~ Misstrauische Studienmenschen, hochintelligente kleine Schwestern und Bella – so beschränkt wie eh und je. ~
Edwards POV
Es war somit wohl amtlich. Ich war eindeutig verrückt. Mir war nicht mehr zu helfen. Hoffnungslos, ein unrettbarer Fall. Oder kurzum – ich war bekloppt. Was hatte mich bloß dazu angetrieben, meine Lippen wütend auf die von Whitlock zu pressen? Vielleicht war es Georges hinterhältiges und verschlagenes Grinsen, das ich aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, als ich auf Whitlock zuging. Oder aber auch die Tatsache, dass Whitlocks Gesichtsausdruck Bände sprach. Unerklärlicherweise konnte ich sehen, was in seinem Kopf vorging, als ich die Distanz zwischen uns verringerte und meine Hand in seinen Nacken legte. Und dieser entschlossene Gesichtsausdruck von Mr. Chaos war dann auch der Grund dafür, dass ich meinen Plan änderte.
Ursprünglich hatte ich nur vorgehabt, ihm zum Dank für seine unverschämten Schmierereien an meinem Wagen einen kleinen, flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben – natürlich nur, damit George bekam was er wollte. Und nun – nun stand ich hier, hatte Whitlock im Arm und meine Lippen auf seine gepresst.
Vorsichtig entfernte ich meine Lippen von Whitlocks, immer noch darauf gefasst, dass seine Finger gleich auf meinen Wangen brannten, mir mit kräftiger Unterstützung seiner zur Faust geballten Hand mitten ins Gesicht schlugen. Doch unser sonst so selbstbewusster Cowboy stand einfach nur da und sah mich perplex an. „Tu was. Irgendwas!“, zischte ich ihm zu. Gar nicht auszudenken, wie George jetzt reagieren würde, wenn Whitlock weiterhin wie zur Salzsäule erstarrt, dort stehen blieb – so, als wäre er gerade tatsächlich erstmals in den Genuss eines Kusses vom Meister höchstpersönlich gekommen.
„Es gefällt dir?“, räusperte er sich aber dann doch und sah mich mit handtellergroßen Augen an. Er erwartete doch jetzt nicht ernsthaft meine sofortige Rache für die kindlichen Schmierereien an meinem heißgeliebten Wagen – oder vielleicht doch? Ich musste mir da doch erst einmal einen Plan überlegen, sobald ich wusste, wo es ihm, abgesehen von Heather, am meisten schmerzte. Sollte er sich ruhig erst mal in Sicherheit wiegen.
„Natürlich. Wie jede Überraschung von dir“, säuselte ich übertrieben und legte meine Hand an seine Wange. Ich konnte einfach nicht anders und die Genugtuung bei seinem entsetzen Blick war einfach nur Gold wert.
Whitlock benötigte nur einen kurzen Augenblick, bis er sich wieder im Griff hatte. „Nimm deine Pfoten weg“, zischte er mich ungehalten, aber für George unhörbar an. Gerade als ich zu einer passenden Antwort, wie „Wer anderen eine Grübe gräbt, fällt selbst hinein“ ansetzen wollte, räusperte sich George, den ich schon längst ausgeblendet hatte.
„Nun, Jasper. Diese Überraschung ist dir wirklich vortrefflich gelungen.“ In Rekordgeschwindigkeit wirbelte ich herum. Ich war mir mehr als nur sicher, dass George ganz genau wusste, welches Schmierentheater wir hier vorführten. Der Wunsch, dass er uns endlich mit der Wahrheit konfrontierte, wuchs ins Unermessliche. Doch dies würde bedeuten, dass ich meinen Vater mal wieder enttäuschte. Und darauf konnte ich wahrlich verzichten, gerade jetzt, wo er so stolz auf mich – und natürlich sich selbst – war, da ich einmal das tat, was er mich zutun wünschte.
