Donnerstag, 2. Juni 2011

Kapitel 5


~ Im Visier des George-Menschen und die Kunst, seiner Freundin zu sagen, dass man für die nächsten drei Monate vorerst schwul ist. ~

Edwards POV

„Soll das, ein Witz sein? Ein armseliges Motel?“, polterte ich fassungslos, als Jasper aus dem Fenster gedeutet und mir gerade eben wirklich mitgeteilt hatte, dass es in dieser gottverlassenen Gegend, in der er wohnte, nur ein popliges Motel gab. „Pass bloß auf, wo du hinfährst!“, fauchte er zurück, was prompt durch ein lautstarkes, herzzerreißendes Klagen belohnt wurde. Mit finsterem Blick konzentrierte ich mich auf die Fahrbahn, als Jasper schließlich knurrte: „Na schön!“ Er schnaubte und lehnte sich dann umständlich zwischen den Sitzen hindurch nach hinten, wobei er mir mit voller Absicht den Ellbogen gegen den Oberarm stieß.

„Was soll das denn werden?“, murmelte ich drohend, hatte ich inzwischen doch nach Stunden, die ich mit diesem Motorradrüpel verbracht hatte, endgültig genug von dem Schwachsinn, den er ständig trieb. „Ich kümmere mich um unser Baby!“, schnaufte Jasper schwer atmend, während er irgendetwas auf der Rückbank machte. Schließlich seufzte er einmal hörbar frustriert, glitt wieder auf seinen Sitz zurück … und löste seinen Sicherheitsgurt! „Hey!“, protestierte ich und sah hektisch zwischen der Straße und dem wahnsinnigen Idioten neben mir hin und her.

„Schau auf die Straße, Muttersöhnchen!“, forderte Whitlock ungehalten, rutschte aus einer sitzenden Position in eine kniende und lehnte sich erneut zwischen den vorderen Sitzen hindurch zur Rückbank, von der das Geschrei immer lauter ertönte. „Nimm gefälligst deinen Hintern aus meinem Gesicht!“ „Halt deine verdammte Klappe und schau, wo du hinfährst!“ Ich protestierte weiterhin lautstark und hätte fast einfach mitten auf der Straße angehalten, aber geändert hätte das wohl auch nichts. Whitlock lehnte sich weiterhin nach hinten zu unserer Puppe und mir blieb nichts anderes übrig, als weiter zu fahren.

„Du bist echt eine Zumutung!“, knurrte ich wütend und versuchte, die Blicke nicht zu beachten, die ein paar Spaziergänger uns vom Bürgersteig aus zu warfen. „Und du bist vollkommen babyungeeignet!“, schoss Jasper zurück, als das Geschrei endlich verstummte. Erleichtert seufzend, bog ich in Jaspers Einfahrt ein und ließ den Volvo ausrollen. Erst, als wir standen, glitt Jasper zurück auf seinen Sitz. Sein T-Shirt war hochgerutscht und entblößte jetzt seine halbe linke Seite. Ich wollte ihn schon daran erinnern, dass er seine so genannten Reize gerne wieder einpacken konnte, als mir etwas ins Auge sprang.

„Also darauf wette ich, so wie du Motorrad fährst!“, prustete ich und sah mit amüsiertem Blick auf die kleine Tätowierung auf seiner Hüfte – „I’m lost“, stand dort geschrieben. Mit einem gemurmelten „Ach, halt doch einmal deine verdammte Klappe!“ riss er die Tür auf und stieg aus, wobei er nicht vergaß, die Tür so fest er konnte hinter sich zuzuschlagen. Ich ließ mir Zeit, meinerseits auszusteigen und merkte erst da, dass ich allmählich wirklich Hunger hatte. Und müde war ich auch noch. Entsprechend gähnend, lehnte ich mich gegen mein Auto und wartete darauf, dass Whitlock endlich den ganzen Babykrempel ausgeladen hatte.

