Samstag, 4. Juni 2011

Kapitel 10

~ Gaga-Bella, ein Messerblock im Backofen und ein Kompliment der ganz besonderen Art. ~

Jaspers POV

„Das ziehe ich nie und nimmer an!“, platzte Edward heraus, kaum dass er mein neuestes Fundstück aus unserem Studientrolley überhaupt erst erblickt hatte. Ich hob die Augenbrauen, fragte wortlos, ob er wirklich so scharf darauf war, dass ich George anrief und ihm in bester ‚Der Mistkerl hat mir das Herz gebrochen’-Manier theatralisch schluchzend davon berichtete, dass Edward mich soeben verlassen hatte, weil er den Gedanken einfach nicht ertragen hatte, dass ich mit Studienbaby im Arm so viel sexier war als er. Na, zutrauen würde ich ihm ja, dass Edward selbst das als Grund nehmen würde …

„Wer hat dich gerade eben davor bewahrt, deinen ohnehin irgendwo beim Alte-Leute-Bingo gewonnenen Führerschein zu verlieren, Einstein?“, leierte ich genervt herunter. „Und wer von uns hat auf dem Weg hierher irgendetwas gebrabbelt, das vermutlich nur für Taubstumme als ‚Danke’ zu interpretieren gewesen wäre? Wer, frage ich dich, du Schlaumeier, hat dir gerade deinen Arsch gerettet?“ Cullen sah mich finster an. „Lass gefälligst meinen Arsch aus dieser Sache heraus, klar? Insbesondere dann, wenn du dein widerliches SM-Zeug da auspackst!“ Er nickte in Richtung des rosa Trageriemens und ich war sicher, mich gerade ganz gewaltig verhört zu haben.

„Bitte was?!“, schnappte ich halb ungläubig und halb einem ernsthaften Lachanfall nahe. Einsteins Wangen verdunkelten sich um einen Farbton. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist doch völlig … gaga!“, stieß er kopfschüttelnd hervor. Ich legte den Kopf schief, zwang mich krampfhaft, Ruhe zu bewahren. „Wer verwechselt hier denn gerade eine Tragevorrichtung für Babys mit irgendeinem kranken Fetisch-Teil, das bei dir Zuhause ganz gerne Verwendung findet, … Alejandro?“ Cullen schluckte, dann lachte er gekünstelt auf. „Ich bin hier ja wohl nicht derjenige, der gewisse Studien mit einer kostenlosen Dating-Börse verwechselt und jetzt glaubt, nur weil er ein paar armselige Verkehrs-Bullen belabert hat, mit mir den großen Fang gelandet zu haben!“

Ich stöhnte und warf die Haltevorrichtung nach Cullen. „Hätte ich mir ja denken können“, seufzte ich und ließ mich am Küchentisch nieder. „Das hoffe ich doch!“, frohlockte Cullen und warf die Haltegurte mit angeekelter Miene und spitzen Fingern zu mir zurück. Ich duckte mich, ließ die Tragevorrichtung über mich hinwegsegeln und wandte mich dann wütend an ihn: „Du bist nicht nur ein verwöhnter Scheißkerl, der es gewohnt ist, Zucker in den Hintern geblasen zu bekommen. Nein, du bist auch noch ein Bilderbuch-Homophober, der undankbarer ist, als gesetzlich erlaubt sein sollte.“

Einstein klappte die Kinnlade herunter. Aber fertig war ich noch lange nicht. Ich stand auf, ging zu ihm hinüber und bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Erst gestern habe ich mir vorgenommen, mich ab sofort mehr zu bemühen, dich vielleicht in drei Monaten nicht mehr ganz so widerlich zu finden. Erst gestern!“ Cullen schloss den Mund und setzte dann dazu an, mich zu unterbrechen. Ich schüttelte abwehrend den Kopf. „Halt deine scheiß Klappe!“ Seine Augen versprühten Funken der Entrüstung – ich fuhr dennoch fort: „Ich dachte ernsthaft mal, dass es Glück war, das dich die Tage in das erste Meeting dieser verdammten Studie gebracht hat. Glück – klar so weit? Welch ein Witz!“

