Ein Kichern. Ich schaltete die Herdplatte, auf der die Milch gerade aufschäumte, aus und wandte mich um, lehnte mich lässig an den Küchenschrank. Bella zwinkerte mir zu und sagte dann verschwörerisch aber nicht besonders intelligent: „Eddy hat mir schon gesagt, dass ich ihn in den nächsten Wochen teilen muss. Ich finde das wirklich interessant, musst du wissen.“

Edward fuchtelte hinter ihr wild mit den Händen. Allmählich bekam der werte Herr scheinbar Panik. Ich lächelte und setzte mich vertraulich neben Bella. „Findest du, ja?“ Ich neigte den Kopf in ihre Richtung. Sie schluckte laut und nickte dann. „Ich finde es nur fair. Immerhin weiß Edward ja auch, dass ich vor drei Monaten mit Alice …“ Edward knallte sich überraschend lautlos die Hand vor die Stirn, verzog schmerzhaft das Gesicht und schloss fest die Augen. Aha. Vor drei Monaten also … interessant. „Ja, Bella?“, ermutigte ich sie zum Fortfahren. Sie atmete einmal tief durch. „Wir haben ein bisschen rum gemacht“, gestand sie dann, wurde rot und kicherte verlegen. Herzallerliebst. Edward sah aus, als wollte er sich gleich am Messerblock bedienen und ein Blutbad anrichten – mit Bella als Hauptgang und mir als anschließendes Opfer seiner ‚Alles deine Schuld’-Rede.

Ich erhob mich, gab Milch in die drei Tassen und verstaute den Messerblock möglichst unauffällig im Backofen. Dann setzte ich mich wieder an den Tisch. „Edward, setz dich doch“, drängte ich ihn breit lächelnd. Er zog sich grob einen Stuhl heran, ließ sich darauf fallen und sah mich feindselig an – bis Bellas Blick zu ihm wanderte und er plötzlich wieder lammfromm drein sah. „Ich denke, du solltest jetzt gehen“, schnurrte er beinahe und blinzelte dabei so unschuldig, als wäre es gerade nicht er gewesen, der sich mit dem Gedanken getragen hatte, seine so genannte „Freundin“ in den Hauptbestandteil von Hackbällchen zu verwandeln.

„Du willst Bella doch nicht etwa aus dem Haus haben – oder, mein wildes Betthäschen?“ Ich sah ihn über den Rand meiner Tasse hinweg so unschuldig an, dass vermutlich sogar der große böse Wolf mit Rotkäppchen, äh, natürlich Jasper Mitleid gehabt hätte. Wenn ich Cullens Gesicht so betrachtete, so sah seine völlig verkrampfte Miene dann doch nach ziemlichen Schmerzen aus. Jedem das, was er verdient hatte. „Bella wird jetzt gehen“, stieß er heiser vor Wut hervor.

„Aber wieso das denn?“ Jetzt quälte er sich allen Ernstes ein Lächeln ab. „Weil ich dich ganz für mich alleine haben will, mein Kuschelbär.“ Dass der Kakao nicht postwendend den Notausgang durch meine Nase nahm, grenzte an ein gottverdammtes Wunder. Aber ehe ich Cullen fragen konnte, ob er wohl etwas dagegen hatte, wenn wir diese Zeit der Zweisamkeit auf ein Threesome ausweiteten – Edward, ich und der Messerblock zu meinem Schutz –, erhob sich Bella. Verräterin!

Mit einem völlig dummdämlichen Grinsen sah sie uns nacheinander mit wackelnden Augenbrauen an. „Da nehmen aber zwei ihre Studie äußerst ernst“, neckte sie allen Ernstes und fügte wahnwitziger Weise auch noch hinzu: „Ruft einfach an, wenn ihr mich braucht.“ Sicher. Kurz darauf war sie verschwunden und zwischen Cullen und mir gab sich die berühmt berüchtigte Ruhe vor dem Sturm die Ehre. Zumindest so lange, bis mein Zwerchfell aufgab.