„Nicht wahr, George? Ich liebe seine Überraschungen“, zwitscherte ich und versuchte mich an einem Lächeln. Meine Mundwinkel schmerzten so langsam schon von diesem gekünstelten Lächeln. Doch wenn ich erreichen wollte, dass George so schnell wie möglich wieder verschwand und ich endlich nach Hause fahren, Whitlocks Klamotten loswerden und einfach nur meine Ruhe haben konnte, musste ich da wohl jetzt einfach durch.
George fixierte Whitlock, der schon wieder so steif wie ein Stock einen Schritt hinter mit stand und dessen Gesichtsfarbe sich erst langsam von knallrot zu einem leichten Rosa wandelte, mit seinem Blick. Wo er mit seinen Gedanken war, konnte und wollte ich noch nicht mal erahnen. Erst ein leises Wimmern aus der Babyschale riss ihn aus seinen Gedanken und er stürmte regelrecht an die Stelle, wo er Annabelle abgestellt hatte.
Whitlock riss die Babyschale hoch und rannte förmlich mit ihr ins Haus. George und ich sahen ihm nur verwundert hinterher. Was zur Hölle …?! George war von dieser Aktion offensichtlich ebenso durcheinander wie ich, so dass er nur ein: „Was ist denn in den gefahren?“ über seine Lippen kam. Eine Antwort darauf wusste ich beim besten Willen nicht, doch mir war klar, dass George eine erwartete.
„Jasper tut sich schwer damit, seine Gefühle offen zu zeigen.“ Dieser Satz hörte sich verdammt gut an. Und sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit war etwas, das ich nur zu gut beherrschte, das musste man mir schon lassen.
George schlenderte gemächlich zum Haus zurück. Immer doch darauf bedacht, uns, beziehungsweise mich, aus der Reserve zu locken, sah er mich mit diesem Gesichtsausdruck an. Dieser Gesichtsausdruck, der besagte, dass er ganz genau wusste, was wir hier taten.
„Wie ist das gemeint? Hat Jasper ein Problem mit seiner Sexualität?“ Verdammter Mist, jetzt hatte ich es geschafft mich mit diesem einen Satz in die Bredouille zu bringen – so viel also zum überzeugenden Auftreten bei gegenwärtiger Ahnungslosigkeit. Woher zum Teufel sollte ich denn bitte wissen, ob Whitlock ein Problem mit seiner Homosexualität hatte – die, wenn man mich fragte, so ziemlich das einzig real existierende an dieser ganzen Farce war? Und ehrlich gesagt wollte ich das auch so überhaupt nicht wissen. Nichtsdestotrotz war es jetzt anscheinend an mir verdattert und verständnislos drein zu gucken.
„Was ich wissen will, ist ob Jasper zu seiner Sexualität steht, Edward. Oder hat er Probleme damit, dass er homosexuell ist? Weiß sein Umfeld von eurer Beziehung?“ Mir war sofort klar, was George mit dieser Frage bezweckte. Er wollte dass einer von uns sich verstrickte und gerade jetzt war ich das perfekte Opfer. Doch nicht mit mir!
„George, wir haben doch vorhin über seine Familie gesprochen“, grinste ich zufrieden, da ich ihm nicht auf den Leim gegangen war. „Jasper hat keine Probleme mit seiner Sexualität. Wir lieben uns und jeder in unserem Umfeld kann das sehen. Was ich damit nur sagen wollte, ist, dass er seine Gefühle gerade Fremden gegenüber nicht sofort offen zeigen kann. Jasper braucht eine gewisse Zeit, bis er Fremden vertrauen kann.“ Von meinen Worten scheinbar völlig überzeugt, sah ich George ins Gesicht, der offenbar nicht mit einer derartigen Antwort gerechnet hatte.