Er wollte mich schon wieder unterbrechen – ich ließ es nicht zu. „Jetzt frage ich mich, warum ich dort überhaupt hingegangen bin. Warum um alles in der Welt ich diesen Studienmenschen gesagt habe, dass mein Partner die Unterlagen, die ihn betreffen noch nachreicht, obwohl es ihn gar nicht gibt und ich von Anfang an darauf gebaut habe, dass dort noch jemand alleine sitzt, der auf dasselbe hofft wie ich – darauf, dass er spontan einen netten Studienpartner bekommt.“ Ich holte einmal schwer Luft. „Und was bekomme ich?“, fauchte ich dann so deprimiert, dass es schon fast peinlich war. „Ich bekomme dich! Einen vollkommen beratungsresistenten Kotzbrocken, der noch nicht einmal merkt, wie unausstehlich er ist.“

Die Funken in Cullens Augen verloschen und machten für einen Moment etwas Platz, das ich als ernsthafte Verletzung bezeichnet hätte, ehe seine Augen wieder hell aufleuchteten und er lospolterte: „Du kennst mich doch überhaupt nicht!“ Er atmete schwer und wich einen Schritt zurück, wobei meine Hand, die den ausgestreckten Zeigefinger in seine Brust gebohrt hatte, an meine Seite sank. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wie ich bin, wenn man mich nicht gerade grundlos mit deiner Gegenwart bestraft. Verdammt, denkst du ernsthaft, ich bin froh, dass ich es mit dir aushalten muss – dass ich jemals geglaubt hätte, mit dir für die nächsten Wochen festzusitzen? Nein, verflucht noch mal!“

Draußen auf dem Hof kullerte etwas lautstark umher. Wir schenkten dem Geräusch keine Bedeutung. „Und heute“ – Edward schnaufte aufgebracht – „heute bin ich so schnell hergekommen, wie ich konnte. In verdammten Badeschlappen!“ Er deutete auf seine Schuhe. „Ich war erschöpft, weil du mir pausenlos mit dieser Puppe in den Ohren liegst. Erschöpft! Und trotzdem hab ich mich, so schnell ich konnte, auf den Weg hierher gemacht, klar?“ Ich hörte einen leisen Fluch oder glaubte zumindest einen zu hören – von der Haustür her. „Eddyschatz?“, rief urplötzlich eine hohe Stimme von genau dort her, wo ich gerade den Fluch zu hören geglaubt hatte.

Edward, der gerade dazu angesetzt hatte, weiter zu jammern und zu klagen, verdrehte entnervt die Augen und rief: „Ich kann jetzt nicht, Bella!“ Verdutzt sah ich ihn an. Er seufzte. „Was ich eigentlich gerade … Warum guckst du mich so dämlich an?“ Ich zog die Augenbrauen noch höher, so dass ich sicher war, dass sie gleich in meinem Haar verschwinden würden. Ich sagte nichts. Cullen sah mich missbilligend an, dann erstarrte er, wirkte verwirrt, dann geschockt und schrie dann völlig entgeistert über seine Schulter hinweg in Richtung Haustür: „Was zum Teufel machst du denn hier, Bella?!“ Oh ja, eine wirklich kurze Leitung hatte unser Einstein wirklich nicht.

Ehe ich ihn fragen konnte, ob das da draußen vor der Tür am Ende wirklich noch seine Freundin war, hatte er den Weg eben dorthin bereits halb hinter sich gebracht. Seufzend trottete ich mit verschränkten Armen hinterher und sah dabei zu, wie Edward die Tür aufriss. Als ich neben ihn trat, starrte er gerade verblüfft auf ein brünettes Mädchen hinab, das ihn triumphierend anstrahlte. Ich tippte an meinen imaginären Hut, schenkte ihr ein schiefes Lächeln und lehnte mich an den Türrahmen. „Schätzchen.“ Sie wandte sich von Edward ab und starrte mich mit offenem Mund an. Ich hielt ihr geflissentlich meine Hand hin. „Whitlock. Jasper Whitlock.“

Ich sah sie schlucken und dann schwerfällig nicken. „Bel … Isabella Swan. Sehr … angenehm.“ Ich zwinkerte ihr zu und sie lief knallrot an. Das wiederum brachte Edward wieder zu sich. „Was zum … Was machst du hier?“, brauste er ungehalten auf. Bella wandte widerwillig den Blick von mir ab und sah Edward verträumt an. Und dann – dann sagte sie etwas, was in meinen Ohren einfach unglaublich komisch war.

