~ Händchenhalten für Pseudo-Verliebte und ein Kaffeekränzchen der
besonderen Art. ~
Jaspers POV
„Oh mein
Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott …!“ In einer ziemlich
amüsanten Endlosschleife formte Cullen diese Worte lautlos mit den Lippen, während ich Annabelle in
ihren Buggy verfrachtete. „So“, sagte ich schließlich, strich mir das
Haar hinters Ohr und grinste Edward unverhohlen an, der jetzt reichlich weiß im
Gesicht war. „Trägst du die Tasche oder willst du Annabelle herumkutschieren?“,
fragte ich betont arglos und hatte meine Mühe damit, nicht lauthals in
Gelächter auszubrechen, als Edward drein sah, als hätte er gerade in eine
Zitrone gebissen. „Was denn bitte für eine Tasche?“, stammelte er um seinen
üblichen, verächtlichen Tonfall bemüht.
Ich zerrte das Monstrum aus pinkfarbenem Stoff mit weißem Sternchendruck aus dem Kofferraum und hielt es ihm hin. „Die hier“, meinte ich, stellte sie einfach vor Edwards Füßen ab und schnappte mir den Buggy, in dem ich Annabelle so untergebracht hatte, dass ausnahmslos jeder, der sich nicht auf sie stürzte und ihre das Sonnenhütchen und den Schal, die Decke und den Kuschelbären weg zerrte, sie für ein echtes Baby halten musste. Edward stieß einen undefinierbaren Laut aus, blickte gehetzt zwischen der knalligen Tasche und dem Buggy hin und her, bevor er mich anrempelte und nach den Buggy griff.
„Ich nehme Annabelle“, entschied er fast schon panisch. Ich nickte nur, wusste ich doch, dass dieser Tag auch so schon der absolute Supergau für Edward Cullen werden würde, und begnügte mich mit dem Wissen, dass er ganz sicher ohnehin allzu bald durchdrehen würde – was, wie ich seit gestern ja wusste, höchst unterhaltsam war. Also hängte ich mir die Tasche über die Schulter und sah erwartungsvoll zu Edward, der, statt sich endlich mal in Bewegung zu setzen, auf der Fahrerseite des Volvo herumzukramen begonnen hatte. „Was um alles in der Welt …?“, setzte ich gerade an, als er mit Sonnenbrille und einem ziemlich staubigen Baseballcap wieder auftauchte
Ich schnaubte
und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll das denn?“ Edward
verzog nur den Mund, reckte das Kinn und schloss das Auto ab. Als er sich dann
wieder mir zuwandte, sah ich von seinem Gesicht nur noch Nase, Wangen und Mund,
so monströs war die Sonnenbrille. „Bist du jetzt fertig, du Sadist?“, zischte
er ungehalten und machte sich schon auf, bevor ich etwas erwidern konnte.
Seufzend eilte ich ihm hinterher, wobei ich tatsächlich rennen musste.
„Annabelle wird noch seekrank, wenn du so weiter machst!“, bemerkte ich mit
gerunzelter Stirn ob der gigantischen Schritte, die Edward da machte.
Mit verkniffenem Ausdruck um den Mund sah er mich von der Seite an. Kurz entschlossen ergriff ich seinen Arm. Wenn ihn Worte nicht davon abhielten, wie ein völlig Wahnsinniger mit einem Kinderwagen durch die Gegend zu rennen, dann wohl ja Taten. Und tatsächlich blieb er stehen. Meine Hand anstarrend, hielt er einfach mitten auf dem recht belebten Bürgersteig inne. „Wir sind hier, um zu beobachten, was die Leute von uns halten, Einstein. Und wir wollen nicht, dass sie wegen dir die Polizei anrufen und denen erzählen, dass sie gerade einen Verrückten gesehen haben, der in der Mittagshitze mit seinem Buggy in der Gegend herumrennt, als hätte er Gott weiß was angestellt“, murmelte ich so laut, dass nur Edward es hören konnte.