Als er sich dann endlich vom Ausladen des Kofferraums aufgerichtet hatte und mich finster anblickte, nickte ich in Richtung meines Autos und sagte, wie auch er es am Morgen getan hatte: „Nur zu, tu dir keinen Zwang an!“ Er grinste verkniffen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Gleichfalls, Einstein. Heute Nacht gehört ganz alleine dir und Annabelle.“ Ich schluckte schwer, mühte mich, mein Erschrecken nicht zu zeigen. „Davon träumst du wohl!“, entgegnete ich bemüht verächtlich. Jasper lachte nur. „Ich hab dir heute Morgen gesagt, dass du die Kleine heute Nacht nimmst. Das hast du dir ganz selbst zuzuschreiben, wenn ich dich erinnern darf.“

Ich knurrte wütend und das brachte Whitlock nur noch mehr zum Lachen: „Du wirst ganz bestimmt froh sein, dass du in der vergangenen Nacht so viel Schlaf bekommen hast, Muttersöhnchen!“, frohlockte er, schlug den Kofferraumdeckel zu und wandte sich ohne ein weiteres Wort in Richtung seiner Behausung. Verzweifelt, wie ich war, rief ich hektisch: „Wenn du dich jetzt einfach so davon machst, dann rufe ich jetzt sofort diesen George an und sage ihm, dass du …“ Ich verstummte, als Jasper sich mit zutiefst verächtlichem Gesichtsausdruck zu mir umwandte.

„Was erzählst du ihm?“, forderte er zu wissen. Ich biss die Zähne zusammen, verschränkte die Arme und sah ihn feindselig an. „Erzählst du ihm, dass du mich angestottert hast, ja?“ Ohne dass ich es verhindern konnte, wurde ich rot. „Ich stottere nicht!“, ereiferte ich mir. Jasper schnaubte nur. „Das klang eben aber verdammt nach Gestotter, Herzilein.“ Ich verzog das Gesicht ob der widerwärtigen Koseform und kramte noch immer zu allem bereit in meinen Hosentaschen nach meinem Handy. Als ich es gefunden hatte, hielt ich das iPhone triumphierend in die Höhe.

„Ich zähle bis drei und dann kannst du zusehen, wie du George erklärst, warum …“ Jasper kicherte jetzt voll Schadenfreude. „Na, was denn, Einstein? Was soll ich dem Typen denn erzählen, hm?“ Jetzt war es an mir, breit zu grinsen. „Du wirst ihm erklären müssen, warum ich dich verlassen habe.“ Mir wurde selbst ganz anders bei diesen Worten, aber ich zuckte dennoch nicht mit der Wimper. Jaspers Lächeln erstarb und er sah jetzt aus wie einer dieser unberechenbaren Hooligans, die man zuhauf in fast jedem halbwegs nennenswerten Fußballstadion fand und die von Fußball im Grunde so viel Ahnung hatten wie Blondinen von Bruchrechnen. Jemand, der einfach einen Grund suchte, um sich zu prügeln.

„Du denkst also, dass du aus dieser Sache herauskommst, indem du alle Fehler auf mich ablädst, hab ich das richtig verstanden?“, erkundigte sich Jasper fast beiläufig. Sein Blick jedoch ließ mich ein wenig zurückweichen. „Es war nicht meine Idee-“, setzte ich an, wurde aber von Jasper unterbrochen. „Okay, ruf diesen George an, Cullen“, sagte er. Verwirrt sah ich zu ihm hin. Er lächelte jetzt wieder – nur dieses Mal reichlich kalt. „Das ist nicht alles …“, bemerkte ich und Jaspers Lächeln wurde zu einem teuflischen Grinsen.

„Mach nur“, forderte er mich auf. „Wir werden dann sehen, wer mehr von alldem hat.“ Ein dumpfes Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus und ich war mir mit einem Mal sicher, dass Jasper ganz bestimmt nicht kampflos aufgeben würde. Also versuchte ich es anders. „Was hältst du davon? Ich nehme mir ein Zimmer in diesem gammligen Motel und bin morgenfrüh um neun wieder hier. Dafür nimmst du die Puppe heute Nacht.“ Whitlock brach in heftiges Gelächter aus. Ich sah ihm finster beim Lachen zu und wartete ungeduldig darauf, dass er sich wieder einkriegte.

