~ Geschmacksfragen, nervtötende Muttersöhnchen und ein Bild für die
Götter. ~
Jaspers POV
Zugegeben, es
hätte durchaus besser kommen können, was die Auswahl meines Studienpartners
anging – sehr viel besser, um genau zu sein. Aber irgendwie hatte ich doch
meinen Spaß damit, diesen Edward Cullen zu ärgern, wo ich eben nur konnte. Er war so ziemlich genau das,
was ich noch nie hatte leiden können – offenkundig der Sohn reicher Eltern,
teurer gekleidet, als ich monatlich an Miete aufbringen musste und noch dazu –
natürlich – eingebildet bis in die sorgfältig gegelten Haarspitzen. „Jetzt tu
bloß nicht so überrascht!“, lachte ich, als ich den fassungslosen
Gesichtsausdruck auf Cullens Gesicht bemerkte, das sonst doch viel lieber herablassend oder
überlegen dreinblickte.
Er rührte sich nicht, starrte nur auf den Inhalt des Ziehkoffers, den er gerade erst aus unserem Fach geholt hatte, und erweckte den Anschein, als hätte er gerade den Schock seines Lebens erlitten. Da er vorhin so amüsant rot geworden war, als ich einfach mal gemutmaßt hatte, dass er statt aus freien Stücken, nur aufgrund seiner Eltern hier im Studienzentrum war, wurde mir allmählich klar, dass der Kerl tatsächlich keine Ahnung gehabt hatte, an welcher Studie er da eigentlich gerade gut dabei war, teilzunehmen. Und ja, das tat mir irgendwie schon leid. „Du wusstest es echt nicht, hm?“, fragte ich ihn und verkniff mir das schadenfrohe Grinsen, das sich auf meinem Gesicht breit zu machen drohte.
Er schüttelte
nur mit noch immer weit aufgerissenen Augen den Kopf. Ich seufzte und drückte Cullen den Brief in die Hand, der ganz
oben auf den Unterlagen gelegen hatte, die ich gerade eben erst aus dem
Briefumschlag genommen hatte, der wiederum auf all den Kindersachen gethront
hatte. „Hier, lies mal vor. Das lenkt dich vielleicht ab“, schlug ich vor. Ganz
langsam nahm Edward das Blatt Papier entgegen und grinste dann wieder so
herablassend wie eh und je. „Analphabet, was?“, vermutete er mit ätzendem
Unterton in der Stimme. Innerlich stöhnend, schnaubte ich und hockte mich vor
die Schließfächer, ohne mich dazu hinreißen zu lassen, etwas zu erwidern. War
doch wirklich fantastisch, da war ich einmal nett zu ihm, weil es ihn wirklich
getroffen hatte, Hals über Kopf an einer Studie dieser Art teilnehmen zu müssen
und das war dann also der Dank.
„Lies, oder ich beweis dir, wie gut ich lesen kann, du Muttersöhnchen!“, herrschte ich ihn scharf an, als er nach einer Minute noch immer nicht zu lesen angefangen hatte. Cullen verzog das Gesicht, setzte sich aber im Schneidersitz vor den Koffer, der sich jetzt genau zwischen uns befand, und senkte den Blick seiner smaragdgrünen Augen auf das Blatt Papier in seiner Hand. Während er den Brief rasch überflog, bevor er ihn laut vorlas, schmunzelte ich darüber, wie ungläubig er aussah. „Okay“, meinte er schließlich, offenkundig um Fassung bemüht. „Ich fang jetzt an.“ „Ich bitte darum“, bemerkte ich und verdrehte die Augen. Aber immerhin fing er an zu lesen.