Seine Nasenlöcher blähten sich vor Wut, dann packte er mich am Handgelenk und drückte mir die Griffe des Buggys in die Hand. „Na, dann mal los, Superdaddy“, fauchte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich sah ihn noch einmal ungehalten an, dann nahm ich mich des Kinderwagens an und begann, gemäßigten Schrittes weiter zu laufen. Edward kam hinter mir her, höchstwahrscheinlich noch immer wütend. Trotz der schweren Tasche schaffte ich es, tatsächlich irgendwie vertrauensselig auszusehen – und höchstwahrscheinlich auch ziemlich alleinerziehend, dank Edwards Sicherheitsabstand zu mir und Annabelle. Denn andauernd lächelten mich Frauen allen möglichen Alters an und warfen ‚Oh, wie süß!’-Blicke in den Kinderwagen.
Als wir dann
endlich die Straßenecke erreicht hatten, von wo der wohl bekannteste
Bürgersteig der Welt abzweigte, hatten mich nicht weniger als fünf Frauen
gefragt, ob ich nun Vater einer Tochter oder eines Sohnes war. Und
Herrgott noch eins – ich hatte nicht weniger als ebensolche fünf Handynummern
zugesteckt bekommen! Entsprechend gut gelaunt blieb ich stehen und sah Edward
sofort an, dass sich seine Miene noch weiter verfinstert hatte. „Jetzt werd
bloß nicht eifersüchtig!“, ärgerte ich ihn schmunzelnd. Er schnaubte nur, hielt
die Arme noch immer trotzig vor sich verschränkt.
Eine ganze Weile musterte er mich ungehalten, dann war ich es, der die Augen aufriss. „Scheiße!“, fluchte ich erschrocken und nickte ungeduldig in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren. Edward ließ sich betont viel Zeit, sich umzudrehen und meinem Blick zu folgen. „Ist das jetzt einer deiner armseligen Versuche, einen Witz zu reißen?“, unterstellte er mir und musterte mich verächtlich. Stöhnend schüttelte ich den Kopf. „Nein, Muttersöhnchen!“, schnauzte ich und winkte dann so begeistert ich eben konnte, die Straße hinunter, von wo mein Winken gleich zweifach erwidert wurde. „Nimm meine Hand!“, knurrte ich, ohne das Grinsen sein zu lassen. Edward starrte mich entgeistert an.
„Wie bitte?“, polterte er entrüstet. Ich schnaubte, während unser Verhängnis immer näher kam. „Nimm meine verdammte Hand und tu gefälligst so, als wären wir genau … das Gegenteil von dem, was wir sind.“ „Das Gegenteil von-“ „Nimm jetzt meine gottverdammte Hand und tu so, als wäre ich deine Freundin!“ „Meine Freu-“ „Jahaaa!“, kreischte ich fast, so sehr ging mir Edwards ewige Fragerei gerade auf den Keks. Und zu allem Überfluss war da wieder dieses widerwärtig herablassende Lächeln in seinem Gesicht. „War ja klar, oder? Dass du dich an mich heranmachst, sobald …“ So unauffällig wie möglich, rammte ich Edward die Tasche in den Magen und tänzelte ein paar Schritte von ihm weg.
„Tray!“, rief
ich lächelnd aus und umarmte den großen rothaarigen Mann mit den auffällig
hellblauen Augen, der uns gerade erst erreicht hatte. Er lachte. „Hey,
Jazz. Was für ein Zufall, dich hier zu treffen.“ Er nickte zu Lucas hin, einem
Mann um die dreißig mit dichtem schwarzen Haar und Bart, der gerade samt Maxi-Cosi in der Armbeuge zu
uns trat. „Oh, hallo, Jasper“, begrüßte er mich lächelnd. „Hey“,
erwiderte ich und wurde unruhig, als Tray mit gerunzelter Stirn an mir vorbei
blickte. Dann beugte er sich leicht zu mir vor, ein schelmisches Grinsen im
Gesicht: „Also du hattest ja gesagt, dass …“ „Ach, was hast du denn über mich gesagt, Hasilein?“, unterbrach ihn Edwards
Stimme. Nun war ich es, der die Stirn runzelte.