Dennoch nickte George nur und wies mich an, dass wir in zwei Tagen im Institut erscheinen sollten. Er sprach von irgendwelchen Tests, die er mit den Teilnehmern machen wollte, doch ich hörte ihm schon nicht mehr zu. Vielmehr malte ich mir aus, was ich alles mit Whitlock anstellen würde, sobald George weit genug entfernt war. Diese Schmierereien an meinem Wagen würde er mir noch bezahlen. Auf irgendeine, wenn möglich sehr kreative, noch lange im Gedächtnis bleibende Art und Weise.
Ungeduldig beobachtete ich, wie George mehr als umständlich in seinen Wagen stieg und den Motor anließ. Viel zu langsam fuhr er rückwärts aus der kleinen Auffahrt heraus und tuckerte die Straße entlang. Erst als ich sicher sein konnte, dass er so schnell nicht zurückkam, drehte ich mich um. „Whitlock, du elender Bastard!“, brüllte ich und rannte zurück ins Haus.
Durch das ganze Haus musste ich diesen vermeidlichen Möchtegern-Künstler suchen. Das nervende Plastikbaby lag indes schlummernd in seinem Bettchen. Ich schlitterte halb durch das Wohnzimmer, so eilig hatte ich es und hechtete die Treppe hinauf, da Whitlock weder in der Küche noch im Wohnzimmer zu finden gewesen war. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand speerangelweit auf. Mein Handtuch, welches ich mit voller Absicht auf dem Flurfußboden hatte liegen lassen, war mittlerweile weggeräumt worden.
„Dieser elende, versnobte Fiesling!“, wütete eine Stimme im Badezimmer, was mich grinsen und in mir einen Plan reifen ließ, wie ich es ihm heimzahlen konnte. Gerade wollte ich mit Schwung die Badezimmertür öffnen, als Mr. Chaos heraus gestolpert kam und mich wie ein gehetztes Reh ansah, das ich gerade mit meinen Autoscheinwerfern geblendet hatte. Die Wäsche die er eben noch in den Händen gehalten hatte, lag augenblicklich zerstreut auf dem Fußboden.
„Ich wusste gar nicht, dass du auch ein Hausmütterchen bist, Cowboy.“ Mit verschränkten Armen sah ich auf ihn hinab, während Whitlock hastig die Wäsche aufklaubte. „Ich … was?! Ach, verschwinde einfach!“, stammelte er und versuchte, sich in dem engen Flur an mir vorbeizuschieben. Alles was ich tun musste, damit er innehielt, war meinen Arm auszustrecken. „Lass deine Pfoten bei dir, du … du …“
„Alles in Ordnung, Whitlock? Du scheinst ein bisschen neben dir zu stehen“, bemerkte ich in allerliebstem Tonfall. Whitlock war einfach zu durcheinander, als das ich diese Chance ungenutzt verstreichen hätte lassen können. „Sag bloß, unsere kleine Darbietung hat dir den Boden unter den Füßen weggerissen.“
Whitlock starrte mich auf eine Art an, die man nur als ertappt deuten konnte. „Lass mich durch“, war jedoch alles was er auf meine Worte zu entgegnen wusste. Und genau das würde ich nicht tun. Nicht auszudenken, was ich durch dieses Schauspiel für George angerichtet haben konnte. Vielleicht fühlte Whitlock sich ja doch, wie ich bereits stark vermutete, zum männlichen Geschlecht hingezogen und sah diese Studie wirklich als Datingbörse. Aber nicht mit mir! Dafür konnte er sich getrost jemand anderen suchen. Ich hatte schließlich meine kleine, völlig verpeilte Bella. Und das wusste er ganz genau. Niemals würde ich auf die völlig abstruse Idee kommen, mich zu ihm hingezogen zu fühlen.