„Sehr geehrtes Team 13, wir, das Greenhorne Institute of Modern Studies, freuen uns rechtherzlich,
sie zu unserer Studie der Erforschung der gesellschaftlichen Reaktion auf
homosexuelle …“, Cullen schluckte schwer, bevor er fortfuhr. „Paare mit Kindern begrüßen zu dürfen. In den folgenden Wochen,
beziehungsweise Monaten werden sie und ihr Partner …“ Cullens Stimme verlor sich und ich
grinste breit, als er mich völlig entgeistert anstarrte. „Was für Partner?“,
stammelte er. Ich grinste nur weiter, bevor ich mich dann doch dazu herbeiließ,
etwas zu berichtigen: „Was glaubst du denn, was für Partner gemeint sind,
Einstein? Natürlich beruht dieses ganze Projekt darauf, dass die Teilnehmer
genau das sind, was auch Hauptbestandteil der Studie ist – homosexuell.“
Ich sah, wie Edward schluckte und noch bleicher wurde, bevor er stammelte: „Aber ich bin doch gar nicht …“, er verstummte und sah mich irgendwie ängstlich an. „Du etwa?“, fragte er und man konnte ihm ansehen, dass er mich das eigentlich nicht hatte fragen wollen. Ich grinste nur schief. „Wer weiß? Lies jetzt weiter, damit wir vorankommen, okay?“ Wieder schluckte Edward sichtbar. Er rutschte ein Stück von mir weg und war im Begriff, sogar aufzustehen, um mehr Distanz zwischen uns zu bringen, als ihn mein Blick unter fragend hochgezogenen Augenbrauen hervor, innehalten ließ. Er zog eine Grimasse, straffte die Schultern, schluckte erneut und fuhr dann fort, zu lesen.
„In den folgenden Wochen, beziehungsweise Monaten werden sie und ihr Partner im Laufe eben genannter Studie eine elektronische Puppe, die den genauen Maßen eines durchschnittlichen Babys entspricht – inklusive aller Bedürfnisse – in ihr gemeinsames Leben integrieren. Wir bitten sie, ihr Leben soweit es denn möglich ist, weiter so zu führen wie zuvor und die Reaktionen aus ihrem Umfeld aufzuschreiben. Hierzu finden sie in ihrem Koffer, in dem sich auch alles andere für die Studie notwenige befindet, zwei Kladden, in denen sie ihre Erfahrungen möglichst zeitnah notieren sollen. Überdies stehen wir ihnen bei eventuellen Fragen gerne unter folgender Nummer zur Verfügung …“
Edward
blickte mich an und sah dabei aus, als hätte man ihm gerade mitgeteilt, dass
alles tatsächlich eben doch noch schlimmer werden konnte, als er je angenommen
hatte. „War es das?“, erkundigte ich mich ungerührt. Langsam schüttelte Edward
den Kopf, bevor er einmal tief durchatmete und sagte: „Nein. Nach der Nummer
steht da noch etwas.“ Ich nickte ihm zu, forderte ihn wortlos auf, endlich
fortzufahren mit dem Lesen, aber es dauerte fast zwei Minuten, bis er meinem
brennenden Blick nicht länger standhalten konnte und stockend weiter las.
„Eben genannte Nummer bitten wir sie auch in dem Falle zu wählen, wenn sich etwas an ihrer Beziehungssituation ändern sollte. Die Studie ist schließlich nur dann erfolgreich, wenn sie und ihr Partner während der gesamten Studienphase, so, wie in den Anforderungen für die genannte Studie, erwartet, ihr Leben genauso teilen wie ihr Zuhause. Um Versuchen des Betrugs vorzubeugen, sei bemerkt, dass sie jederzeit von einem Angestellten unserer Firma aufgesucht werden können. Überdies sind die bereits benannten Puppen mit Sensoren ausgestattet, die Fälle von Misshandlung und Gewaltanwendung jederzeit registrieren, was in derartigen Fällen zum Abbruch der Studie für die jeweiligen Probanden und zum Ausschluss dieser bei etwaigen anderen Studien in unserem Hause führt. Dennoch wünschen wir ihnen viel Spaß und Freude bei ihrem Projekt. Mit freundlichen Grüßen. George Stanley, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.“
Edward starrte das Blatt Papier an, als wäre es das widerwärtigste Etwas, dass ihm je zu Gesicht gekommen war, bevor er aufschaute und mich ebenso angeekelt ansah: „Was soll der Mist?“, fauchte er wütend. „Wieso um alles in der Welt steht in diesem Brief etwas über „Leben genauso teilen, wie ihr Zuhause“ im direkten Zusammenhang damit, dass man erwartet, nur echte Pärchen bei der Studie dabeizuhaben?“ Ich verkniff mir einen Kommentar dazu, dass er zitieren konnte, ohne auf den Brief zu sehen und seufzte genervt: „Meine Güte, Einstein!“, schnaufte ich. „Du kapierst aber auch gar nichts, oder?“ Edward biss sich auf die Unterlippe, schwieg aber, als wäre ihm klar geworden, dass nur ich Antworten für ihn bereithielt. Nur seine Augen sprühten vor lauter Wut und Entrüstung, sich gerade in einer Situation zu befinden, die ihm so gar nicht passte.