Tray stand jetzt wieder aufrecht und streckte Edward mit entspanntem Lächeln die Hand hin. „Hi. Ich bin Tray. Tray Simpson.“ „Edward Cullen. Freut mich, dich kennen zu lernen“, erwiderte Edward und schüttelte Trays Hand. „Tray ist …“, setzte ich an, aber Tray kam mir zuvor. „Ich war mit Jasper in der Grundschule.“ Mir entging das Zucken um Edwards Mundwinkel nicht, als er mich ansah. „Schon ein ganz schöner Zufall, dass du Jasper gestern ausgerechnet bei dieser Studie wiedergetroffen hast, was?“ Edward Cullen, ich bringe dich um!, dachte ich ohnmächtig vor lauter Mordlust und Wut auf Edwards rasche Kombinationsgabe. Aber Tray lachte nur.
Tray stand jetzt wieder aufrecht und streckte Edward mit entspanntem Lächeln die Hand hin. „Hi. Ich bin Tray. Tray Simpson.“ „Edward Cullen. Freut mich, dich kennen zu lernen“, erwiderte Edward und schüttelte Trays Hand. „Tray ist …“, setzte ich an, aber Tray kam mir zuvor. „Ich war mit Jasper in der Grundschule.“ Mir entging das Zucken um Edwards Mundwinkel nicht, als er mich ansah. „Schon ein ganz schöner Zufall, dass du Jasper gestern ausgerechnet bei dieser Studie wiedergetroffen hast, was?“ Edward Cullen, ich bringe dich um!, dachte ich ohnmächtig vor lauter Mordlust und Wut auf Edwards rasche Kombinationsgabe. Aber Tray lachte nur.
Er nahm Lucas’ Hand und sagte dann an Edward gewandt: „Du hast ja keine Ahnung, wie verblüfft ich war, Edward.“ Dann grinste er wieder schelmisch und flüsterte überlaut: „Du musst wissen, dass Jasper so ziemlich der Letzte gewesen wäre, den ich bei einer Studie über Homosexuelle zu treffen erwartete.“ Edward lachte hämisch: „Tja, ohne mich wärst du da auch gar nicht erst hingegangen, stimmt’s?“ Ein Ruck und schon hatte Edward mir den Arm um die Schulter gelegt und mich schmerzhaft an sich gezogen. Gerade wollte ich ihm einen ‚Mach nur so weiter und dein letztes Stündlein hat geschlagen, sobald es weniger Zeugen für deinen Tod gibt!’-Blick zu werfen, da spürte ich seinen Atem ganz nahe an meinem Ohr.
„Jasper hasst
Kinder“, schnurrte er fast. Die Wut stieg in mir auf wie Wasser in einem
überkochenden Nudeltopf. „Ja, genau“, quetschte ich zwischen den Zähnen
hindurch. „Ich mag eigentlich keine Kinder“, korrigierte ich leichthin. „Aber
mein Eddilein hat mich eben auf den Geschmack gebracht, wisst ihr?“ Ich
klimperte mit den Wimpern und lehnte mich mit meinem ganzen Gewicht an Edward,
der jedoch wundersamer Weise das Gleichgewicht halten konnte. „Er meint, dass
wir so vielleicht mal einfacher welche adoptieren können. Und er will immerhin
eine ganze Fußballmannschaft Kinder!“ Ich lachte amüsiert und Tray und Lucas
grinsten.
„Habt ihr Lust, erst mal alle zusammen mit den Untersuchungen anzufangen?“, erkundigte sich Tray schließlich mit fragendem Blick. „Aber sicher“, antwortete Edward schnell, bevor ich auch nur Luftholen konnte. „Na, dann mal los“, meinte Lucas lächelnd. Edward und ich folgten den beiden die Straße hinunter in ein kleines Straßenkaffee, von wo aus man gut gesehen werden, aber auch selbst gut beobachten konnte. Auf dem Weg dorthin bot ich all meine Kenntnisse der Zeichensprache auf, um Edward zu übermitteln, dass ich ihn kaltblütig zu ermorden gedachte. Und was tat er? Er grinste nur spöttisch.