„Deine Freundin gefällt mir“, japste ich und brach in zu lange unterdrücktes, völlig ausuferndes Gelächter aus. Cullen knurrte und sah sehnsüchtig in Richtung Backofen. Vorsichtshalber schob ich mich samt Stuhl vor die Luke und verschränkte die Arme, machte mich noch immer glucksend daran, Edward die Highlights der vergangenen Minuten noch einmal vor Augen zu führen.

„Deine Freundin hat dich mit dieser Bekloppten draußen im Porsche betrogen. Sie hat kein Problem mit der Vorstellung, dass sie dich mit mir teilen muss. Und sie hat uns gerade angeboten, uns im Bett Gesellschaft zu leisten.“ Das war zu viel. Ich fing schon wieder zu lachen an. „Führ dieses Mädchen nie wieder als Grund dafür an, dass du keine Zeit für Annabelle hast. Wenn du sie lassen würdest, wäre deine Liebste sicherlich gerne Teil des Teams – und ganz sicher in jeder nur denkbaren Weise.“

„Jetzt reicht’s!“, fuhr Einstein auf und war mit einem Ruck auf den Beinen, den irren Blick auf den Backofen gerichtet und ein geknurrtes „Mach dich schon mal auf was gefasst!“ auf den Lippen. Noch immer überdreht erhob ich mich ebenfalls und fasste Cullen genau ins Auge, breitete die Hände aus und ging leicht in die Knie. „Komm schon“, lockte ich ihn und grinste ihn breit an.

Cullen schnaubte nur und sah mich an, als plante er bereits ein möglichst blutiges Ende für mich. Wir tänzelten um den Tisch herum, wobei ich jedoch penibel, wie Mama es Klein-Jasper beigebracht hatte, darauf achtete, dass Edward dem Backofen samt einschneidendem Inhalt nicht zu nahe kam. „Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Edwards nicht!“, murmelte ich halb knurrend vor mich hin, als ich gerade einen besonders gewagten Versuch von Cullen vereitelte, an das Messersortiment zu gelangen.

„Du bist doch so ein … so ein …“, stammelte Edward wutentbrannt, wobei er sich allerdings nur noch mehr lächerlich machte. „Dorfdepp!“, stieß er dann zudem noch äußerst triumphierend hervor, was die ganze Situation nicht so wirklich verbesserte. „Houston ist größer als eure verdammte Familienfestung, du Arschkriecher. Ich möchte ja doch arg wetten, dass du die ersten Jahre – also bis jetzt – noch keine Ahnung von dem hattest, was andere – normale – Leute Leben nennen!“

Der entrüstete, ja höchst beleidigte Ausdruck, der auf meine Worte hin auf Cullens Gesicht trat, war zum Totschießen. Ich verkniff mir aber – so, wie Grandma Whitlock zu sagen pflegte – den Triumph über den weit Unterlegenen und schluckte mein Lachen unter Mühen hinunter. „Vielleicht solltest du mir dafür dankbar sein, dass du mit mir endlich mal jemanden in deinem Leben hast, der nachts nicht von Dollarnoten träumt und dessen Leben nicht aufs Winzigste geplant ist. Scheißlangweilig ist das übrigens, Einstein. Richtig armselig.“

Das war es, was den Ausschlag gab. Auch wenn Cullen eindeutig den Begriff Sport kannte, wenn man sich ihn mal genauer beguckte, hätte ich doch angezweifelt, was ich nun wie in Zeitlupe vor mir sah. Nämlich: Edward Cullen, der mit einem Satz über den Tisch setzte und mich schlichtweg umwarf. Wie ein Bulldozer. Ein knurrender Bulldozer, der auf Tuchfühlung ging.

Als wir zu Boden gingen, wich alle Luft aus meinen Lungen und wurde auch nur reichlich dürftig erneuerte, da Einstein die Idee, mich mit seinem Körper auf den Boden zu drücken, scheinbar für definitiv genial hielt. Ich atmete flach und brauchte einen Moment, ehe ich genug Sauerstoff getankt hatte, um Cullen zu übermitteln, was ich von seinem unsportlichen Verhalten hielt. Ja, ganz richtig – unsportlich.