„Hast du die
Anforderungen für die Studie nicht gelesen?“, fragte ich. Cullen schüttelte mit steinerner Miene
den Kopf. Ich lächelte schief und spürte wieder, wie sich das hämische Grinsen
anschlich. Ich ignorierte es. „Okay, Einstein, dann hör mal gut zu.“ Amüsiert
sah ich, wie Edwards Augen noch eine Spur dunkler wurden, weil es ihn so viel
Mühe kostete, nicht laut zu werden und stattdessen nur zu nicken. „Dann mal
Klartext: Du und ich werden die nächsten drei Monate mehr Zeit miteinander
verbringen, als uns ganz sicher lieb ist.“ Cullens Kiefer zuckte und er sah stark danach aus, als würde er jeden
Moment damit anfangen, mich anzubrüllen oder gar Dinge aus dem Koffer nach mir
zu werfen.
Da er das im Moment allerdings noch nicht tat, fuhr ich recht gut unterhalten fort: „Ich brauche das Geld, das mir dieses Projekt einbringt und du willst Mommy und Daddy nicht enttäuschen. Du hast also mich in der Hand und ich dich. Also?“ Edward atmete heftig ein und aus, sagte aber noch immer kein Wort. Ich seufzte schwer und theatralisch. „Du bist sicherlich nicht der einzige Sohn reicher Eltern, dem so ein besseres Gesellschaftsbewusstsein eingebläut werden soll“, vermutete ich ins Blaue hinein. Als Edward noch mehr erbleichte, musste ich lächeln. „Na, siehst du? Wusste ich es doch.“ Cullen schnaufte jetzt schwer, als versuchte er den immensen Berg an Wut in sich, irgendwie auszuatmen.
Offenkundig
funktionierte das nicht so ganz, denn schon nach einer kurzen Weile flüsterte
er noch immer vor Wut bebend: „Du erpresst mich, du Bastard.“ Ich lachte
verhalten. „Und du mich, Einstein.“ Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen,
entspannte sich mein Gegenüber ein klein wenig. „Ganz richtig“, bestätigte er
und ließ den Brief zurück auf den vollgestopften Koffer fallen. Sich langsam
erhebend, fuhr er sich durch sein bronzefarbenes Haar und zerzauste es somit,
ruinierte das so sorgfältig hergerichtete Arrangement von zuvor. Auch ich stand
auf, nachdem ich den Reißverschluss des Koffers zugezogen hatte. Das Monstrum
wieder aufrecht hinstellend, blickte ich Cullen unverwandt an.
„Also?“ „Was also?“, schnappte er zurück. Wusste er
eigentlich, wie unglaublich unterhaltsam er war, wenn er so strotzte vor Wut?
Vermutlich nicht. „Also wie machen wir das jetzt, Einstein? Oder kannst du zwar
lesen, aber nicht verstehen, was du liest?“ Edwards Blick wurde störrisch.
„Natürlich habe ich verstanden, was in dem Brief stand!“, ereiferte er sich.