Während ich innerlich noch immer vor Zorn rauchte, setzten wir uns zu viert an einen Tisch, wobei Lucas sich einen Stuhl heranzog, um die Babytrage darauf abzustellen, und ich den Kinderwagen genau zwischen Edward und mir parkte – man konnte ja nie wissen, wie viel Sicherheitsabstand ich brauchte, wenn er mal wieder das Bedürfnis verspüren sollte, mich zu begrapschen. „Also dann.“ Tray schloss einen Moment die Augen und genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht, dann setzte er sich aufrecht hin und sah mich neugierig an.
„Ihr habt ein
Mädchen, ja?“ Reflexartig glitt mein Blick zum Kinderwagen und begegnete
dort Edwards. Ich sah schnell wieder zu Tray. „Ja. Edward hat ihr den Namen
Annabelle gegeben.“ Tray nickte und sah zu Edward, der noch immer recht
merkwürdig wirkend mit Sonnenbrille und Baseballmütze da hockte. Er sagte –
leider – nichts zu Edwards Aufzug, sondern blickte zu der Babywiege, die neben
Lucas auf einem Stuhl stand. „Wir haben einen Jungen“, sagte er, als wenn man
das nicht aufgrund all des blauen Equipment gedacht hätte. „Und wir nennen ihn
Toni“, fügte Lucas hinzu und lächelte Tray an.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Edward demonstrativ in eine andere Richtung starrte, als die Situation am Tisch mehr und mehr darauf hinauszulaufen schien, dass Tray und Lucas sich jeden Moment küssten. „Schatzi, du bist einfach zu weit weg von mir!“, rief ich daher ungehalten aus, schob den Kinderwagen ein Stück zurück, rückte mit meinem Stuhl so nah es ging an Edward heran und schob den Wagen dann an Edwards andere Seite. „Und diese Brille verdeckt auch nur dein hübsches Gesicht!“, plapperte ich angeregt weiter und zog ihm auch gleich besagte Brille vom Gesicht. „Und diese Mütze, ts, ts, ts!“ Auch sie wurde von mir entfernt.
„Aber hallo!“ Lucas pfiff amüsiert durch die Zähne. „Ein Rotschopf!“ Edwards Blick verdüsterte sich unter dem in alle Richtungen abstehenden Haar. „Mein Haar ist rotbraun. Bronze“, widersprach er mit deutlicher Abneigung in der Stimme. Aber ehe Lucas etwas darauf entgegnen konnte, kam die Kellnerin und wir bestellten Getränke. Kaum dass sie wieder weg war, erblickte ich Trays und Lucas verschränkte Hände, die die beiden entspannt auf dem Tisch abgelegt hatten. Als sie begannen, sich leise zu unterhalten, nickte ich möglichst unauffällig zu den Händen der beiden hin und warf Edward einen drohenden Blick zu.
Er biss die Zähne zusammen und
starrte stur hinüber zu den Menschen, die nur wenige Meter von uns entfernt
dahin strömten. Gerade hatte ich mich gefragt, ob es wohl auffallen würde, wenn
ich jetzt sofort auf Edward losging und ihn windelweich prügelte, als die
Stimmen von Tray und Lucas verstummten. Die beiden sahen uns an und mir wurde
bewusst, dass es schon irgendwie merkwürdig aussehen musste, wie wir da jeweils
in die entgegengesetzte Richtung starrten. Schon ein bisschen panisch ergriff
ich meinerseits Edwards Hand. Er war zu verdattert, um sich zu wehren. So fest
ich konnte, drückte ich seine Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich
ernsthaft sauer war und sich das auch noch ausbauen würde, wenn er mir jetzt
dumm kam.
„Nun bin ich aber ehrlich neugierig“, sagte Edward scheinbar vergnügt und sah Tray an. „Wie war mein Hasibärchen denn so in der Grundschule?“ Sofort hellte sich Trays irritierte Miene auf. „Ach ja“, säuselte er in Gedanken versunken. „Jasper war schon … speziell.“ „Speziell?“ Ich drückte Edwards Hand fester, aber er zuckte nicht mit der Wimper. „Ja, speziell war er. Rebellisch, aufmüpfig und ein Punk, wie er war, hatte ich manchmal ja schon meine Zweifel, dass Jasper überhaupt mal nett zu jemandem sein könnte – mit Ausnahme natürlich zu den Mädchen!“ Tray lachte und ich hatte äußerste Mühe, mir ein Augenrollen zu verkneifen.