Meine Hand schoss erneut nach oben, doch diesmal um ihn festzuhalten. Und ehe ich mich versah, wurde ich rücklings und mit voller Wucht gegen die Wand gedrückt. „W-Wag es ja nicht mir auch nur ansatzweise zu unterstellen, ich hätte Gefallen an deinem Breitmaulfroschkuss gefunden!“ Ohne dass ich es beeinflussen konnte, schoss meine linke Augenbraue in die Höhe, was Whitlock nur noch mehr aufbrachte. Der Griff, der mich an der Wand festhielt wurde immer fester. „Und was ist dann dein Problem, Kleiner?“
„Du willst wissen, was mein Problem ist, Einstein? Dein speicheltriefender, sabbernder Kuss vorhin ist es sicherlich nicht. Deine ganze versnobte Art geht mir schon seit Tagen gegen den Strich. Du armes, kleines, reiches Schoßhündchen. Vor nichts und niemanden hast du Respekt, der nicht mindestens genauso viel Geld von Daddy in den Hintern geblasen bekommt, wie du. Und was fällt dir eigentlich ein, in meinem Schlafzimmer herumzuschnüffeln? Das Wort Privatsphäre hast du wohl noch nie gehört, oder?“
Zugegeben, ich schnappte für einen kurzen Moment verblüfft nach Luft. Der Cowboy konnte ja richtig wütend werden! Nicht, dass er noch auf die Idee kam, mich zu einem Duell aufzufordern …
„Gerade du musst von fehlender Privatsphäre jammern. Du hast keinerlei Respekt vor fremdem Eigentum. Deine Schmierereien werden dich noch ein Vermögen kosten, Freundchen.“
Whitlock ließ mich unverzüglich los und starrte mich mit einem mörderischen Blick. „Ein Vermögen?“ „Was glaubst du denn, wer für den Lackschaden aufkommt? Ich sicherlich nicht! Ein paar Tausender wirst du schon locker machen müssen.“ Ich wusste, dass ich damit einen wunden Punkt getroffen hatte. Ich meine, man musste sich hier nur einmal umsehen, um zu erkennen, das Geld etwas war, dass dieser Pseudo-Cowboy sicherlich nicht besaß.
„Ein paar Tausender?“ Bei diesen Worten stolperte Whitlock zurück. Meine Faust in seiner Magengegend hätte nicht wirkungsvoller sein können, als meine Worte es waren. „Ganz genau. Ich werde auf dem Heimweg in einer Werkstatt vorbeifahren und mir einen Kostenvoranschlag einholen. Rechne mal mit fünftausend Dollar“, sagte ich mit voller Überzeugung.
„Verdammte Scheiße, Einstein! Das kann nicht dein Ernst sein. Ich … ich hab das Geld nicht.“ Whitlock schmiss die gerade zusammengeklaubte Wäsche wieder auf den Boden. „Nicht mein Problem. Das hättest du dir vorher überlegen sollen.“ Die Sache gewann immer mehr an Reiz für mich. Mit einem überheblichen Blick betrachtete ich meine Fingernägel. „Vielleicht werden es auch noch ein paar Hunderter mehr. Du weißt ja, Werkstätten sind immer so ungemein teuer.“
Ich genoss den Anblick von Whitlock, als er vor meinen Augen immer blasser wurde und undeutlich herum stammelte. „Komm schon, Kleiner. So teuer kann Heathers Unterhalt doch nicht sein, dass du nicht mal ein paar Dollar übrig hast, um diese Sauerei zu beseitigen. Oder planst du schon den Kauf einer Mary-Lou, damit Heather nicht so einsam auf dem Hof steht?“
Whitlock fuhr sich mit zittrigen Fingern durch seine angebliche Frisur. „Du glaubst allen Ernstes, dass ich mich die nächste Zeit mit dir abgebe, weil mir der Sinn nach einem neuen Motorrad steht? Da fallen mir nun wirklich bessere Möglichkeiten ein, die wesentlich angenehmer für mich wären. Ich brauche das Geld für meine Schwester.“ Jetzt kommt’s, dachte ich mir nur noch. Jetzt wird er mir erzählen, dass seine Schwester schwer krank ist und er das Geld für eine OP in einem Land am anderen Ende der Welt braucht. „Sicher doch“, entgegnete ich dementsprechend hämisch.