„Ich glaube, das Wort Kompromiss haben dir deine Eltern nie richtig erklärt – wozu denn auch, was? Du als perfekter Sohn von steinreichen Eltern hattest es ja auch nie nötig, dich um etwas zu bemühen, oder gar etwas zu tun, wofür du eine Gegenleistung erwartet hast“, sagte er schließlich fast schon in mitleidigem Tonfall. „Aber ich sag dir was, Einstein. Damit du lernst, wie so etwas richtig geht, schlage ich vor, du nimmst Annabelle mit zu dir ins Motel, tauchst morgenfrüh um acht Uhr wieder hier auf und stellst damit sicher, dass ich dir nicht augenblicklich eine reinhaue.“

Ich schluckte unwillkürlich, war unbeschreiblich entrüstet, dass Whitlock es sich schon wieder herausnahm, mit mir zu reden, als wäre ich ein Hund – oder eine Ratte. „Träum weiter, du Idiot!“, fauchte ich daher reichlich ungestüm. Jasper lächelte fast schon freundlich und kam zum Auto zurück. „Ich nehme die Einladung an“, murmelte er völlig gelassen, während er den Volvo gemächlich umrundete und mir immer näher kam. „Ich hab dich nicht eingeladen, Whitlock!“, stieß ich erschrocken hervor.

„Oh doch, Muttersöhnchen!“, widersprach Jasper schneidend. „Du hast soeben darauf bestanden, dass ich dir zeige, was es mit der Aussage ‚Jedem das, was ihm gebührt.’ auf sich hat.“ Schwer schluckend öffnete ich die Autotür und brachte so eine Barriere zwischen mich und den Wahnsinnigen. „Ich habe heute Abend noch etwas vor.“, stammelte ich um Coolness bemüht. Jasper zog fragend eine Augenbraue hoch, sah allerdings fast schon amüsiert aus. „Meine Freundin“, erklärte ich mit nun etwas festerer Stimme. „Sie wartet zuhause auf mich.“

Mein Gegenüber brach in schallendes Gelächter aus. „Du hast … du hast eine Freundin?“, lachte er  und hielt sich dabei den Bauch. „Welches Erbsenhirn gibt sich denn mit dir zufrieden?“ Es war eine Sache, wenn ich Bella als kindlich naiv bezeichnete, aber aus dem Mund eines anderen zu hören, dass sie nicht ganz bei Trost sein konnte, war etwas ganz anderes. „Ja“, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen und umklammerte die Fahrertür. Ich war mir ziemlich sicher, dass sich meine Finger langsam und unauslöschlich in das Blech bohrten, so aufgebracht war ich in diesem Moment.

„ Wie viel Geld musst du ihr zahlen, damit sie es in deiner Nähe aushält?“ Unheimlich stolz auf mich und meine Selbstbeherrschung, starrte ich ihn an. Am liebsten hätte ich ihm sein dämliches Grinsen mit meiner Faust aus dem Gesicht geschlagen. „Sag nicht, sie hält es freiwillig mit dir aus?“ Ich nickte vehement, auch wenn ich mich schon mehr als einmal gefragt hatte, was Bella eigentlich genau bei mir suchte.

„Doch und wie ich schon sagte, sie wartet zuhause auf mich.“ Jasper lachte nur. „Ach, wie schön!“, ätzte er mit vor Belustigung glänzenden Augen. „Dann könnt ihr heute Abend ja heile Familie spielen – wie wär’s?“ Ungewollt schlich sich ein Bild, das Bella in Kochschürze und mit Baby im Arm und mich in Anzug und mit Aktentasche in der Hand zeigte, in meine Gedanken. Mir wurde schlecht. „Du glaubst ja wohl nicht ernsthaft, dass ich Bella von dieser Sache erzähle!“, platzte es angewidert aus mir heraus. Jasper musterte mich mit einer Art abschätzigem Interesse.

„Ich würde ja mal wirklich gerne wissen, wie du ihr sonst erklären willst, dass du die nächsten Monate keine Zeit für sie haben wirst“, bemerkte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich stöhnte, wollte überhaupt nicht hören, dass es mit dem heutigen Tag noch lange nicht getan war. „Was erzählst du denn … deinem Freund?“, fauchte ich ihn wütend an. Schließlich hatte er mir gestern auf meine Frage keine richtige Antwort gegeben. Whitlock schwieg und mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde mir unwohler. „Hör zu“, begann ich schließlich hastig. „Ich will das gar nicht wissen, okay? Sonst schmeiß ich die ganze Sache sofort hin.“

Er nickte nur mit zuckenden Mundwinkeln und sagte: „Wie du meinst. Dann bis morgen.“ Er wandte sich auf dem Absatz um und ging zur Haustür, bevor ich überhaupt reagieren konnte. Erst, als er die Tasche hochnahm, die er dort auf den Stufen abgestellt hatte, stammelte ich: „Und was heißt das jetzt für mich?“ Auch wenn ich sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste ich auch so, dass er grinste, als er antwortete: „Was, Einstein? Was es für dich heißt, dass du noch immer glaubst, dass ich mir ganz gerne Kerle ins Bett hole? Oder ist das dein letzter armseliger Versuch, um um die heutige Nacht mit Annabelle herumzukommen?“