„Wie meinst du das?“, bohrte Edward unbarmherzig weiter. „Und was meintest du damit, er sei ein Punk gewesen?“ Edward kicherte jetzt sogar. Oh mein Gott!, dachte ich ungehalten und zugleich machtlos. Und selbstverständlich dachte Tray nicht daran, endlich den Mund zu halten. „Na, er war eben ein Punk“, sagte er und amüsierte sich offenkundig ganz prächtig. Edward gluckste und warf mir einen Blick der Sorte ‚Wenn du beim nächsten Mal anfängst, mir auf die Füße zu treten, knock ich dich mit dieser Geschichte aus!’ zu. „Irokesenschnitt – in Schwarz und Rot gestreift“, fuhr Tray breit grinsend fort und Edward prustete jetzt erst richtig los.
Die Getränke
wurden gebracht und das gab Edward die Zeit, sich ein wenig zu beruhigen. Jedoch
noch immer unangenehm amüsiert grinsend, lauschte er Trays weiteren
Ausführungen, die damit anfingen, dass er Edward daran erinnerte, dass er und
ich in Houston aufgewachsen und daher eine etwas andere Erziehung genossen
hatten, als er, und damit endete, dass er in allen Einzelheiten beschrieb, wie
merkwürdig er es fand, dass ich ein paar Jahre später, als ich zur Highschool
gegangen und er hierher nach Los Angeles gezogen war, laut ein paar seiner
Freunde, als zweiter Casanova durchgehen hatte können - wenn man mal bedachte,
dass ich jetzt mit Edward zusammen war.
Alles in allem, hätte man Cullen keinen besseren Abriss meines Lebenslaufes geben können und das wurmte mich ganz gewaltig. Immerhin war alles, was ich von ihm wusste, dass er Edward Cullen hieß. Oh ja, und natürlich kannte ich seine Telefonnummer. Immerhin hatte ich George heute Vormittag angerufen, ihm erzählt, dass ich mein Blackberry – Himmel Herrgott, was sollte ich denn damit? – verloren hatte und damit auch Edwards Nummer verlustig gegangen war. Vielleicht wusste Edward nicht, dass ich einen Faible für Vanilleeis hatte, aber doch, dass meine erste Freundin Maria Gomez geheißen hatte. Und nein, das passte mir gar nicht!
„Und wie habt ihr beiden euch kennen gelernt?“, schaltete sich nun auch Lucas interessiert ein. „Ich hab Jasper bei einem seiner Gigs gesehen und musste ihn einfach haben.“ Mir klappte die Kinnlade herunter und ich musste sie eigenhändig wieder schließen, bevor ich Edward ansehen konnte. Da saß er und erzählte Märchen wie eine Märchenoma. „Einfach so?“ Tray runzelte ungläubig die Stirn, aber natürlich hatte Edward auch dafür eine Antwort. „Es hat schon ein bisschen gedauert. Zuerst hab ich erst mal rumgefragt, wer dieser sexy Cowboy ist, der da jeden Mittwoch in diesem kleinen Club in der Kings Road auftritt.“ Oh … mein … Gott! Sexy Cowboy???
„Und als ich
ihn dann mal gefragt habe, ob er Lust hätte, mal mit mir um die Häuser zu
ziehen, da war er schon verdutzt – nicht wahr, Schnucki?“ Würg. Edward tätschelte die Hand, die
seine noch immer im Stahlgriff hatte, jetzt mit seiner freien. „Aber letzten
Endes ist er mitgekommen. Und ja, seitdem werde ich ihn nicht mehr los!“ Tray,
Edward und Lucas lachten. Einzig ich beschied mich mit einem ziemlich
verkrampften Lächeln. „Und wie lange ist das jetzt her?“, hakte Lucas
schließlich lächelnd nach. „Eineinhalb Jahre“, antwortete ich just, als Edward
„Ein halbes Jahr.“, antwortete.