„Ich hab dein Handy geortet.“ Ich hustete heftig, um das in mir aufwallende Lachen zu übertönen. Bella warf mir einen verdutzen Blick zu, ehe Edward wieder ihre Aufmerksamkeit erringen konnte, indem er lauthals hervorstieß: „Was hast du getan?!“ Bella blinzelte und nickte dann in Richtung der Stelle, wo die Auffahrt endete und die Straße begann. Dort stand ein kanariengelber Porsche, aus dem uns jemand zuwinkte. Jemand, der ziemlich irre wirkte, kurzes schwarzes Haar hatte und, wie um ihr Erscheinungsbild zu unterstreichen, vollkommen frenetisch mit ihrer kleinen Hand wedelte. „Alice hatte die Idee und ich fand sie gut.“ Na, das glaubte ich ihr aufs Wort!

„Bella, du kannst doch nicht …“, stammelte Einstein und rang sprachlos die Hände. Ich rammte ihm unauffällig meinen Ellenbogen in die Seite. „Sie kann, wie du siehst“, fasste ich das Offensichtliche in Worte und Bella nickte, stimmte mir begeistert zu. Cullen warf mir einen wütenden Blick zu, ehe er gleichzeitig mit mir zu sprechen begann: „Schön, Bella. Fahr wieder nachhause“, sagte er. „Komm doch rein“, sagte ich. Unsere Blicke trafen sich, meiner überaus amüsiert, seiner ernsthaft angenervt. „Keine gute Idee“, knurrte er beinahe. „Ach was!“ Ich wedelte seinen Protest mit meiner linken Hand weg, während ich Bella den rechten Arm um die Schultern legte und sie ins Haus bugsierte.

Ich führte unseren Besuch in die Küche und musste ein Lachen unterdrücken, als Edward hinter Bellas Rücken seiner Wut freien Lauf ließ, mir ein ums andere mal den Vogel oder den Mittelfinger zeigte, lautlos tobte, als wäre nur die Anwesenheit seiner Freundin der Grund dafür, dass er mir den Hintern nicht versohlte. Hintern. Schon wieder. Ich runzelte im Geiste die Stirn, über so viel worttechnische Gegenwart des buchstäblich Allerwertesten.

„Möchtest du was trinken?“, erkundigte ich mich, ganz der Charme in Person. Klein-Bella strahlte und sah mich an, wie ein Stück Fleisch wohl von einem völlig ausgehungerten Rottweiler betrachtet wurde – kurz bevor er es in einem Haps verschlang. Na, gute Güte, Einstein, lässt du deine Süße zuhause etwa auf dem Trockenen sitzen, oder was? Ich lachte verhalten in mich hinein, als ich Bellas Wunsch nach einer Tasse Kakao nachkam. Während ich den Milchtopf samt namensgeblichem Inhalt auf den Herd stellte, fragte ich beiläufig: „Du auch einen Kakao, mein scharfer Hengst?“

Ich warf einen Blick über die Schulter. Ein Bild für die Götter, wahrhaftig. Cullen war hinter Bella gerade mitten in der Bewegung erstarrt. Noch immer mit stocksaurer Miene, die Arme beide wütend erhoben, lief er ganz langsam ziegelrot an und starrte mich völlig perplex an. Volltreffer. „Edward?“ So, wie Bella seinen Namen aussprach, klang es eher wie Ed – was soll der Mist? – ward. Ich schmunzelte sie kurz an und machte mich dann daran, Tassen aus dem Küchenschrank zu nehmen.