„Und?“, fragte ich müde lächelnd weiter. „Und ich werde den Teufel tun und dich
mit nach Hause nehmen, nur damit diese bescheuerten Studienheinis zufrieden
sind. Ich glaube nämlich nicht, dass einer von denen mir das bezahlt, was du
Gott weiß, was alles mitgehen lässt, wenn du dich aus dem Staub machst!“
Jetzt war ich entrüstet – und stinksauer. „Noch ein Wort, Muttersöhnchen und die einzige Sorge, die du nach haben wirst, ist, ob du je wieder dein vorlautes Maul so weit aufreißen kannst, so dass du auch nur aus einem Strohhalm trinken kannst. Haben wir uns verstanden?“ Das wirkte. Edward sah zwar nicht unbedingt weniger streitlustig aus, wirkte allerdings doch leicht gestutzt. „Du kannst mir drohen, wie du willst, Whitlock! Ins Haus meiner Eltern wirst du keinen verdammten Fuß setzen!“ Ich grinste süffisant und dachte an die andere Alternative, die mit Sicherheit höchst amüsant werden würde. „Okay, dann kommst du mit zu mir, Muttersöhnchen. Und auch wenn du bei mir keine goldenen Löffel finden wirst, rate ich dir bei Gott, dich zu benehmen!“
Edward erweckte jetzt den Anschein, als fiele er jeden Moment in Ohnmacht. „Niemals betrete ich dieses Rattenloch, das Leute wie du ihr Zuhause nennen!“, fauchte er. Allmählich war meine Geduld wirklich aufgebraucht. „Cullen“, grollte ich mit finsterer Miene. „Ich wiederhole mich nur ungern, verstanden?“ Ich atmete tief durch, um meinen Ärger im Zaun zu halten und das reichte wohl vorerst, um Edward “Das Großmaul“ Cullen das Maul zu stopfen. „Ich möchte wetten, dass du so eine typische Protzkarre fährst“, bemerkte ich und hielt Edward den Griff des Koffers hin.
Statt ihn
jedoch zu ergreifen, zeigte er mir allen Ernstes den Vogel. „Du wirst nicht
erleben, dass ich dieses Teil in meinem Aston -“, er verstummte und wich so
schnell er konnte mit entsetztem Blick zur Wand zurück. „Cullen, du jämmerliches Stück …!“ Die
Tür ging auf und ich verstummte meinerseits. „Ist bei euch zweien wirklich
alles in Ordnung?“, erkundigte sich George mit zweifelnder Miene. Ich zwang
mich zu einem einnehmenden Lächeln. „Aber klar doch!“, versicherte ich beschwingt
und bedeutete Edward
bemüht unauffällig, seinen verfluchten Hintern jetzt sofort zu mir zu bewegen.
Zu seinem eigenen Glück kam er meiner unmissverständlichen Aufforderung nach und stellte sich neben mich. „Ja, alles prima, George“, trällerte er so überdreht, dass ich ihn fast gefragt hätte, was er außer dem typischen beschissenen Charakter eines verwöhnten Sohnes aus reichem Hause und einem eindeutig vorhandenen Talent zur Schauspielerei, noch für Talente hatte. „Wir diskutieren gerade nur darüber, wie wir unser süßes kleines Baby nennen wollen“, zirpte Edward weiter und lehnte sich doch tatsächlich theatralisch seufzend an mich. „Ja, Eddy wollte schon immer eine Puppe namens Barbie, wissen sie?“
George lachte und sah Edward dann fragend an: „Ach tatsächlich?“ Edward nickte begeistert, wobei er unauffällig seinen verdammt spitzen Ellenbogen in meine Rippen rammte. Ich sog heftig die Luft ein. „Oh nein, Schatzi!“, zeterte Edward zugleich und stellte sich direkt vor mich, so dass George sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. „Hör auf mit dieser Scheiße und werd diesen Idioten los!“, bildete er lautlos mit den Lippen und mit ungehaltenem Blick in den Augen. Ich grinste ihn an. „George, ich glaube, Edward hätte noch ein paar Fragen dazu, wie das mit dem Wickeln funktioniert“, sagte ich fürsorglich und strich Edward mit einem vielsagenden Blick zu George über sein Haar.
Der Blick, den Edward mir
daraufhin zuwarf, hätte nicht mörderischer sein können. Aber ich grinste nur
und sah George dabei zu, wie er Edward ganz genau zeigte, wie man eine Puppe
wickelte. Bevor er allerdings anfing, erklärte er, dass er die Puppe jetzt nur
ganz kurz anschaltete, um Edward alles zu erklären, was er bisher noch nicht
verstanden hatte, und wir sie nachher, sobald wir zu Hause waren, selbst wieder
einschalten mussten. Und eingeschaltet musste sie die vollen drei Monate – nur
unterbrochen von gelegentlichen Batteriewechseln – bleiben. Ich lächelte nur
und nickte, während ich mich köstlich über den Typen mit dem bronzenen Haar und
den sauteuren Klamotten amüsierte, der jetzt in den Genuss kam, seine erste
Babywindel zu wechseln.