Irritiert sahen Tray und Lucas sich an, bevor ersterer fragte: „Eineinhalb Jahre oder sechs Monate?“ Ich schluckte und zwickte Edward in den Handrücken, als Zeichen, er sollte jetzt bloß die Klappe halten. „Eineinhalb Jahre“, sagte ich um ein Grinsen bemüht. „Was Edward mit dem halben Jahr meint, ist, dass wir vor eben sechs Monaten zusammengezogen sind.“ Jetzt war es Edward, der mir die Hand zerquetschte. Aber jetzt, da ich derjenige mit Oberwasser war, ließ ich nicht locker. „Edward erzählt das ständig den Leuten – ob es sie nun interessiert, oder nicht.“ Ich tätschelte ihm die verspannte Wange, während er ruckartig nickte und sich an einem kläglichen, ironischen Lächeln probierte.
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht“, gestand Tray. „Wenn man euch zwei so sieht, könnte man fast meinen, ihr würdet nicht mal dieselbe Waschmaschine benutzen.“ Ich lachte schrill und Edward sagte: „Waschmaschine? Jasper weiß doch gar nicht, was das ist.“ Mein Lachen hörte auf und ich sah Edward zum ersten Mal offen ungehalten an. Das allerdings amüsierte Tray und Lucas – und Edward. „Ist ja gut, Hasi. Die zwei verraten es ganz bestimmt nicht weiter … oder?“ Lucas und Tray schüttelten die Köpfe, grinsten aber weiterhin. „Aber dennoch“, sagte Tray dann wieder ernst. „Ich kann mir dich, Edward, ehrlich gesagt, nicht in einem Haus vorstellen, das weniger Wert ist, als das, was Normalsterbliche in ihrem ganzen Leben an Geld verdienen.“
Jetzt war es
allerhöchste Zeit, die Notbremse zu ziehen. „Um genau zu sein, wohnen
Edward und ich in meinem Haus und bei
seinen Eltern – je nachdem, was gerade gelegener kommt.“ Lucas nickte, hatte
aber eine Frage: „Und deine Eltern kommen damit klar?“ Im Gegensatz zu Edward
verstand ich die indirekte Frage hinter seinen Worten. Denn Edward antwortete:
„Klar, doch. Das Haus ist ja groß und …“, er verstummte und sah Lucas’
weiterhin fragenden Blick. Dann wurde er rot und senkte den Blick auf sein Glas
Cola, die allmählich warm wurde. „Du meinst, ob sie ein Problem damit haben,
dass ich …“, er nahm, einen
großen Schluck Cola, offenbar in der Hoffnung, nicht weiter reden zu müssen.
Aber als er wieder aufschaute, waren Lucas braune Augen unverändert auf ihn gerichtet. „Ähm, nein“, stammelte Edward schließlich ziemlich unangenehm berührt. „Sie finden es toll … so einen Sohn zu haben.“ Fast hätte ich laut losgelacht – aber nur so lange, bis Edward weiter sprach. „Meine Mum liebt es, mit Jasper shoppen zu gehen. Sie sagt zwar, sie müsste ihn ständig daran erinnern, dass Pink einfach nicht ihre Farbe ist, aber sie glaubt, dass sie ihm das auch noch austreibt.“ Lucas lächelte und lehnte sich an Tray. „Das erinnert mich an unsere letzte Einkaufstour …“, begann er, aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Im Moment wollte ich nur mit Edward raus aus der Öffentlichkeit und ein paar handfeste Argumente darüber sprechen lassen, was ich davon hielt, mich als shoppingsüchtiges Individuum, das total auf die Farbe Pink abfuhr, darstellen zu lassen.
Nach einer Weile, während der Edward scheinbar munter mit Tray und Lucas gesprochen hatte, erhoben sich beide mit einem Mal. „Wollt ihr schon gehen?“, fragte ich verdutzt, obwohl ich es kaum erwarten konnte, dass Tray, dieser Verräter aus meinem Blickfeld verschwand. „Ja“, erwiderte Tray ein wenig zu verständnisvoll, als wenn er das nicht bereits ein paar Mal gesagt hatte. „Okay“, murmelte ich. „Man sieht sich, Mann.“ Ich umarmte Tray und dann auch Lucas, als die beiden zu Edward herantraten und ihm die Hand schüttelten. Bevor sie jedoch gänzlich verschwanden, flüsterte Tray Edward noch etwas ins Ohr. Er lachte und dann verschwanden die beiden anderen im Strom der Menschen vor dem Café.