„Jetzt hast du keine große Klappe mehr, was?“, stieß Mr. Unsportlich aber gerade hervor, als ich meine Gedanken in Worte fassen wollte. Seine Nasenspitze war von meiner nur etwa drei Zentimeter entfernt, so dass ich riechen konnte, dass er vor kurzer Zeit ein Bananenkaugummi gegessen hatte. Hatte ich schon erwähnt, dass Banane mein Lieblingskaugummi …? Ehe ich diesen Gedanken weiter vertiefen konnte, räusperte ich mich, so gut es mir in meiner derzeitigen Situation möglich war und trat die Flucht nach vorne an. Und zwar richtig.

„Na, na, na, Einstein!“, tadelte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das Wort „Vorspiel“ ist dir also auch noch fremd wie es scheint, was?“ Cullen erstarrte in seiner eigenen Verblüffung. Gut so. Ich fuhr fort: „Ich wusste ja von Anfang an, dass du – wie jeder andere Mensch oder Cockerspaniel-Rüde – scharf auf mich bist – aber so eilig? Also nein, mein Süßer, so leicht bin ich nun auch nicht zu haben.“ Ungebetener Weise suchte sich mein Hirn ausgerechnet diesen Augenblick aus, um mich daran zu erinnern, wie gut sich Jacob angefühlt hatte. Damals.

Ein unerwartetes Kribbeln begann in meinen Fingerspitzen und breitete sich innerhalb von Wimpernschlägen über meinen ganzen Körper aus. Ein Wunder, dass ich nicht lauthals summte! Ich schluckte unsicher und wurde mir plötzlich dessen bewusst, dass Edward zwar noch immer sein Bestes gab, um einer Salzsäule ihren Job streitig zu machen, seine Augen jedoch direkt in meine blickten. Flucht nach vorne!, mahnte ich mich eindringlich.

„Aber wenn ich mal darüber nachdenke …“ Ich grinste anzüglich, fuhr mir mit der Zungenspitze über die Unterlippe und überkreuzte meine Knöchel in Edwards Rücken, wobei ich es mir jedoch auch nicht verkneifen konnte, ihm meine Oberschenkel fest in die Seiten zu drücken. „Eigentlich mag ich Spontanität ja“, hörte ich mich wie durch einen dichten Nebel selbst sagen. „Und Experimentierfreudigkeit.“ Was zum Geier redete ich da?

Cullen murmelte etwas Unverständliches, während er die Hände zu beiden Seiten meines Kopfes abstützte und mir so wieder ein wenig Freiraum gewährte. Ungewollt hob ich die rechte Hand und fuhr mit der Spitze meines Zeigefingers die Konturen seiner Lippen nach. Was zum …?! Cullen lächelte erwartungsvoll und ich musste grinsen. Grinsen?! What the f- Cullen beugte sich zu mir hinab, nahm mir den Freiraum, den er mir gerade erst gewährt hatte, gleich wieder weg.

Kaum merklich wanderten seine Lippen über meine linke Wange und hinterließen ein ungemein durchdringend anregendes Brennen. Dann hatte er mein Ohr erreicht. „Weißt du eigentlich, dass du schon irgendwie aussiehst wie Brad Pitt?“, raunte er mir spielerisch zu. Ich gluckste und konnte außer meinem donnernden Herzschlag gar nichts hören. Nur fühlen. Edwards Atem an meinem Ohr. „Zumindest wenn Brad Pitt gestorben wäre – vor 5 Jahren oder so. Ja, dann sähest du ihm jetzt ganz bestimmt ähnlich.“ Und mit diesen Worten stand der Mistkerl einfach auf, kichernd wie ein Irrer, warf mir einen Handkuss zu und stiefelte zur Tür hinaus.

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