*****
„Du bist so
ein mieses kleines Arschloch! Aber das weißt du längst, oder?“, zischte Edward,
als wir endlich das Studienzentrum verließen. Durch das Glas der Drehtür winkte
ich noch einmal George zu, der es sich nicht hatte nehmen lassen, uns bis in
die Lobby zu begleiten. „Es ist besser, es selbst zu wissen, als es ständig
gesagt zu bekommen und so zu tun, als wäre es nicht wahr“, bemerkte ich überlegen
schmunzelnd und steuerte auf meine geliebte Heather zu, die glücklicherweise noch keinen Strafzettel für mich
bereithielt.
„Hey!“, protestierte Edward aufgebracht, als ich mich in den Sattel schwang. „Ich hab vorhin schon gesagt, dass mein Aston ganz gewiss kein LKW ist, Whitlock!“ „Also das waren nicht genau deine Worte, Schnuckilein“, belehrte ich ihn und blinzelte in die warme Nachmittagssonne. „Whitlock, ich …“ Ich seufzte schwer und sah ihn wieder an. „Wir wären jetzt schon bei mir zu Hause, wenn du dich nicht so anstellen würdest.“ Ich blickte in die Eingangshalle des Studienzentrums und lächelte breit. „Und außerdem gebe ich dir noch zehn Sekunden, bis der gute George hier auf der Matte steht und uns jetzt ganz gewiss nicht mehr abnimmt, dass du nur ganz nervös bist, weil du noch nie Windeln gewechselt hast.“
Wenn Blicke töten könnten, dann wäre ich allerspätestens jetzt erstochen, erschossen, erhängt, ertränkt, erschlagen, vergiftet und was wusste ich noch auf welche Weise hingerichtet worden. Aber natürlich hatte Edward da ein wenig Pech, was die Realität anging. Er drehte sich auf dem Absatz um, strahlte in Richtung George, der tatsächlich noch immer in der Eingangshalle stand und uns kritisch musterte, zischte mir „Wenn deine Mistkarre nicht mehr mit kommt, mach ich sie platt, klar?“ zu und marschierte dann, den Trolley hinter sich her ziehend ein Stück die Straße hinunter. Dort sah ich, wie er tatsächlich die Tür eines waschechten Aston Martin öffnete, mit einiger Mühe den Koffer auf dem Beifahrersitz manövrierte und dann auf der Fahrerseite einstieg.
Schwer
seufzend nahm ich den Helm vom Lenker und setzte ihn auf. Was würde das nur
wieder geben?, dachte ich grüblerisch und erweckte meine gute alte Heather gekonnt zum Leben. Sie
schnurrte wie eine Raubkatze und entlockte mir endlich ein entspanntes Lächeln.
Ja, meine Süße sorgte stets dafür, dass es mir in ihrem Sattel sogleich viel besser
ging. Ohne nachzusehen, wo Cullen blieb, fädelte ich mich geschickt in den Verkehr ein und machte
mich auf den Weg nach Hause. Je näher ich dem winzigen Haus am Stadtrand von
Los Angeles kam, desto öfter tauchte die Frage, wie um alles in der Welt ich es
drei ganze Monate mit diesem Aston Martin fahrenden Kotzbrocken aushalten
sollte, immer häufiger in meinen Gedanken auf.
Als ich schließlich in meine Einfahrt einbog, beherrschte diese eine Frage mein ganzes Denken. Ich parkte Heather wie immer nahe der Haustür und wartete dann mit verschränkten Armen auf Edward Cullen, den allerletzten Menschen, den ich mir im Moment in meiner Behausung vorstellen konnte. Aber er kam. Oder besser – er hielt mit skeptischem Blick seitlich der Einfahrt, als dachte er, ich wollte ihn in irgendeine bescheuerte Falle locken. Dann stieg er mit bemüht herablassender Miene aus, griff sich den Koffer und kam zu mir herüber. Während er auf mich zukam, wanderten seine Augen fast ein bisschen nervös über den kleinen Hof und das uralte Haus.
