~ Im Visier des George-Menschen und die Kunst, seiner Freundin zu
sagen, dass man für die nächsten drei Monate vorerst schwul ist. ~
Edwards POV
„Soll das, ein Witz sein? Ein
armseliges Motel?“, polterte ich
fassungslos, als Jasper aus dem Fenster gedeutet und mir gerade eben wirklich
mitgeteilt hatte, dass es in dieser gottverlassenen Gegend, in der er wohnte,
nur ein popliges Motel gab. „Pass bloß auf, wo du hinfährst!“, fauchte er
zurück, was prompt durch ein lautstarkes, herzzerreißendes Klagen belohnt
wurde. Mit finsterem Blick konzentrierte ich mich auf die Fahrbahn, als Jasper
schließlich knurrte: „Na schön!“ Er schnaubte und lehnte sich dann umständlich
zwischen den Sitzen hindurch nach hinten, wobei er mir mit voller Absicht den
Ellbogen gegen den Oberarm stieß.
„Was soll das denn werden?“,
murmelte ich drohend, hatte ich inzwischen doch nach Stunden, die ich mit
diesem Motorradrüpel verbracht hatte, endgültig genug von dem Schwachsinn, den
er ständig trieb. „Ich kümmere mich um unser Baby!“, schnaufte Jasper schwer
atmend, während er irgendetwas auf der Rückbank machte. Schließlich seufzte er
einmal hörbar frustriert, glitt wieder auf seinen Sitz zurück … und löste
seinen Sicherheitsgurt! „Hey!“, protestierte ich und sah hektisch zwischen der
Straße und dem wahnsinnigen Idioten neben mir hin und her.
„Schau auf die Straße,
Muttersöhnchen!“, forderte Whitlock ungehalten, rutschte aus einer sitzenden
Position in eine kniende und lehnte sich erneut zwischen den vorderen Sitzen
hindurch zur Rückbank, von der das Geschrei immer lauter ertönte. „Nimm
gefälligst deinen Hintern aus meinem Gesicht!“ „Halt deine verdammte Klappe und
schau, wo du hinfährst!“ Ich protestierte weiterhin lautstark und hätte fast
einfach mitten auf der Straße angehalten, aber geändert hätte das wohl auch
nichts. Whitlock lehnte sich weiterhin nach hinten zu unserer Puppe und mir
blieb nichts anderes übrig, als weiter zu fahren.
„Du bist echt eine Zumutung!“,
knurrte ich wütend und versuchte, die Blicke nicht zu beachten, die ein paar
Spaziergänger uns vom Bürgersteig aus zu warfen. „Und du bist vollkommen
babyungeeignet!“, schoss Jasper zurück, als das Geschrei endlich verstummte.
Erleichtert seufzend, bog ich in Jaspers Einfahrt ein und ließ den Volvo
ausrollen. Erst, als wir standen, glitt Jasper zurück auf seinen Sitz. Sein
T-Shirt war hochgerutscht und entblößte jetzt seine halbe linke Seite. Ich
wollte ihn schon daran erinnern, dass er seine so genannten Reize gerne wieder einpacken konnte, als
mir etwas ins Auge sprang.
„Also darauf wette ich, so wie du
Motorrad fährst!“, prustete ich und sah mit amüsiertem Blick auf die kleine
Tätowierung auf seiner Hüfte – „I’m lost“, stand dort geschrieben. Mit einem
gemurmelten „Ach, halt doch einmal deine verdammte Klappe!“ riss er die Tür auf
und stieg aus, wobei er nicht vergaß, die Tür so fest er konnte hinter sich zuzuschlagen.
Ich ließ mir Zeit, meinerseits auszusteigen und merkte erst da, dass ich
allmählich wirklich Hunger hatte. Und müde war ich auch noch. Entsprechend
gähnend, lehnte ich mich gegen mein Auto und wartete darauf, dass Whitlock
endlich den ganzen Babykrempel ausgeladen hatte.