„Whitlock leidet unter Wahnvorstellungen“, stammelte Einstein gerade vor sich hin, als ich das Kakaopulver in die Tassen gab. Ich grinste. „Denk bitte daran, nachher noch im Schlafzimmer ein wenig Ordnung zu schaffen, ja? Wenn du in Fahrt bist, fliegen ja immer die Fetzen.“ Stille. Dann: „Achsoooooo!“ Ein Kichern. Ich schaltete die Herdplatte, auf der die Milch gerade aufschäumte, aus und wandte mich um, lehnte mich lässig an den Küchenschrank. Bella zwinkerte mir zu und sagte dann verschwörerisch aber nicht besonders intelligent: „Eddy hat mir schon gesagt, dass ich ihn in den nächsten Wochen teilen muss. Ich finde das wirklich interessant, musst du wissen.“

Edward fuchtelte hinter ihr wild mit den Händen. Allmählich bekam der werte Herr scheinbar Panik. Ich lächelte und setzte mich vertraulich neben Bella. „Findest du, ja?“ Ich neigte den Kopf in ihre Richtung. Sie schluckte laut und nickte dann. „Ich finde es nur fair. Immerhin weiß Edward ja auch, dass ich vor drei Monaten mit Alice …“ Edward knallte sich überraschend lautlos die Hand vor die Stirn, verzog schmerzhaft das Gesicht und schloss fest die Augen. Aha. Vor drei Monaten also … interessant. „Ja, Bella?“, ermutigte ich sie zum Fortfahren. Sie atmete einmal tief durch. „Wir haben ein bisschen rum gemacht“, gestand sie dann, wurde rot und kicherte verlegen. Herzallerliebst. Edward sah aus, als wollte er sich gleich am Messerblock bedienen und ein Blutbad anrichten – mit Bella als Hauptgang und mir als anschließendes Opfer seiner ‚Alles deine Schuld’-Rede.

Ich erhob mich, gab Milch in die drei Tassen und verstaute den Messerblock möglichst unauffällig im Backofen. Dann setzte ich mich wieder an den Tisch. „Edward, setz dich doch“, drängte ich ihn breit lächelnd. Er zog sich grob einen Stuhl heran, ließ sich darauf fallen und sah mich feindselig an – bis Bellas Blick zu ihm wanderte und er plötzlich wieder lammfromm drein sah. „Ich denke, du solltest jetzt gehen“, schnurrte er beinahe und blinzelte dabei so unschuldig, als wäre es gerade nicht er gewesen, der sich mit dem Gedanken getragen hatte, seine so genannte „Freundin“ in den Hauptbestandteil von Hackbällchen zu verwandeln.

„Du willst Bella doch nicht etwa aus dem Haus haben – oder, mein wildes Betthäschen?“ Ich sah ihn über den Rand meiner Tasse hinweg so unschuldig an, dass vermutlich sogar der große böse Wolf mit Rotkäppchen, äh, natürlich Jasper Mitleid gehabt hätte. Wenn ich Cullens Gesicht so betrachtete, so sah seine völlig verkrampfte Miene dann doch nach ziemlichen Schmerzen aus. Jedem das, was er verdient hatte. „Bella wird jetzt gehen“, stieß er heiser vor Wut hervor.

„Aber wieso das denn?“ Jetzt quälte er sich allen Ernstes ein Lächeln ab. „Weil ich dich ganz für mich alleine haben will, mein Kuschelbär.“ Dass der Kakao nicht postwendend den Notausgang durch meine Nase nahm, grenzte an ein gottverdammtes Wunder. Aber ehe ich Cullen fragen konnte, ob er wohl etwas dagegen hatte, wenn wir diese Zeit der Zweisamkeit auf ein Threesome ausweiteten – Edward, ich und der Messerblock zu meinem Schutz –, erhob sich Bella. Verräterin!

Mit einem völlig dummdämlichen Grinsen sah sie uns nacheinander mit wackelnden Augenbrauen an. „Da nehmen aber zwei ihre Studie äußerst ernst“, neckte sie allen Ernstes und fügte wahnwitziger Weise auch noch hinzu: „Ruft einfach an, wenn ihr mich braucht.“ Sicher. Kurz darauf war sie verschwunden und zwischen Cullen und mir gab sich die berühmt berüchtigte Ruhe vor dem Sturm die Ehre. Zumindest so lange, bis mein Zwerchfell aufgab.