Ich biss die Zähne fest zusammen, war für den Moment zu entrüstet, um etwas zu sagen. Dann, als Jasper gerade die Haustür aufschloss, glitt ich auf den Fahrersitz und knallte die Tür hinter mir zu. Rauchend vor Zorn darüber, dass er mich so einfach ausgestochen hatte, fuhr ich vom Hof und zurück zu dem ranzigen Motel, das dieser Idiot mir auf der Herfahrt gezeigt hatte. Dort parkte ich eindeutig unschön auf dem daneben liegenden Parkplatz, schnappte mir Annabelles Babywiege vom Rücksitz und stapfte zum Eingang des Motels.

„Guten Abend, mein Junge. Herzlich willkommen im Marina Inn. Was kann ich für dich-“, setzte ein älterer Mann hinter dem uralten und reichlich abgenutzten Empfangstresen an, als ich hereintrat. „Ein Zimmer“, knurrte ich unwirsch und unterbrach damit seinen Redeschwall. Er runzelte leicht die Stirn. „Das ist aber nicht besonders nett, junger Mann“, bemerkte er und rückte seine Brille gerade. Ich holte einmal tief Luft und stellte die Babywiege heftig auf den Boden. „Ich hätte gerne ein Zimmer, Sir“, sagte ich dann mit mühsam kontrollierter Stimme. Der Mann sah erst zu mir und dann durch die Glastüren nach draußen, als erwartete er noch irgendetwas anderes zu sehen.

„Kein Gepäck?“, fragte er mich mit hochgezogener schlohweißer Augenbraue. Fast hätte ich geschnaubt. Glaubte dieser Greis wirklich, dass ich hier auch nur eine Minute länger verbringen würde, als unbedingt notwendig? Offenbar. „Mein Junge, das hier ist kein Stundenhotel“, klärte er mich nämlich mit einem Zwinkern auf. Ich wurde rot und hob dann mit finsterem Blick die Babywiege hoch, die er offenbar gar nicht bemerkt hatte. „Glauben sie wirklich, dass ich hier bin, weil es mir darum geht, mir ein bisschen Spaß zu gönnen?“, fragte ich ihn missgelaunt und anklagend ob seiner in jedweder Hinsicht abartigen Idee.

Der alte Mann stand auf, eines dieser typischen ‚Guck mal, wie süß’-Lächeln in seinem faltigen Gesicht. „Ach, ist das ein süßer Fratz!“, zwitscherte er mit einem Mal ganz zahm. Ich verdrehte die Augen und knallte die Wiege wieder auf den Boden. „Würden sie mir jetzt bitte freundlicherweise ein Zimmer …“, aber der Rest meiner Worte ging in der Sirene unter, die vom Boden her ertönte. Um ein Haar hätte ich zu fluchen angefangen, doch ich riss mich zusammen.

„Das Zimmer“, drängte ich den älteren Mann nur durch zusammengebissene Zähne hindurch und beugte mich missmutig über die Babywiege. Da ich irgendwie das unangenehme Gefühl verspürte, dass dieser Empfangstresentyp mich beobachtete, zwang ich mir unter größten Anstrengungen ein Lächeln ins Gesicht und zischte bemüht freundlich: „Na, was hast du denn? Na, … mein Schatz?“ Ich hatte fast das Gefühl, an diesem Wort zu ersticken. Punkt eins: Wenn es etwas gab, das ich noch mehr hasste als Motorradfahrer und wandelnde Verkehrsrisiken alias Jasper Whitlock, dann waren es Kosenamen. Punkt zwei: Herrgott noch mal, ich redete gerade ernsthaft mit einer Puppe!

Alles in allem kam es mir vor wie eine gestandene Ewigkeit, bis ich schließlich die überraschend gerade und intakte Tür meines Zimmers aufstoßen konnte. Erleichtert seufzend betrat ich das Zimmer und kickte die Tür hinter mir ins Schloss. Es knallte gedämpft und sie war wieder geschlossen. Mit zwei Schritten war ich beim Bett und setzte die Wiege darauf ab. Dann schnappte ich mir den einfachen Stuhl, der beim Fenster stand und setzte mich rittlings darauf. Das Gesicht in den Händen vergraben atmete ich erst einmal tief durch – was für ein Tag.