„Was hat er
gesagt?“, knurrte ich missgelaunt. Edward grinste spöttisch. „Nur, dass
ich wohl besser zusehen soll, dass ich dich ein wenig gnädiger und lieblicher
stimme, wenn wir hier heute noch ein paar halbwegs interessante Reaktionen
beobachten wollen.“ Ich schnaubte. „Die Nummer mit dem Shoppen gehen war
unterste Schublade, Muttersöhnchen!“, fauchte ich, obwohl ich es ja gewesen
war, der eben das gestern noch George gegenüber gesagt hatte. „Glaub ja nicht,
dass ich das auf mit sitzen lasse!“ Edward verzog keine Miene und schob einfach
nur den Kinderwagen zu mir herüber. „Schau mal nach der Puppe, ich glaube, sie
ist tot“, forderte er. Ich
knurrte nur und nahm Annabelle aus dem Wagen. In der Tat war es schon
eigenartig, dass sie uns so lange in Ruhe gelassen hatte.
Wie allerdings gar nicht anders zu erwarten, ging das Geschrei just da los, als ich Annabelle gerade im Arm hielt. „Schnuller!“, kommandierte ich. Edward sah mich missmutig an, nahm dann aber den verlorenen Schnuller aus dem Wagen und reichte ihn mir. „Und wenn du noch ein einziges Mal behauptest, man würde jemanden wie dich in die Bars und Clubs lassen, in denen ich spiele, dann probieren wir das aus – und ich garantiere nicht dafür, dass du es in einem Stück überstehst“, zischte ich ihm zu. Er grinste nur schief und fragte in normaler Lautstärke: „Du belästigst die Welt also tatsächlich mit deiner Interpretation von Musik, ja? Ist ja herzallerliebst.“
Ich tat, als hätte ich ihn nicht gehört und ließ erstmals den Blick um uns her schweifen. Zwei Tische weiter beobachteten uns drei Frauen Mitte dreißig interessiert. Und auch an ein paar anderen Tischen weckten wir reges Interesse. „Nimm sie mal“, orderte ich und hielt Cullen Annabelle hin. Widerstrebend nahm er sie und drückte sie unbeholfen an sich. Ich kramte in der Tasche herum, die ich über die Lehne meines Stuhls gehängt hatte, und hatte bald gefunden, was ich suchte. „Oh nein!“, protestierte Edward sogleich und streckte mir Annabelle wieder entgegen. „Jetzt stell dich nicht so an, Einstein!“, murmelte ich drängend. „Es gibt genug Leute, die gerade zu uns hergucken. Also tu jetzt einfach so, als wärst du ganz entspannt.“
Ich legte Annabelle
höchstpersönlich in seine Arme und tat dann etwas, was Edward erneut erröten
ließ – ich zupfte seine Haare zu recht. Zufrieden, weil es ihm peinlich war,
dass ich ihn in aller Öffentlichkeit korrigierte, und ich verdammt noch mal
wollte, dass ihm etwas peinlich war, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und
zückte die Kamera. „Bitte lächeln, meine Süßen!“, forderte ich mit ziemlich
abartiger Singsangstimme, so laut ich es für angebracht hielt – und das war
laut – und fing an zu knipsen. Edward brachte tatsächlich eine Grimasse
zustande, die mit einer gehörigen Portion Fantasie und Hang zum Abstrakten, ein
kleines Lächeln sein könnte.
Und wie erwartet dauerte es nur etwa fünf Minuten, bevor sich zwei Tische weiter etwas tat. Gleich alle drei Frauen kamen mit freundlichem Lächeln zu uns herüber und erkundigten sich, ob sie uns alle drei zusammen fotografieren sollten – und natürlich nahm ich an. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde forderte mich Page, eine kleine Blondine mit Pferdeschwanz auf, mich näher zu Edward zu setzen und den Arm um ihn zu legen. Jetzt, da wir nicht länger mehr oder weniger alleine waren, spielte er wieder seine Rolle – allerdings dieses Mal um einiges glaubhafter und weniger unangenehm peinlich wie zuvor.