„Deine Freundin gefällt mir“, japste ich und brach in zu lange unterdrücktes, völlig ausuferndes Gelächter aus. Cullen knurrte und sah sehnsüchtig in Richtung Backofen. Vorsichtshalber schob ich mich samt Stuhl vor die Luke und verschränkte die Arme, machte mich noch immer glucksend daran, Edward die Highlights der vergangenen Minuten noch einmal vor Augen zu führen.

„Deine Freundin hat dich mit dieser Bekloppten draußen im Porsche betrogen. Sie hat kein Problem mit der Vorstellung, dass sie dich mit mir teilen muss. Und sie hat uns gerade angeboten, uns im Bett Gesellschaft zu leisten.“ Das war zu viel. Ich fing schon wieder zu lachen an. „Führ dieses Mädchen nie wieder als Grund dafür an, dass du keine Zeit für Annabelle hast. Wenn du sie lassen würdest, wäre deine Liebste sicherlich gerne Teil des Teams – und ganz sicher in jeder nur denkbaren Weise.“

„Jetzt reicht’s!“, fuhr Einstein auf und war mit einem Ruck auf den Beinen, den irren Blick auf den Backofen gerichtet und ein geknurrtes „Mach dich schon mal auf was gefasst!“ auf den Lippen. Noch immer überdreht erhob ich mich ebenfalls und fasste Cullen genau ins Auge, breitete die Hände aus und ging leicht in die Knie. „Komm schon“, lockte ich ihn und grinste ihn breit an.

Cullen schnaubte nur und sah mich an, als plante er bereits ein möglichst blutiges Ende für mich. Wir tänzelten um den Tisch herum, wobei ich jedoch penibel, wie Mama es Klein-Jasper beigebracht hatte, darauf achtete, dass Edward dem Backofen samt einschneidendem Inhalt nicht zu nahe kam. „Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Edwards nicht!“, murmelte ich halb knurrend vor mich hin, als ich gerade einen besonders gewagten Versuch von Cullen vereitelte, an das Messersortiment zu gelangen.

„Du bist doch so ein … so ein …“, stammelte Edward wutentbrannt, wobei er sich allerdings nur noch mehr lächerlich machte. „Dorfdepp!“, stieß er dann zudem noch äußerst triumphierend hervor, was die ganze Situation nicht so wirklich verbesserte. „Houston ist größer als eure verdammte Familienfestung, du Arschkriecher. Ich möchte ja doch arg wetten, dass du die ersten Jahre – also bis jetzt – noch keine Ahnung von dem hattest, was andere – normale – Leute Leben nennen!“

Der entrüstete, ja höchst beleidigte Ausdruck, der auf meine Worte hin auf Cullens Gesicht trat, war zum Totschießen. Ich verkniff mir aber – so, wie Grandma Whitlock zu sagen pflegte – den Triumph über den weit Unterlegenen und schluckte mein Lachen unter Mühen hinunter. „Vielleicht solltest du mir dafür dankbar sein, dass du mit mir endlich mal jemanden in deinem Leben hast, der nachts nicht von Dollarnoten träumt und dessen Leben nicht aufs Winzigste geplant ist. Scheißlangweilig ist das übrigens, Einstein. Richtig armselig.“

Das war es, was den Ausschlag gab. Auch wenn Cullen eindeutig den Begriff Sport kannte, wenn man sich ihn mal genauer beguckte, hätte ich doch angezweifelt, was ich nun wie in Zeitlupe vor mir sah. Nämlich: Edward Cullen, der mit einem Satz über den Tisch setzte und mich schlichtweg umwarf. Wie ein Bulldozer. Ein knurrender Bulldozer, der auf Tuchfühlung ging.

Als wir zu Boden gingen, wich alle Luft aus meinen Lungen und wurde auch nur reichlich dürftig erneuerte, da Einstein die Idee, mich mit seinem Körper auf den Boden zu drücken, scheinbar für definitiv genial hielt. Ich atmete flach und brauchte einen Moment, ehe ich genug Sauerstoff getankt hatte, um Cullen zu übermitteln, was ich von seinem unsportlichen Verhalten hielt. Ja, ganz richtig – unsportlich.