Nachdem ich mir mit einigen Mühen eine Pizza bestellt hatte, fiel ich müde auf das überraschend bequeme Bett und schloss für einen Moment die Augen. Tief luftholend ließ ich den Tag Revue passieren. Ich war, zusammen mit einem wildgewordenen Motorradfahrer und einer Babypuppe, über den Hollywood Boulevard flaniert. Hatte mit drei schwulen Kerlen in einem Café gesessen und einen auf heile Familie gespielt. Whitlock konnte mir erzählen was er wollte, er hatte ganz klar eine Vorliebe für das männliche Geschlecht.  Warum sollte er sonst auf die Idee kommen, an einer Studie für homosexuelle Paare teilzunehmen. Vielleicht war dies alles für ihn ja auch nur eine Art Dating-Börse.

„Schluss jetzt, Edward“, ermahnte ich mich selbst. Diese Gedanken mussten endlich aufhören. An meiner Teilnahme an der Studie war nichts mehr zu rütteln. Da musste ich durch, ob ich nun wollte oder nicht. Doch eines war mir klar. Ich würde versuchen es mir so einfach wie möglich und Whitlock so schwer wie möglich zu machen. Zerknirscht musste ich mir eingestehen, dass Whitlock in einem Punkt Recht jedoch Recht behielt. Ich musste Bella einweihen. Nur – wie sollte ich ihr diese Sache erklären?

Seufzend setzte ich mich aufrecht hin und warf einen misstrauischen Blick in die Wiege. Seit ich die Puppe auf dem Bett abgestellt hatte, gab sie keinen Laut mehr von sich. Zum Glück, denn Ruhe konnte ich nach diesem Tag nun wirklich gut gebrauchen. Was Whitlock wohl in sein ach so tolles Tagebuch eines Pseudo-Verliebten schrieb? „Liebes Tagebuch“, lachte ich höhnisch. „Der Tag mit Annabelle und Edward war wunderschön. Wir sind …“ Bevor ich diesen Gedanken auch nur ansatzweise zu Ende bringen konnte, klopfte es an der Tür. Nein, es donnerte wohl viel mehr ein paar Mal gegen die Zimmertür, woraufhin das Plastikungetüm auf dem Bett neben mir herzzerreißend zu schreien begann.

„Ihre Pizza, Sir“, rief eine tiefe Stimme. Hektisch suchte ich meine Brieftasche, tastete meine Hosentaschen und auch meine Jacke, die ich aus dem Auto mitgenommen hatte, ohne Erfolg ab. Das Gejaule, das von meinem Bett ertönte, steigerte sich von herzzerreißend zu hysterisch. „Gott sei Dank“, stieß ich erleichtert hervor, als ich meine Brieftasche verwunderlicher Weise auf dem Nachttisch erblickte.  Schnell ergriff ich sie und hastete zur Tür, von der schon ein vorsichtiges „Alles in Ordnung, Sir?“ ertönte.

Mit Schwung riss ich die Tür auf,  wedelte dem Pizzaboy mit einem Schein entgegen und riss ihm die appetitlich duftende Pappschachtel aus der Hand. Bisher hatte ich immer gedacht, dass es keine Steigerung von Hysterie mehr gab, doch ich hatte mich anscheinend getäuscht. Mittlerweile brüllte das Ungetüm in seiner Wiege, wie ein abgestochenes Schwein. Und ich? Ich hatte nicht nur eine viel zu heiße Pappschachtel in der Hand. Nein, ich hatte auch überhaupt keinen Plan, wie um Himmels willen ich die Puppe zum Schweigen bringen sollte.

„Sir, ist mit ihrem Baby alles in Ordnung?“Was soll denn damit nicht in Ordnung sein?“, zischte ich und versuchte einen Gesichtsausdruck an den Tag zu legen, als sei ein so plärrendes Kind das Normalste der Welt. Nun, das hört sich nicht okay an.“ Es ist alles in Ordnung“, versicherte ich betont ruhig. „Annabelle zahnt gerade.“ Ich hatte zwar keine Ahnung, in welchem Alten Babys Zähne bekamen, aber es war die einzige Sache, die mir gerade in den Sinn kam. 