„Hör zu, Einstein. Rose, sie ist … sie ist etwas ganz Besonderes.“ Ich erinnerte mich an das blonde Mädchen, das ich auf einem Foto in Whitlocks Schlafzimmer gesehen und dem ich einfach einen Hang zur Schauspielerei angedichtet hatte. „Und? Ich kann mir denken, dass eine jüngere Schwester für jeden etwas Besonderes ist. Was hat das also mit mir zu tun?“
Er schnaubte und es schien, als würde er mit sich ringen. Aber warum? War seine Familie etwas, das er aus dieser Studie komplett heraushalten wollte? Nun, dann hätte er sich vielleicht ein anderes Projekt aussuchen sollen. Und er war immerhin, ganz im Gegensatz zu mir, freiwillig dort hingegangen.
„Ich habe George vorhin ja schon erzählt, dass Rose alles liebt, was alt ist. Himmel, du musst sie kennen lernen, um das wirklich zu verstehen. Sie ist gerade mal vierzehn und spricht altgriechisch. Und zwar fließend. Zur Zeit lernt sie gerade eine weitere alte Sprache. Rose ist so intelligent, dass es beinahe schon beängstigend ist.“
Whitlock war wirklich beeindruckt von den Fähigkeiten seiner Schwester, doch ich verstand nicht, was dies mit dem Geld für mein Auto zu tun hatte. Doch bevor ich ihn danach fragen konnte, fuhr er auch schon fort. „Rose hat einen unheimlich hohen IQ und braucht eine spezielle Förderung, da sie sich in einer normalen High School einfach nur langweilt. Aber solche Schulen sind nicht gerade günstig, sondern richtig teuer. Meine Eltern sind nicht arm, aber das können sie alleine nicht stemmen. Also hab ich ihnen meine Unterstützung zugesagt, damit Rose ...“
„Damit Rose was?“, rief ich ihm ungeduldig hinterher. Whitlock hatte seine Erläuterung einfach abgebrochen und war an mir vorbei die Treppe ins Erdgeschoss hinunter gerannt. Kurz darauf hörte ich die Haustür zuknallen. Eine Unverschämtheit, mich hier einfach so stehen zu lassen! Es dauerte dann natürlich – wie hätte es auch anders sein können? – auch nicht lange, bis das Ungetüm, das bis eben noch ruhig in seinem Bettchen geschlummert hatte, laut drauf los plärrte. Langsam ging ich nun ebenfalls die Stufen hinunter.
Auf leisen Sohlen schritt ich durch den Flur auf die Haustür zu. Meine Schicht mit dem Plastikungetüm hatte schon vor einigen Stunden geendet, also konnte Whitlock sich darum kümmern, dass diese verdammten Kontrollsensoren nicht am Ende noch dafür sorgten, dass George schon wieder vor der Tür stand. Mein Bedarf, was Plastikbabys und misstrauische Forschungsmenschen anging, war für den Tag mehr als nur gestillt. Und genau dies würde ich Whitlock jetzt auch mitteilen.
Ich fand ihn letzten Endes bei meinem Wagen. „Egal was du gerade vorhast, lass alles sofort fallen, was du da in der Hand hältst!“, schrie ich beim Anblick des Kanisters und der Drahtbürste, die Whitlock fest umklammerte und mit unheimlichem Blick meinen Wagen ansah. „Whitlock, ich warne dich!“ Er hörte mich nicht. Es war als schrie ich gegen einen tosenden Sturm an. Whitlock stellte den Kanister in aller Seelenruhe auf den Boden und öffnete den Deckel. Was auch immer es für ein Zeug war, das sich darin befand. Es stank bestialisch. Und damit wollte er an den Lack – an den Lack meines geliebten Volvos? Nicht mit mir! Lieber fuhr ich mit den bescheuerten Motiven in die nächste Werkstatt, als dass er mir den Wagen jetzt völlig ruinierte.