„Jetzt hast du keine große Klappe mehr, was?“, stieß Mr. Unsportlich aber gerade hervor, als ich meine Gedanken in Worte fassen wollte. Seine Nasenspitze war von meiner nur etwa drei Zentimeter entfernt, so dass ich riechen konnte, dass er vor kurzer Zeit ein Bananenkaugummi gegessen hatte. Hatte ich schon erwähnt, dass Banane mein Lieblingskaugummi …? Ehe ich diesen Gedanken weiter vertiefen konnte, räusperte ich mich, so gut es mir in meiner derzeitigen Situation möglich war und trat die Flucht nach vorne an. Und zwar richtig.

„Na, na, na, Einstein!“, tadelte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das Wort „Vorspiel“ ist dir also auch noch fremd wie es scheint, was?“ Cullen erstarrte in seiner eigenen Verblüffung. Gut so. Ich fuhr fort: „Ich wusste ja von Anfang an, dass du – wie jeder andere Mensch oder Cockerspaniel-Rüde – scharf auf mich bist – aber so eilig? Also nein, mein Süßer, so leicht bin ich nun auch nicht zu haben.“ Ungebetener Weise suchte sich mein Hirn ausgerechnet diesen Augenblick aus, um mich daran zu erinnern, wie gut sich Jacob angefühlt hatte. Damals.

Ein unerwartetes Kribbeln begann in meinen Fingerspitzen und breitete sich innerhalb von Wimpernschlägen über meinen ganzen Körper aus. Ein Wunder, dass ich nicht lauthals summte! Ich schluckte unsicher und wurde mir plötzlich dessen bewusst, dass Edward zwar noch immer sein Bestes gab, um einer Salzsäule ihren Job streitig zu machen, seine Augen jedoch direkt in meine blickten. Flucht nach vorne!, mahnte ich mich eindringlich.

„Aber wenn ich mal darüber nachdenke …“ Ich grinste anzüglich, fuhr mir mit der Zungenspitze über die Unterlippe und überkreuzte meine Knöchel in Edwards Rücken, wobei ich es mir jedoch auch nicht verkneifen konnte, ihm meine Oberschenkel fest in die Seiten zu drücken. „Eigentlich mag ich Spontanität ja“, hörte ich mich wie durch einen dichten Nebel selbst sagen. „Und Experimentierfreudigkeit.“ Was zum Geier redete ich da?

Cullen murmelte etwas Unverständliches, während er die Hände zu beiden Seiten meines Kopfes abstützte und mir so wieder ein wenig Freiraum gewährte. Ungewollt hob ich die rechte Hand und fuhr mit der Spitze meines Zeigefingers die Konturen seiner Lippen nach. Was zum …?! Cullen lächelte erwartungsvoll und ich musste grinsen. Grinsen?! What the f- Cullen beugte sich zu mir hinab, nahm mir den Freiraum, den er mir gerade erst gewährt hatte, gleich wieder weg.

Kaum merklich wanderten seine Lippen über meine linke Wange und hinterließen ein ungemein durchdringend anregendes Brennen. Dann hatte er mein Ohr erreicht. „Weißt du eigentlich, dass du schon irgendwie aussiehst wie Brad Pitt?“, raunte er mir spielerisch zu. Ich gluckste und konnte außer meinem donnernden Herzschlag gar nichts hören. Nur fühlen. Edwards Atem an meinem Ohr. „Zumindest wenn Brad Pitt gestorben wäre – vor 5 Jahren oder so. Ja, dann sähest du ihm jetzt ganz bestimmt ähnlich.“ Und mit diesen Worten stand der Mistkerl einfach auf, kichernd wie ein Irrer, warf mir einen Handkuss zu und stiefelte zur Tür hinaus.

Kapitel 9

~ Schlingpflanzen-Bella, Los Angeles’ next Scheiß-Bullen und ausgerechnet Hilfe vom personifizierten Chaos. ~

Edwards POV

Ich schlief unruhig bis ganz und gar nicht, was wohl vermutlich – nur möglicherweise, eventuell – auch damit zusammenhing, dass Bellas Arme, die um meinen Oberkörper lagen, im Verlauf der Nacht ganz allmählich das Verhalten handelsüblicher Schlingpflanzen annahmen, die man ganz gerne verwendete, um Leute, die man nicht ganz so gut leiden konnte, aus dem Weg zu schaffen. Gegen drei Uhr morgens hatte ich das sichere Gefühl, dass Bella eindeutig wieder zu lange im Gym gewesen und dort mit Hanteln herumexperimentiert hatte, was mich vermutlich letzten Endes noch umbringen würde.