„Nun, ich vermute, in deinen Kreisen ist das hier der Himmel auf Erden“, bemerkte er flapsig. Ich tat, als hätte ich ihn nicht gehört und ging wortlos zur Tür. Während ich aufschloss, fiel Edward mit unzähligen Beleidigungen über mich her. „Also, wenn das erst der „gepflegte Garten“ ist, will ich gar nicht wissen, was du unter „charmant eingerichtetes Haus mit Liebe zum Detail“ verstehst“, schloss er, als ich die Tür endlich aufstieß. „Halt deine Klappe, Einstein und vergiss um Himmels willen nicht, deine dreckigen Gucci-Treter abzuputzen!“, blaffte ich ihn an und betrat, nachdem ich eben das meinerseits mit meinen Boots getan hatte, die kleine Diele.
Ich zog meine
Lederjacke aus und sah Edward aus dem Augenwinkel dabei zu, wie er den Koffer
die kleine Treppe zur Haustür hinauf zerrte und ihn unwirsch neben die
geöffnete Tür stellte, bevor er mich ironisch angrinste und ganz gemächlich
seine Schuhe auf dem Fußabtreter abtrat. „Beeil dich mal, ich habe nicht den
ganzen Tag Zeit“, grummelte ich und ging hinüber in die Küche. Edward folgte
mir mit offensichtlichem Widerstreben und zog den Koffer hinter sich her.
Ungefragt setzte er sich in der Küche auf einen Stuhl und funkelte mich an.
„Nett, Whitlock“, höhnte
er und bemaß jeden noch so kleinen Gegenstand im Raum mit einem herabwürdigenden
Blick. „Tja, Geschmack lässt sich eben auch mit sehr viel Geld nicht kaufen,
Einstein“, gab ich zurück und setzte mich ihm gegenüber.
Cullen wollte etwas erwidern, ließ es aber, als er mein breites Grinsen sah. Er schüttelte den Kopf und schob mir den Koffer hin. „Ich habe nicht vor, auch nur eine Sekunde länger in deinem Rattenloch zu bleiben als unbedingt nötig“, teilte er mir mit scharfem Blick mit. Ich starrte ihn grimmig an: „Einstein, pass bloß auf, was du sagst! Das hier ist mein Territorium, klar? Ich rate dir wirklich, mich nicht zu reizen.“ Ich griff nach dem Koffer und wuchtete ihn auf den Tisch, während ich Edward etwas murmeln hörte, das doch stark nach „Hinterwäldler“ klang. „Noch eine weitere Beleidigung und du darfst Mommy und Daddy erzählen, dass du versagt hast, Einstein“, murmelte ich scheinbar gelassen und begann in dem Koffer zu kramen.
Das schwere Schnaufen Cullens verdeutlichte mir, dass ich den wunden Punkt getroffen hatte. Entsprechend gut gelaunt, zog ich zwei identisch aussehende schwarze Kladden aus den Tiefen des Koffers und hielt ihm eine hin. „Bitteschön, Einstein“, grinste ich und legte meine eigene Kladde beiseite. Nach einigem weiteren Kramen hatte ich dann auch das Herzstück unserer ganzen Studie wiedergefunden: das Baby. „Da haben wir ihn ja“, schmunzelte ich und hielt Edward die Puppe hin. Er wich zurück, als hätte ich ihm gerade eine tote Ratte unter die Nase gehalten – apropos Rattenloch! Aber um seinen offenkundigen Schreck zu kompensieren, stotterte er mit bemüht wütender Miene: „Wieso er, Whitlock?“
Das brachte
mich nun doch ein wenig aus dem Konzept. Perplex fragte ich: „Es ist ein
Mädchen, ja?“ Edward verdrehte die Augen. „Pink, Whitlock. Pink!“ Er zupfte an dem rosa Griff eines Buggys und ich wurde
rot vor Scham. „Stimmt ja“, murmelte ich unbeholfen und drückte ihm kurzerhand
das Baby in den Arm. Überraschung und Entrüstung machten sich in seinen Augen ihren
Platz streitig, aber er hielt unsere Tochter auf Zeit dennoch fest. Ich zog
eilig die Gebrauchsanweisung zurate und erklärte ihm dann, wie man die Puppe
einschaltete. Widerwillig folgte er meinen Instruktionen und sah dann richtig
entgeistert aus, als das Baby ein Wimmern von sich gab.