Er hob den Kanister wieder an und wollte gerade etwas von dem Zeug über den Wagen schütten, als ich ihn endlich erreichte. Hastig schlug ich ihm die Drahtbürste und den Kanister aus der Hand, wobei letzterer glücklicherweise mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden landete, ohne umzufallen und die Luft noch mehr mit seinem stinkenden Inhalt zu verpesten. „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?“, fauchte ich ihn an.
„Ich … Ich wasch es wieder ab“, stotterte Whitlock, der mir jetzt mit seiner Hilflosigkeit erst recht Angst einjagte. Sein Blick war vollkommen wirr und sein Körper stand unter einer unerklärlichen Anspannung. „Aber ganz sicher nicht mit diesem Teufelszeug und auch ohne eine Drahtbürste.“ Ich hatte keine Ahnung, wie ich Whitlock aus seiner Welt, in der er sich gerade befand, wieder herausholen konnte, ohne dass am Ende doch noch einer Schaden nahm – mein geliebtes Auto, ich oder Whitlock, was allerdings von allen dreien das bei weitem geringste Opfer war.
Das Einzige was mir einfiel, war, ihm zu sagen, dass ich die Schmierereien auf sich beruhen lassen würde, doch dazu war ich nicht bereit. Also versuchte ich es auf eine andere Weise. „Annabelle schreit. Du musst dich um sie kümmern, bevor George noch mal auf der Matte steht. Heute ist deine Schicht, schon vergessen?“ Zu meinem großen Glück schrie Annabelle mittlerweile so laut, dass man sie bis zu uns nach draußen hören konnte.
„Meine Schicht?“, noch immer etwas verstört, lauschte Whitlock dem Schreien und schüttelte dann seinen Kopf. „Genau, deine Schicht. Ich werde jetzt nach Hause fahren und endlich etwas schlafen.“ Ich ging um den Wagen und öffnete die Fahrertür. „In zwei Tagen komme ich wieder her.“
„Zwei Tage? Einstein, du stehst gefälligst morgenfrüh hier wieder auf der Matte! Und wage es ja nicht, für mich nicht erreichbar zu sein. Da du ja aus dem Motel rausgeflogen bist, solltest du dir eine neue Möglichkeit überlegen, wie du schnell hierher kommen kannst, sollte George wieder auftauchen.“ Whitlock hatte sich anscheinend schneller wieder im Griff, als ich gehofft hatte. Mein Plan, zwei freie Tage rauszuschlagen, war schneller gescheitert, als ich ihn mir hatte überlegen können.
„Sollte George hier noch mal auftauchen, dann sicherlich nicht in den nächsten Stunden. Der hat erst mal genug gesehen und erwartet uns erst in zwei Tagen im Institut. Wir sehen uns dann also morgen“, schnaubte ich, zog die Fahrertür zu und beeilte mich, schnellstens von hier fort zukommen. Weg von einem Chaostypen, der völlig neben sich stand.
*****
Mein Heimweg führte mich nicht direkt in die nächste Werkstatt, so wie ich es Whitlock angedroht hatte, sondern direkt nach Hause. Ich fühlte mich einfach nur noch ausgelaugt und alles, was ich jetzt noch wollte, war ein Bett, in dem ich die nächsten Stunden in Ruhe liegen und schlafen konnte. Ohne das ein schreiendes Plastikbaby mir meinen wohlverdienten Schlaf raubte, oder ich einen Kerl küssen musste, damit eine wildfremde Person dachte, dass wir eine Beziehung führten. Wie war ich nur in einen solchen Schlamassel hineingeraten?