Als er sich dann endlich vom
Ausladen des Kofferraums aufgerichtet hatte und mich finster anblickte, nickte
ich in Richtung meines Autos und sagte, wie auch er es am Morgen getan hatte: „Nur
zu, tu dir keinen Zwang an!“ Er grinste verkniffen und verschränkte die Arme
vor der Brust. „Gleichfalls, Einstein. Heute Nacht gehört ganz alleine dir und
Annabelle.“ Ich schluckte schwer, mühte mich, mein Erschrecken nicht zu zeigen.
„Davon träumst du wohl!“, entgegnete ich bemüht verächtlich. Jasper lachte nur.
„Ich hab dir heute Morgen gesagt, dass du die Kleine heute Nacht nimmst. Das
hast du dir ganz selbst zuzuschreiben, wenn ich dich erinnern darf.“
Ich knurrte wütend und das
brachte Whitlock nur noch mehr zum Lachen: „Du wirst ganz bestimmt froh sein,
dass du in der vergangenen Nacht so viel Schlaf bekommen hast,
Muttersöhnchen!“, frohlockte er, schlug den Kofferraumdeckel zu und wandte sich
ohne ein weiteres Wort in Richtung seiner Behausung. Verzweifelt, wie ich war,
rief ich hektisch: „Wenn du dich jetzt einfach so davon machst, dann rufe ich
jetzt sofort diesen George an und sage ihm, dass du …“ Ich verstummte, als
Jasper sich mit zutiefst verächtlichem Gesichtsausdruck zu mir umwandte.
„Was erzählst du ihm?“, forderte
er zu wissen. Ich biss die Zähne zusammen, verschränkte die Arme und sah ihn
feindselig an. „Erzählst du ihm, dass du mich angestottert hast, ja?“ Ohne dass
ich es verhindern konnte, wurde ich rot. „Ich stottere nicht!“, ereiferte ich
mir. Jasper schnaubte nur. „Das klang eben aber verdammt nach Gestotter,
Herzilein.“ Ich verzog das Gesicht ob der widerwärtigen Koseform und kramte
noch immer zu allem bereit in meinen Hosentaschen nach meinem Handy. Als ich es
gefunden hatte, hielt ich das iPhone triumphierend in die Höhe.
„Ich zähle bis drei und dann
kannst du zusehen, wie du George erklärst, warum …“ Jasper kicherte jetzt voll
Schadenfreude. „Na, was denn, Einstein? Was soll ich dem Typen denn erzählen,
hm?“ Jetzt war es an mir, breit zu grinsen. „Du wirst ihm erklären müssen,
warum ich dich verlassen habe.“ Mir wurde selbst ganz anders bei diesen Worten,
aber ich zuckte dennoch nicht mit der Wimper. Jaspers Lächeln erstarb und er
sah jetzt aus wie einer dieser unberechenbaren Hooligans, die man zuhauf in
fast jedem halbwegs nennenswerten Fußballstadion fand und die von Fußball im
Grunde so viel Ahnung hatten wie Blondinen von Bruchrechnen. Jemand, der
einfach einen Grund suchte, um sich zu prügeln.
„Du denkst also, dass du aus
dieser Sache herauskommst, indem du alle Fehler auf mich ablädst, hab ich das
richtig verstanden?“, erkundigte sich Jasper fast beiläufig. Sein Blick jedoch
ließ mich ein wenig zurückweichen. „Es war nicht meine Idee-“, setzte ich an,
wurde aber von Jasper unterbrochen. „Okay, ruf diesen George an, Cullen“, sagte
er. Verwirrt sah ich zu ihm hin. Er lächelte jetzt wieder – nur dieses Mal
reichlich kalt. „Das ist nicht alles …“, bemerkte ich und Jaspers Lächeln wurde
zu einem teuflischen Grinsen.
„Mach nur“, forderte er mich auf.