„Genau so, das ist süß!“, zwitscherte Page und ihre Freundinnen lächelten begeistert um die Wette. Als sie in etwa zwanzigtausend Fotos von Edward, Annabelle – die sie immer noch für ein echtes Baby hielten – und mir gemacht hatten, fingen die drei Frauen an, uns zu versichern, wie toll sie es fänden, wenn zwei Männer ein Kind adoptierten – oh ja, die gab es ja auch ganz bestimmt wie Sand am Meer! Es dauerte ewig, bis wir sie wieder los waren und dann, als wir sie dann doch verabschiedeten, schob mir Page ihre Visitenkarte in die hintere Hosentasche, wobei sie hinzufügte, dass die wirklich nur „für den Fall“ sei. Und Edwards verdutzter Miene nach zu urteilen, störte es die Drei auch bei ihm nicht, dass er allem Anschein nach schwul und noch dazu Vater war.
Wir blieben
in dem Kaffee, bis es später Nachmittag war. Dann erkundigte sich Edward
beiläufig, ob es in der Nähe meines Zuhauses vielleicht ein Hotel gab. „Was
willst du denn damit?“, konterte ich missbilligend. Allein der Gedanke, Cullen könnte sich absichtlich des
Nächtens in meiner Nähe aufhalten war … gruselig. „Na, was wohl?“,
fauchte er jedoch. „Hast du vorhin nicht zugehört?“ Ich biss die Zähne zusammen
und blitzte ihn wütend an. „Du hast nicht gehört, was dieser Tray gesagt hat,
hab ich recht?“, folgerte Cullen
mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Ich antwortete nicht, wartete nur.
„Eines der Mädels aus einem anderen Team hat ihr Handy in diesem Versammlungsraum vergessen. Als sie und ihre Freundin wiederkamen, haben sie George sagen gehört, dass wir ihm nicht so ganz geheuer sind.“ Ich schnaubte. „Weil du dich bei allem immer so anstellen musst!“ „George soll gesagt haben, dass er uns so bald wie möglich einen Überraschungsbesuch abstatten wird – noch vor allen anderen. Und dann will er uns auf den Zahn fühlen, weil er nicht vorhat, dass seine Studie wegen zwei daher gelaufener Betrügern den Bach runtergeht“, schloss Edward ungerührt. Ich musste schlucken. „Bist du sicher?“ „Ja.“ Edwards Augen waren dunkel vor lauter Missbilligung.
„Okay. Aber warum brauchst du dann ein Hotel?“ Edward schloss einen Moment die Augen, als müsste er sich erst beruhigen, bevor er mir antwortete. Dann sagte er: „Weil dieser Kerl jederzeit vor deiner Tür stehen kann. Wenn ich dann nicht dort bin und in deiner Hundehütte herummarschiere, als würde ich jeden ranzigen Winkel kennen, dann haben wir beide gewaltige Probleme.“ „Aber warum ausgerechnet bei mir?“, wollte ich ungehalten wissen – Hundehütte, pah! „Na, weil ich dich ganz gewiss nicht mit zu mir nachhause nehmen werde – und die Puppe sowieso nicht.“ Wir stritten eine ganze Weile, bis unsere Stimmen schließlich so ungehalten wurden, dass sie Annabelle aufschreckten.
Ich nahm sie wieder auf den Arm und stand auf. „Mir reicht es für heute“, murmelte ich. Edward nickte knapp und zog seinen Geldbeutel aus der Hosentasche. Die Bedienung kam und er gab ihr seine Kreditkarte, was ich irgendwie schon lächerlich fand, da wir nur ein paar Getränke gehabt hatten. Als er seine Karte wieder hatte, brachen wir auf, wobei wir auf dem Rückweg zum Auto aufmerksam die Gesichter und Reaktionen derer musterten, die unseren Weg kreuzten. Denn als eine Art denkwürdigen Kompromiss, schoben wir jetzt gemeinsam den Buggy und gingen bemüht nahe beieinander her.
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