Das war wieder einer der Momente, in denen ich meine Eltern verfluchte. „Tu etwas für das Allgemeinwohl“, hatte mein Vater mir gesagt, als er mich zu dieser Studie geschickt hatte. Nur, was tat ich mit meiner Teilnahme eigentlich für das Allgemeinwohl? So weit ich beurteilen konnte, rein gar nichts. Mich interessierte das Ergebnis dieser Pseudostudie nicht und ich war mir sicher, dass ich mit dieser Meinung weiß Gott nicht alleine dastand. Außerdem stellte sich mir die Frage, was mein Vater damit eigentlich beabsichtigte, dass ich an einer Studie teilnahm. War ich zu ichbezogen? Nein, das ganz sicherlich, immerhin hielt ich es schon seit ein paar Tagen mit diesem verrückten Cowboy aus. Was also bezweckte mein Vater?
Meine Finger, die zu Beginn der Fahrt das Lenkrad noch völlig verkrampft festgehalten hatten, entspannten sich, je näher ich meinem zu Hause kam. Ich beschloss bei nächster Gelegenheit mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Vater zu reden. Vielleicht bekam ich ja endlich eine zufriedenstellende Antwort von ihm, wenn er denn mal ein Zeitfenster für mich einräumen konnte. Als ich das Tor zu unserer Auffahrt passierte und den Kiesweg entlang wurde, war meine Laune nicht mehr ganz auf dem Tiefpunkt. Mein Bett und somit der erlösende Schlaf, kamen schließlich immer näher.
Entgegen meiner sonstigen Fahrweise fuhr ich dieses Mal ruhig und bedächtig die Auffahrt hinauf, in der Hoffnung, dass mich niemand hörte. Ich parkte den Wagen in der letzten Ecke des Parkplatzes und warf einen sehnsüchtigen Blick auf meinen Aston Martin. Gott, war ich froh, dass Whitlock sich nicht an dem Aston versucht hatte. Der Vorstadtcowboys wäre seines Lebens nichts mehr froh geworden und ich würde in einer Gefängniszelle bis an mein Lebensende verrotten uns mich von steinalten Kerlen begaffen lassen müssen, die bedeutungsvoll mit den Augenbrauen wackelten und zahnlos grinsten. Zugegeben, vielleicht war ich doch etwas oberflächlich, aber ich sprach hier immerhin von einem Aston Martin.
Ich stieg aus dem Volvo aus, vergewisserte mich, dass man die Schmierereien erst bei genauerem Hinsehen erkennen konnte und ging beschwingten Schrittes auf die Haustür zu. Zwar musste ich mir noch überlegen, wie ich dem Gärtner erklären sollte, warum ich beinahe seine heißgeliebten und verhätschelten Pflanzen plattgewalzt hatte, im Versuch den Volco quasi mitten in der Holunderhecke zu parken, aber das alles konnte, wenn es nach mir ging, bis morgen warten. Jetzt wollte ich nur noch eins, nämlich schlafen, schlafen und nochmals schlafen.
„Eddy“, quietsche es plötzlich hinter mir und irgendetwas traf mich mit voller Wucht in den Rücken. Irgendwann war Bella dazu übergangen, sich ständig von hinten an mich heranzuschleichen und mir auf den Rücken zu springen. Eigentlich fehlte dabei nur noch, dass sie mich mit „Hüa Pferdchen!“ antrieb, wenn sie mich dazu zwang, sie durch die Gegend zu tragen. Bisher hatte sie sich Gott sei Dank darauf beschränkt, dieses Spielchen nur dann zu spielen, wenn niemand sonst uns sehen konnte. Meine Versuch Bella von meinem Rücken zu befördern scheiterte wie immer kläglich. Sie klammerte sich so fest, dass jeglicher Versuch darin endete, dass ich mich beinahe selbst strangulierte.
„Bella, würdest du bitte von meinem Rücken runter gehen?“, befahl ich ihr in einem schroffen Ton. Und Bella reagierte schneller, als es sonst bei ihr der Fall war. Hatte sie etwa endlich einmal bemerkt, dass sie mich damit nervte, wenn sie mir immer wieder ins Kreuz sprang?