„Wir werden dann sehen, wer mehr von alldem hat.“ Ein dumpfes Gefühl breitete
sich in meiner Magengegend aus und ich war mir mit einem Mal sicher, dass
Jasper ganz bestimmt nicht kampflos aufgeben würde. Also versuchte ich es
anders. „Was hältst du davon? Ich nehme mir ein Zimmer in diesem gammligen
Motel und bin morgenfrüh um neun wieder hier. Dafür nimmst du die Puppe heute
Nacht.“ Whitlock brach in heftiges Gelächter aus. Ich sah ihm finster beim
Lachen zu und wartete ungeduldig darauf, dass er sich wieder einkriegte.
„Ich glaube, das Wort Kompromiss haben dir deine Eltern nie
richtig erklärt – wozu denn auch, was? Du als perfekter Sohn von steinreichen
Eltern hattest es ja auch nie nötig, dich um etwas zu bemühen, oder gar etwas
zu tun, wofür du eine Gegenleistung erwartet hast“, sagte er schließlich fast
schon in mitleidigem Tonfall. „Aber ich sag dir was, Einstein. Damit du lernst,
wie so etwas richtig geht, schlage ich vor, du nimmst Annabelle mit zu dir ins
Motel, tauchst morgenfrüh um acht Uhr
wieder hier auf und stellst damit sicher, dass ich dir nicht augenblicklich
eine reinhaue.“
Ich schluckte unwillkürlich, war
unbeschreiblich entrüstet, dass Whitlock es sich schon wieder herausnahm, mit
mir zu reden, als wäre ich ein Hund – oder eine Ratte. „Träum weiter, du
Idiot!“, fauchte ich daher reichlich ungestüm. Jasper lächelte fast schon
freundlich und kam zum Auto zurück. „Ich nehme die Einladung an“, murmelte er
völlig gelassen, während er den Volvo gemächlich umrundete und mir immer näher
kam. „Ich hab dich nicht eingeladen, Whitlock!“, stieß ich erschrocken hervor.
„Oh doch, Muttersöhnchen!“,
widersprach Jasper schneidend. „Du hast soeben darauf bestanden, dass ich dir
zeige, was es mit der Aussage ‚Jedem das, was ihm gebührt.’ auf sich hat.“
Schwer schluckend öffnete ich die Autotür und brachte so eine Barriere zwischen
mich und den Wahnsinnigen. „Ich habe heute Abend noch etwas vor.“, stammelte
ich um Coolness bemüht. Jasper zog fragend eine Augenbraue hoch, sah allerdings
fast schon amüsiert aus. „Meine Freundin“, erklärte ich mit nun etwas festerer
Stimme. „Sie wartet zuhause auf mich.“
Mein Gegenüber brach in schallendes Gelächter aus. „Du hast … du hast
eine Freundin?“, lachte er und hielt sich dabei den Bauch. „Welches
Erbsenhirn gibt sich denn mit dir
zufrieden?“ Es war eine Sache, wenn ich Bella als kindlich naiv bezeichnete,
aber aus dem Mund eines anderen zu hören, dass sie nicht ganz bei Trost sein
konnte, war etwas ganz anderes. „Ja“, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen
und umklammerte die Fahrertür. Ich war mir ziemlich sicher, dass sich meine
Finger langsam und unauslöschlich in das Blech bohrten, so aufgebracht war ich
in diesem Moment.
„ Wie viel Geld musst du ihr zahlen, damit sie es in deiner Nähe
aushält?“ Unheimlich stolz auf
mich und meine Selbstbeherrschung, starrte ich ihn an. Am liebsten hätte ich
ihm sein dämliches Grinsen mit meiner Faust aus dem Gesicht geschlagen. „Sag nicht, sie hält es freiwillig mit dir
aus?“ Ich nickte vehement, auch
wenn ich mich schon mehr als einmal gefragt hatte, was Bella eigentlich genau
bei mir suchte.