Mit einem Schulterzucken verabschiedete sich der Pizzaboy. Die heiße Schachtel landete auf meinem Bett und ich riss die Puppe mehr oder weniger aus ihrer Wiege. Das  Schreien stockte  für einen kurzen Moment, nur um dann umso schlimmer wieder einzusetzen.  Hecktisch suchte ich nach dem rosafarbenen Schnuller, während ich einer Puppe unbeholfen den Rücken tätschelte. Wenn das die ganze Nacht so weiter ging, dann konnte Whitlock sich auf etwas gefasst machen! Denn dann war dies sicherlich die letzte und auch einzige Nachtschicht, die ich übernahm. Ja, vielleicht sollte ich ihm das einfach mal vorschlagen. Nur um zu gucken, wie er reagierte; und darauf freute ich mich schon jetzt diebisch. 

Ein wenig sehnsüchtig dachte ich daran, dass ich den heutigen Abend eigentlich mit Bella hatte verbringen wollen. Gut, wirklich interessant wäre dieser Abend sicherlich nicht geworden. Was alleine daran lag, dass meine Freundin in mancherlei Hinsicht so aufregend war, wie eine Schlaftablette. Wenn sie mal auf die Idee kam, etwas in ihren Augen Verrücktes zutun, dann endete es darin, dass sie krampfhaft versuchte, die Verruchte zu spielen, was schlimmer war, als irgendetwas anderes, das man sich vorstellen konnte. Meine Gedankengänge im Bezug auf den Verlauf des Abends erinnerten mich daran, dass ich Bella endlich anrufen sollte und ihr von diesem Projekt erzählen musste.

Der verdammte Schnuller war in die letzte Ecke der Wiege gerutscht. Erleichtert, dass ich endlich einen Weg gefunden hatte um die Puppe zum Schweigen zu bringen, stopfte ich ihn ihr in den Mund. Nur noch ein leises Wimmern ertönte und ich seufzte zufrieden auf.Himmlisch, diese Ruhe.“ Vorsichtig, um die Puppe nicht wieder zum Schreien zu bringen, ließ ich mich auf dem Bett nieder.  Mit einer Hand suchte ich den Pizzakarton, öffnete ihn und fischte ein Stück heraus.

„Verdammte Scheiße!“ Ich sprang auf, japste nach Luft und hätte um ein Haar die Puppe fallen lassen. Erst im letzten Moment hielt ich sie fest,  bevor sie scheppernd auf den Boden prallen und George auf den Plan rufen konnte. Vorsichtig fuhr ich mit der Zunge über meinen Gaumen. Die heißen Zutaten der Pizza hatten sich mehr oder weniger in ihn hineingebrannt. Daran, mir auch etwas zu trinken zu bestellen, hatte ich natürlich nicht gedacht. Warum auch, denn in den Hotels in denen ich üblicher Weise verkehrte, gab es eine gut gefüllte Minibar. Hier, in dieser Klitsche, in die Whitlock mich gezwungen hatte, konnte ich froh sein, wenn die Toilettenspülung funktionierte – nicht, dass ich gedachte, mir auf diese Weise etwas Trinkbares zu beschaffen!

Mein Gaumen pochte mittlerweile schmerzhaft und so blieb mir keine andere Wahl, als mich am Wasserhahn zu bedienen.  Vorsichtig legte ich Annabelle auf das Bett – wegkrabbeln konnte sie ja nicht – und ging in das angrenzende Badezimmer. Kurz ließ ich meinen Blick durch den Raum gleiten. Nun, es war besser als ich erwartet hatte, aber wesentlich schlechter, als ich es gewohnt war. Niemals würde ich hier duschen gehen.  Schnell drehte ich den Wasserhahn auf und schöpfte ein wenig Wasser mit meinen Händen. Die Kühle linderte den Schmerz in meinem Gaumen umgehend.

Als ich wieder ins Schlafzimmer trat, lag Annabelle immer noch still auf dem Bett. Mit dem Pizzakarton in der Hand, stellte ich mich an das Fenster, begutachtete die Aussicht und aß vorsichtig mein Abendbrot.  Wieder einmal fragte ich mich, worauf ich mich da nur eingelassen hatte.  Wie sollte ich die nächsten Wochen nur überleben?  Mein eigentliches Leben würde in der nächsten Zeit komplett brachliegen. Stattdessen durfte ich einen schwulen Daddy spielen, der nicht nur das Plastikbaby, sondern auch seinen Freund so unendlich liebte und vergötterte, dass mir geradezu schlecht wurde, wenn ich nur daran dachte.