„Das ist jetzt aber dein Part, Superdad!“, stieß er atemlos hervor und drückte mir die Puppe in die Hand. Ehe ich etwas erwidern konnte, war er schon aufgestanden und ich saß da mit einem Plastikbaby im Arm. „Hey!“, protestierte ich aufbrausend und erhob mich ebenfalls. „Wenn du echt glaubst, du könntest dich jetzt einfach …“, der Rest des Satzes wurde von einem durch Mark und Bein gehenden Schreien unterbrochen. Panisch blickte Edward auf die Puppe in meinen Armen. „Mach, dass das aufhört!“, verlangte er und hielt sich die Ohren zu. „Das hält ja kein Mensch aus!“ Ich schnaubte nur, hielt das Baby im einen Arm und griff mit der freien Hand nach der Bedienungsanleitung.
Da dort stand, dass man dieses Plastikbaby, wie echte Babys ja auch, damit zum Schweigen brachte, indem man es hätschelte und Körperkontakt herstellte, strich ich ihm vorsichtig über den Kopf und wiegte es an meiner Brust leicht hin und her. Das Schreien regulierte sich fast augenblicklich wieder zu jenem schaurigen Wimmern von geradeeben. Die Puppe nun in beiden Armen haltend, forderte ich: „Such den Schnuller, Einstein. Und mach mal ein bisschen Tempo!“ Wider Erwarten bekam ich keinen flapsigen Kommentar oder gar eine handfeste Weigerung als Antwort. Edward kramte einfach mit fliegenden Fingern in all dem rosa Zeug in dem Koffer und hielt nach einer kleinen Ewigkeit einen hellrosa Schnuller in die Höhe.
„Und worauf
wartest du?“, erkundigte ich mich allmählich wirklich ungehalten und musterte
Edward missbilligend. Er wurde ein wenig rosa um die Nase und kam dann zu mir
herüber, um den Schnuller mit spitzen Fingern zwischen den Lippen des Babys zu
platzieren. Das Wimmern verstummte und ich atmete auf. „Und jetzt?“ Edward rang
die Hände. Von der Selbstsicherheit und der ätzenden Arroganz war jetzt nichts
mehr geblieben. Fast hätte ich gelacht. Jedoch nur fast. Dann, wenn Edwards
Worte nicht das Baby wieder auf den Plan gerufen hätten. Stöhnend drückte ich
die kleine Puppe wieder an mich, drückte ihr vorsichtig den Schnuller zurück in
den Mund und murmelte beruhigende Worte. Edward
jedoch sah ich finster an. „Jetzt, Einstein“, begann ich leise, fast knurrend.
„Jetzt baust du diesen ganzen Kram mal auf.“ Ich nickte in Richtung des
vollgestopften Koffers.
Edward riss
die Augen auf, seine Entrüstung war fast greifbar, aber ich legte wütend den
Zeigefinger an die Lippen. „Entweder du nimmst das Baby oder du kümmerst dich
um das Bettchen und das andere Zeug.“ Edward spannte den Kiefer an, schluckte
heftig, bevor er wütend schnaubend damit begann, stapelweise Klamotten aus dem
Trolley zu kramen, bevor er überhaupt erst den Buggy und das Klappbettchen
erwischen konnte. Unwillkürlich musste ich grinsen und verbarg das Gesicht in
der kleinen Babystramplerkapuze, damit Edward mein Grinsen nicht sah. Na, da
schau her, dachte ich. Ein Aston Martin fahrendes Ekelpaket stand in meiner
Küche und baute Kinderbetten zusammen – wenn das mal kein Bild für die Götter war …
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