„Doch und wie ich schon sagte,
sie wartet zuhause auf mich.“ Jasper lachte nur. „Ach, wie schön!“, ätzte er
mit vor Belustigung glänzenden Augen. „Dann könnt ihr heute Abend ja heile
Familie spielen – wie wär’s?“ Ungewollt schlich sich ein Bild, das Bella in
Kochschürze und mit Baby im Arm und mich in Anzug und mit Aktentasche in der
Hand zeigte, in meine Gedanken. Mir wurde schlecht. „Du glaubst ja wohl nicht
ernsthaft, dass ich Bella von dieser Sache erzähle!“, platzte es angewidert aus
mir heraus. Jasper musterte mich mit einer Art abschätzigem Interesse.
„Ich würde ja mal wirklich gerne wissen, wie du ihr sonst erklären willst, dass du die nächsten Monate keine Zeit für sie haben wirst“, bemerkte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich stöhnte, wollte überhaupt nicht hören, dass es mit dem heutigen Tag noch lange nicht getan war. „Was erzählst du denn … deinem Freund?“, fauchte ich ihn wütend an. Schließlich hatte er mir gestern auf meine Frage keine richtige Antwort gegeben. Whitlock schwieg und mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde mir unwohler. „Hör zu“, begann ich schließlich hastig. „Ich will das gar nicht wissen, okay? Sonst schmeiß ich die ganze Sache sofort hin.“
Er nickte nur mit zuckenden Mundwinkeln und sagte: „Wie du meinst. Dann bis morgen.“ Er wandte sich auf dem Absatz um und ging zur Haustür, bevor ich überhaupt reagieren konnte. Erst, als er die Tasche hochnahm, die er dort auf den Stufen abgestellt hatte, stammelte ich: „Und was heißt das jetzt für mich?“ Auch wenn ich sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste ich auch so, dass er grinste, als er antwortete: „Was, Einstein? Was es für dich heißt, dass du noch immer glaubst, dass ich mir ganz gerne Kerle ins Bett hole? Oder ist das dein letzter armseliger Versuch, um um die heutige Nacht mit Annabelle herumzukommen?“
Ich biss die Zähne fest zusammen, war für den Moment zu entrüstet, um etwas zu sagen. Dann, als Jasper gerade die Haustür aufschloss, glitt ich auf den Fahrersitz und knallte die Tür hinter mir zu. Rauchend vor Zorn darüber, dass er mich so einfach ausgestochen hatte, fuhr ich vom Hof und zurück zu dem ranzigen Motel, das dieser Idiot mir auf der Herfahrt gezeigt hatte. Dort parkte ich eindeutig unschön auf dem daneben liegenden Parkplatz, schnappte mir Annabelles Babywiege vom Rücksitz und stapfte zum Eingang des Motels.
„Guten Abend, mein Junge. Herzlich willkommen im Marina Inn. Was kann ich für dich-“, setzte ein älterer Mann hinter dem uralten und reichlich abgenutzten Empfangstresen an, als ich hereintrat. „Ein Zimmer“, knurrte ich unwirsch und unterbrach damit seinen Redeschwall. Er runzelte leicht die Stirn. „Das ist aber nicht besonders nett, junger Mann“, bemerkte er und rückte seine Brille gerade. Ich holte einmal tief Luft und stellte die Babywiege heftig auf den Boden. „Ich hätte gerne ein Zimmer, Sir“, sagte ich dann mit mühsam kontrollierter Stimme. Der Mann sah erst zu mir und dann durch die Glastüren nach draußen, als erwartete er noch irgendetwas anderes zu sehen.
„Kein Gepäck?“, fragte er mich mit hochgezogener schlohweißer Augenbraue. Fast hätte ich geschnaubt. Glaubte dieser Greis wirklich, dass ich hier auch nur eine Minute länger verbringen würde, als unbedingt notwendig? Offenbar. „Mein Junge, das hier ist kein Stundenhotel“, klärte er mich nämlich mit einem Zwinkern auf. Ich wurde rot und hob dann mit finsterem Blick die Babywiege hoch, die er offenbar gar nicht bemerkt hatte. „Glauben sie wirklich, dass ich hier bin, weil es mir darum geht, mir ein bisschen Spaß zu gönnen?“, fragte ich ihn missgelaunt und anklagend ob seiner in jedweder Hinsicht abartigen Idee.