Es war lachhaft und ich hoffte, dass wir bei der ersten Begutachtung von George aus der Studie flogen. George hatte schließlich schon angekündigt, dass er uns nicht traute und es sollte doch nun wirklich ein Kinderspiel sein,  ihm seine Meinung zu bestätigen.  Es würde sicherlich einige Schwierigkeiten mit sich bringen, dies meinem Vater mitzuteilen, doch dies war in meinen Augen das kleinere Übel. Ich setzte mich lieber mit meinem Vater auseinander, als dass alle Welt dachte, dass ich unter die Schwulen gegangen war – glaubte ich zumindest.

Gedanklich bereitete ich mich gerade auf das Telefonat mit Bella vor, als sie mich auch schon anrief. Wie üblich sträubte sich alles in mir, als ich diesen verdammten Klingelton vernahm, den ich für sie hatte einstellen müssen – irgendein Mist von Britney Spears, der so hirnlos war, dass man automatisch nicht hinhörte, was Madame Glatze da von sich gab. „Wo bleibst du?“, ertönte ihre leise Stimme, kaum, dass ich das Gespräch angenommen hatte.

 Ich konnte es genau vor mir sehen, wie sie mit ihrem Lieblingsbuch – Winnie Pooh – in meinem Zimmer auf dem Bett saß und immer wieder auf die Uhr sah, während sie auf mich wartete. „Ich komme nicht nach Hause.“ Bella antwortete nicht und ich vermutete, dass sie davon ausging, dass ich den Abend wieder mit meinen Freunden verbringen wollte. „Edward, du hast versprochen, dass wir …“, begann sie seufzend. Wie schon so oft, wünschte ich mir, dass sie einfach mal wütend werden würde. Mich anschrie oder was auch immer. Aber sie nahm es immer wieder mit stoischer Gelassenheit hin – ganz gleich, was ich ihr auch zu erzählen hatte.

„Bella“, entgegnete ich. „Ich werde in nächster Zeit weniger Zeit  mit dir verbringen können.“ Gerade als ich fortfahren wollte, fing das Ungetüm neben mir wieder herzzerreißend an zu weinen. „Edward, ist das ein Baby?“ Mit meiner freien Hand versuchte ich den Schnuller wieder in den Mund der Puppe zu stopfen, doch das Schreien wollte wieder einmal nicht so recht leiser werden. „Kein richtiges Baby, sondern eine Puppe“, schrie ich  gegen den Lärm an. „Puppe?“ Schon alleine an der Art, wie Bella die Sache hinterfragte, konnte ich ahnen, wie sie gerade aussah. Mit geöffnetem Mund starrte sie wahrscheinlich gerade in die Luft. Beinahe konnte ich die Rädchen in ihrem Kopf quietschen hören.

Schnell ratterte ich ihr meine Pläne für die nächsten drei Monate herunter. „Oh Gott, wie süß! Du kümmerst dich die nächsten drei Monate um ein Baby! Wann bringst du es mit nachhause?“ Bella hatte mir mal wieder nicht richtig zugehört. Jede andere Frau wäre bei meiner Erklärung, dass ich die nächsten Monate vorgeben würde, einen Mann zu lieben, aller Wahrscheinlichkeit nach ausgerastet. Aber Bella hatte schon bei dem Wort Babypuppe aufgehört meiner Schilderung zu folgen.

„Ich liebe für die nächste Zeit einen Kerl und alles, woran du denken kannst, ist, dich um eine verdammte Puppe zu kümmern?“ Ich schrie immer noch, zum einen weil ich das Plastikungetüm einfach nicht beruhigen konnte und zum anderen, weil meine verehrte Lebensabschnittsgefährtin es nicht einmal fertig brachte, mir auch nur für kurze Zeit aufmerksam zuzuhören. „Du bist doch aber nicht schwul, oder?“, ertönte es unsicher vom anderen Ende der Leitung.

„Verdammt, nein! Natürlich bin ich nicht schwul, aber alle werden und sollen es denken“, schimpfte ich und legte einfach auch. Annabelles Geschrei zerrte an meinen Nerven und allmählich bekam ich einen Eindruck davon, was Whitlock in der letzten Nacht durchgemacht hatte. Ich schnappte mir Annabelle, da ich mir nicht weiter zu helfen wusste, und ging, wie ich es schon so oft gesehen hatte, sie in meinen Armen schaukelnd, durch das Zimmer.

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