„Warum hast du denn den Volvo in der letzten Ecke versteckt?“, erkundigte sie sich. „Hast du ihn zu Schrott gefahren?“ Mein mehr schlecht als recht in der Holunderhecke versenktes Auto hatte also ihre Aufmerksamkeit erregt. „Natürlich nicht!“, schnaubte ich, schon ein wenig erbost darüber, dass sie mir so etwas zutraute. „Davon will ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen“, lachte sie und machte auf dem Absatz kehrt. Ich versuchte sie aufzuhalten, aber das Mädchen konnte flink sein wie ein Wiesel, wenn sie sich etwas in ihren ansonsten leeren Kopf gesetzt hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihr hinterher zu gehen und mir ihr „Oh Gott ist das süß“-Gekicher anzuhören.
„Bella, da ist doch gar nichts“, stöhnte ich, als ich sah, wie sich ihre Wangen vor Freude röteten – wahrscheinlich sah sie sich gerade selbst als Frosch über die nächste Wiese hüpfen. Vielleicht nahm sie ja auch einen Umweg über eine stark befahrene Straße?
„Nichts? Dieses Bild ist so fröhlich. Jetzt macht mir das Auto keine Angst mehr. Aber warum steht da „Daddy’s little Princess“?“ Mir wurde klar, dass sie von dem Telefonat am Vorabend wirklich nichts verstanden hatte. Warum hatte ich überhaupt versucht, es ihr zur erklären? Ein Gespräch mit einem Fisch war wahrscheinlich effektiver gewesen. Dennoch erklärte ich ihr nochmals mit aller Geduld, die ich noch aufbringen konnte, von der Studie, an der ich teilnehmen musste. Während ich also nochmals alles runterratterte, spielte ich mit dem Gedanken, einfach ein Tonband aufzunehmen, damit ich es Bella einfach vorspielen konnte, statt mir immer wieder den Mund fusselig zu reden, wenn sie mal wieder danach fragte.
Anders als am Vorabend reagierte Bella nun jedoch mit Unverständnis, als sie erfuhr, dass ich mich nicht nur um ein Plastikbaby kümmern sollte, sondern auch noch ein Mann plötzlich Teil meines Lebens war.
„Du lässt mich nachts alleine, damit du deine Zeit mit einem Kerl verbringen kannst? Liebst du ihn?“, fauchte sie mich an und versuchte tatsächlich, sich vor mich aufzubauen. Was allerdings nicht angsteinflössend wirkte, sondern mehr als nur lächerlich. Und ich konnte mir nicht anders helfen, als in schallendes Gelächter auszubrechen. „Bella“, lachte ich und musste mich am Wagen festhalten, denn ich drohte schon vor lachen umzufallen. „Ich kenne diesen Typen überhaupt nicht. Und bevor du auch nur auf die Idee kommst zu fragen – ich habe die letzte Nacht in meinem Auto verbracht. Alleine.“ Mich schüttelte es ja beinahe bei dem Gedanken, eine Nacht mit Whitlock in seinem Bett zu verbringen.
„Du bist also nicht schwul?“ Auf eine gewisse Art und Weise war es schon niedlich, wie sie an mir zweifelte. Aber nicht wenn sie dachte, dass mein Interesse plötzlich Whitlock galt. Ich verneinte kopfschüttelnd und zog sie mit mir ins Haus.
„Liebst du mich?“ flüsterte sie, während wir uns gemeinsam auf den Weg zu meinem Schlafzimmer machten. Statt ihr eine Antwort zu geben, blieb ich stehen und wartete, bis sie neben mir stehen blieb.
„Edward, liebst du mich?“, hauchte sie und lehnte ihre Stirn an meine. Erneut gab ich ihr keine Antwort, sondern küsste sie stattdessen, mit der Gewissheit, dass ich noch etwas Zerstreuung finden würde, bevor ich mich endlich schlafen legen konnte.
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