Der alte Mann stand auf, eines dieser typischen ‚Guck mal, wie süß’-Lächeln in seinem faltigen Gesicht. „Ach, ist das ein süßer Fratz!“, zwitscherte er mit einem Mal ganz zahm. Ich verdrehte die Augen und knallte die Wiege wieder auf den Boden. „Würden sie mir jetzt bitte freundlicherweise ein Zimmer …“, aber der Rest meiner Worte ging in der Sirene unter, die vom Boden her ertönte. Um ein Haar hätte ich zu fluchen angefangen, doch ich riss mich zusammen.
„Das Zimmer“, drängte ich den älteren Mann nur durch zusammengebissene Zähne hindurch und beugte mich missmutig über die Babywiege. Da ich irgendwie das unangenehme Gefühl verspürte, dass dieser Empfangstresentyp mich beobachtete, zwang ich mir unter größten Anstrengungen ein Lächeln ins Gesicht und zischte bemüht freundlich: „Na, was hast du denn? Na, … mein Schatz?“ Ich hatte fast das Gefühl, an diesem Wort zu ersticken. Punkt eins: Wenn es etwas gab, das ich noch mehr hasste als Motorradfahrer und wandelnde Verkehrsrisiken alias Jasper Whitlock, dann waren es Kosenamen. Punkt zwei: Herrgott noch mal, ich redete gerade ernsthaft mit einer Puppe!
Alles in allem kam es mir vor wie eine gestandene Ewigkeit, bis ich schließlich die überraschend gerade und intakte Tür meines Zimmers aufstoßen konnte. Erleichtert seufzend betrat ich das Zimmer und kickte die Tür hinter mir ins Schloss. Es knallte gedämpft und sie war wieder geschlossen. Mit zwei Schritten war ich beim Bett und setzte die Wiege darauf ab. Dann schnappte ich mir den einfachen Stuhl, der beim Fenster stand und setzte mich rittlings darauf. Das Gesicht in den Händen vergraben atmete ich erst einmal tief durch – was für ein Tag.
Nachdem ich mir mit einigen Mühen eine Pizza bestellt hatte, fiel ich müde auf das überraschend bequeme Bett und schloss für einen Moment die Augen. Tief luftholend ließ ich den Tag Revue passieren. Ich war, zusammen mit einem wildgewordenen Motorradfahrer und einer Babypuppe, über den Hollywood Boulevard flaniert. Hatte mit drei schwulen Kerlen in einem Café gesessen und einen auf heile Familie gespielt. Whitlock konnte mir erzählen was er wollte, er hatte ganz klar eine Vorliebe für das männliche Geschlecht. Warum sollte er sonst auf die Idee kommen, an einer Studie für homosexuelle Paare teilzunehmen. Vielleicht war dies alles für ihn ja auch nur eine Art Dating-Börse.
„Schluss jetzt, Edward“, ermahnte ich mich selbst. Diese Gedanken mussten
endlich aufhören. An meiner Teilnahme an der Studie war nichts mehr zu rütteln.
Da musste ich durch, ob ich nun wollte oder nicht. Doch eines war mir klar. Ich
würde versuchen es mir so einfach wie möglich und Whitlock so schwer wie
möglich zu machen. Zerknirscht musste ich mir eingestehen, dass Whitlock in
einem Punkt Recht jedoch Recht behielt. Ich musste Bella einweihen. Nur – wie
sollte ich ihr diese Sache erklären?
Seufzend setzte ich mich aufrecht hin und warf einen misstrauischen Blick
in die Wiege. Seit ich die Puppe auf dem Bett abgestellt hatte, gab sie keinen
Laut mehr von sich. Zum Glück, denn Ruhe konnte ich nach diesem Tag nun
wirklich gut gebrauchen. Was Whitlock wohl in sein ach so tolles Tagebuch eines
Pseudo-Verliebten schrieb? „Liebes Tagebuch“, lachte ich höhnisch. „Der Tag mit
Annabelle und Edward war wunderschön. Wir sind …“ Bevor ich diesen Gedanken
auch nur ansatzweise zu Ende bringen konnte, klopfte es an der Tür. Nein,
es donnerte
wohl viel mehr ein paar Mal gegen die Zimmertür, woraufhin das Plastikungetüm
auf dem Bett neben mir herzzerreißend zu schreien begann.
„Ihre Pizza, Sir“, rief eine tiefe Stimme. Hektisch suchte ich meine Brieftasche,
tastete meine Hosentaschen und auch meine Jacke, die ich aus dem Auto
mitgenommen hatte, ohne Erfolg ab. Das Gejaule, das von meinem Bett ertönte,
steigerte sich von herzzerreißend zu hysterisch. „Gott sei Dank“, stieß ich erleichtert
hervor, als ich meine Brieftasche verwunderlicher Weise auf dem Nachttisch
erblickte. Schnell ergriff ich sie und hastete zur Tür, von der schon ein
vorsichtiges „Alles in Ordnung, Sir?“ ertönte.
Mit Schwung riss ich die Tür auf, wedelte dem Pizzaboy mit einem Schein
entgegen und riss ihm die appetitlich duftende Pappschachtel aus der Hand.
Bisher hatte ich immer gedacht, dass es keine Steigerung von Hysterie mehr gab,
doch ich hatte mich anscheinend getäuscht. Mittlerweile brüllte das Ungetüm in
seiner Wiege, wie ein abgestochenes Schwein. Und ich? Ich hatte nicht nur eine
viel zu heiße Pappschachtel in der Hand. Nein, ich hatte auch überhaupt keinen
Plan, wie um Himmels willen ich die Puppe zum Schweigen bringen sollte.
„Sir, ist mit ihrem Baby alles in Ordnung?“ „Was soll denn damit nicht in Ordnung sein?“,
zischte ich und versuchte einen Gesichtsausdruck an den Tag zu legen, als sei
ein so plärrendes Kind das Normalste der Welt. „Nun, das hört sich nicht okay an.“ „Es ist alles in Ordnung“, versicherte ich betont ruhig. „Annabelle zahnt
gerade.“ Ich hatte zwar keine Ahnung, in welchem Alten Babys Zähne bekamen,
aber es war die einzige Sache, die mir gerade in den Sinn kam.
Mit einem Schulterzucken verabschiedete sich der Pizzaboy. Die heiße
Schachtel landete auf meinem Bett und ich riss die Puppe mehr oder weniger aus
ihrer Wiege. Das Schreien stockte für einen kurzen Moment, nur um
dann umso schlimmer wieder einzusetzen. Hecktisch suchte ich nach dem
rosafarbenen Schnuller, während ich einer Puppe unbeholfen den Rücken
tätschelte. Wenn das die ganze Nacht so weiter ging, dann konnte Whitlock sich
auf etwas gefasst machen! Denn dann war dies sicherlich die letzte und auch
einzige Nachtschicht, die ich übernahm. Ja, vielleicht sollte ich ihm das
einfach mal vorschlagen. Nur um zu gucken, wie er reagierte; und darauf freute
ich mich schon jetzt diebisch.
Ein wenig sehnsüchtig dachte ich daran, dass ich den heutigen Abend
eigentlich mit Bella hatte verbringen wollen. Gut, wirklich interessant wäre
dieser Abend sicherlich nicht geworden. Was alleine daran lag, dass meine
Freundin in mancherlei Hinsicht so aufregend war, wie eine Schlaftablette. Wenn
sie mal auf die Idee kam, etwas in ihren Augen Verrücktes zutun, dann endete es
darin, dass sie krampfhaft versuchte, die Verruchte zu spielen, was schlimmer
war, als irgendetwas anderes, das man sich vorstellen konnte. Meine
Gedankengänge im Bezug auf den Verlauf des Abends erinnerten mich daran, dass
ich Bella endlich anrufen sollte und ihr von diesem Projekt erzählen musste.
Der verdammte Schnuller war in die letzte Ecke der Wiege gerutscht.
Erleichtert, dass ich endlich einen Weg gefunden hatte um die Puppe zum
Schweigen zu bringen, stopfte ich ihn ihr in den Mund. Nur noch ein leises
Wimmern ertönte und ich seufzte zufrieden auf. „Himmlisch, diese Ruhe.“ Vorsichtig, um die Puppe nicht wieder zum
Schreien zu bringen, ließ ich mich auf dem Bett nieder. Mit einer Hand
suchte ich den Pizzakarton, öffnete ihn und fischte ein Stück heraus.
„Verdammte Scheiße!“ Ich sprang auf, japste nach Luft und hätte um ein
Haar die Puppe fallen lassen. Erst im letzten Moment hielt ich sie fest,
bevor sie scheppernd auf den Boden prallen und George auf den Plan rufen
konnte. Vorsichtig fuhr ich mit der Zunge über meinen Gaumen. Die heißen
Zutaten der Pizza hatten sich mehr oder weniger in ihn hineingebrannt. Daran,
mir auch etwas zu trinken zu bestellen, hatte ich natürlich nicht gedacht.
Warum auch, denn in den Hotels in denen ich üblicher Weise verkehrte, gab es
eine gut gefüllte Minibar. Hier, in dieser Klitsche, in die Whitlock mich gezwungen
hatte, konnte ich froh sein, wenn die Toilettenspülung funktionierte – nicht,
dass ich gedachte, mir auf diese Weise etwas Trinkbares zu beschaffen!
Mein Gaumen pochte mittlerweile schmerzhaft und so blieb mir keine andere
Wahl, als mich am Wasserhahn zu bedienen. Vorsichtig legte ich Annabelle
auf das Bett – wegkrabbeln konnte sie ja nicht – und ging in das angrenzende
Badezimmer. Kurz ließ ich meinen Blick durch den Raum gleiten. Nun, es war
besser als ich erwartet hatte, aber wesentlich schlechter, als ich es gewohnt
war. Niemals würde ich hier duschen gehen. Schnell drehte ich den
Wasserhahn auf und schöpfte ein wenig Wasser mit meinen Händen. Die Kühle
linderte den Schmerz in meinem Gaumen umgehend.
Als ich wieder ins Schlafzimmer trat, lag Annabelle immer noch still auf
dem Bett. Mit dem Pizzakarton in der Hand, stellte ich mich an das Fenster,
begutachtete die Aussicht und aß vorsichtig mein Abendbrot. Wieder einmal
fragte ich mich, worauf ich mich da nur eingelassen hatte. Wie sollte ich
die nächsten Wochen nur überleben? Mein eigentliches Leben würde in der
nächsten Zeit komplett brachliegen. Stattdessen durfte ich einen schwulen Daddy
spielen, der nicht nur das Plastikbaby, sondern auch seinen Freund so unendlich
liebte und vergötterte, dass mir geradezu schlecht wurde, wenn ich nur daran
dachte.
Es war lachhaft und ich hoffte, dass wir bei der ersten Begutachtung von
George aus der Studie flogen. George hatte schließlich schon angekündigt, dass
er uns nicht traute und es sollte doch nun wirklich ein Kinderspiel sein,
ihm seine Meinung zu bestätigen. Es würde sicherlich einige
Schwierigkeiten mit sich bringen, dies meinem Vater mitzuteilen, doch dies war
in meinen Augen das kleinere Übel. Ich setzte mich lieber mit meinem Vater
auseinander, als dass alle Welt dachte, dass ich unter die Schwulen gegangen
war – glaubte ich zumindest.
Gedanklich bereitete ich mich gerade auf das Telefonat mit Bella vor, als
sie mich auch schon anrief. Wie üblich sträubte sich alles in mir, als ich
diesen verdammten Klingelton vernahm, den ich für sie hatte einstellen müssen –
irgendein Mist von Britney Spears, der so hirnlos war, dass man automatisch
nicht hinhörte, was Madame Glatze da von sich gab. „Wo bleibst du?“, ertönte
ihre leise Stimme, kaum, dass ich das Gespräch angenommen hatte.
Ich konnte es genau vor mir sehen, wie sie mit ihrem Lieblingsbuch
– Winnie Pooh – in meinem Zimmer auf dem Bett saß und immer wieder auf die Uhr
sah, während sie auf mich wartete. „Ich komme nicht nach Hause.“ Bella antwortete nicht und ich vermutete,
dass sie davon ausging, dass ich den Abend wieder mit meinen Freunden
verbringen wollte. „Edward, du hast versprochen, dass wir …“, begann sie
seufzend. Wie schon so oft, wünschte ich mir, dass sie einfach mal wütend
werden würde. Mich anschrie oder was auch immer. Aber sie nahm es immer wieder
mit stoischer Gelassenheit hin – ganz gleich, was ich ihr auch zu erzählen
hatte.
„Bella“, entgegnete ich. „Ich werde in nächster Zeit weniger Zeit
mit dir verbringen können.“ Gerade
als ich fortfahren wollte, fing das Ungetüm neben mir wieder herzzerreißend an
zu weinen. „Edward, ist das ein Baby?“ Mit meiner freien Hand versuchte ich den Schnuller wieder in den Mund der
Puppe zu stopfen, doch das Schreien wollte wieder einmal nicht so recht leiser
werden. „Kein richtiges Baby,
sondern eine Puppe“, schrie ich gegen den Lärm an. „Puppe?“ Schon alleine an der Art, wie Bella die Sache
hinterfragte, konnte ich ahnen, wie sie gerade aussah. Mit geöffnetem Mund
starrte sie wahrscheinlich gerade in die Luft. Beinahe konnte ich die Rädchen
in ihrem Kopf quietschen hören.
Schnell ratterte ich ihr meine Pläne für die nächsten drei Monate
herunter. „Oh Gott, wie süß! Du
kümmerst dich die nächsten drei Monate um ein Baby! Wann bringst du es mit
nachhause?“ Bella hatte mir mal
wieder nicht richtig zugehört. Jede andere Frau wäre bei meiner Erklärung, dass
ich die nächsten Monate vorgeben würde, einen Mann zu lieben, aller Wahrscheinlichkeit
nach ausgerastet. Aber Bella hatte schon bei dem Wort Babypuppe aufgehört meiner Schilderung zu folgen.
„Ich liebe für die nächste Zeit einen Kerl und alles, woran du denken
kannst, ist, dich um eine verdammte Puppe zu kümmern?“ Ich schrie immer noch,
zum einen weil ich das Plastikungetüm einfach nicht beruhigen konnte und zum anderen,
weil meine verehrte Lebensabschnittsgefährtin es nicht einmal fertig brachte,
mir auch nur für kurze Zeit aufmerksam zuzuhören. „Du bist doch aber nicht schwul,
oder?“, ertönte es unsicher vom anderen Ende der Leitung.
„Verdammt, nein! Natürlich bin ich nicht schwul, aber alle werden und
sollen es denken“, schimpfte ich und legte einfach auch. Annabelles Geschrei
zerrte an meinen Nerven und allmählich bekam ich einen Eindruck davon, was
Whitlock in der letzten Nacht durchgemacht hatte. Ich schnappte mir Annabelle,
da ich mir nicht weiter zu helfen wusste, und ging, wie ich es schon so oft
gesehen hatte, sie in meinen Armen schaukelnd, durch das Zimmer.
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