Nach Luft schnappend, blinzelte ich um mich und entdeckte den übergroßen Teddy auf dem Sessel neben dem Bett, den Bella erst vor ein paar Tagen angeschleppt hatte. Unter Mühen griff ich danach, wobei ich zusätzlich auch noch Gefahr lief, mein wertes Gehör zu verlieren, hielt meine liebe Bella doch ganz und gar nichts davon, sich endlich eines dieser Nasenpflaster zu besorgen, dass mich ihr Schnarchen nicht andauernd ertragen lassen würde. Mit einer schier unmenschlichen Kraftanstrengung gelang es mir, mich aus Bellas Klammergriff zu befreien und ihr stattdessen den Teddy zum Erwürgen zu überlassen.

Ich glitt vom Bett, redete mir fortlaufend fast lautlos ein, dass Bella einfach nur … speziell war und drehte mich dann noch einmal zum Bett um. Auch wenn es recht dunkel war im Zimmer, sah ich doch viel zu genau, was Bella da gerade veranstaltete. Sie rammte dem Teddy den Ellenbogen gegen das Kinn, schnarchte laut auf und verpasste ihm dann ganz im Schlaf einen ziemlichen Mörder-Kick mit dem Knie genau dorthin, wo es dem Teddy, wäre er ein ganzer Kerl, vermutlich verdammt wehtun würde. Ich schluckte fest, verdrängte stirnrunzelnd den Gedanken, was wohl gewesen wäre, wenn Teddy nicht gerade die Prügel eingefahren hätte und ließ Bella schnarchend und sich des Teddys in ihren Armen offenkundig kein Bisschen bewusst alleine.

Im Flur war es ein wenig heller, so dass ich nicht völlig ahnungslos einher stolpern musste. Ich ging nicht allzu weit, verließ nur den Korridor, in dem mein Schlafzimmer lag und bog in den ein, der in die vordere Hälfte des Hauses führte. Dort öffnete ich die Tür unseres kleinsten Gästezimmers und ließ mich aufs Bett fallen, wobei ich der Tür allerdings zuerst noch einen Tritt verpasste, die sie ins Schloss fallen ließ. Ohne die Laken zur Seite zu schieben, blieb ich einfach auf der Tagesdecke liegen, das Gesicht im Kissen vergraben und wollte einfach nur schlafen. Ganz ohne Umklammerung. Ganz ohne Dauerbeschallung dank Bella.

Das nächste, das ich bewusst wahrnahm, war die Wärme eines Körpers, der nahe bei mir am Feuer saß. Am Feuer? Ich blinzelte verwirrt und musste dann feststellen, dass das flackernde, Wärme spendende Etwas vor mir tatsächlich ein Lagerfeuer war. Merkwürdig. Und jetzt bewegte sich dieser Jemand neben mir auch noch. Ich sah zur Seite und verstand. Ein Traum. Scheiße. Ein Traum … äh oder besser ein Traum von einer Erinnerung. Immerhin saß niemand anders als Alec Judas neben mir. Und auch wenn das hier ganz eindeutig ein Traum war – an meiner Nervosität änderte das nicht das Geringste.

Mit Mühe hörte ich auf, das vom Licht des Feuers erleuchtete allzu bekannte Gesicht anzustarren und blickte stattdessen auf meine im Schoß verschränkten Hände. Alec. Der Schopf dunkelblonden Haares, die feilchenblauen Augen mit den grünen Tupfen rund um die Pupille. Alec, der damals wie heute satte vier Jahre älter war als ich. Alec, dessen gebräuntes Gesicht unzählige Grübchen erschuf, wenn er grinste oder gar lachte. Alec, der …

„Edward, wenn Ihnen kalt ist, sollten Sie ins Zelt gehen.“ Mein Blick schoss nach oben, traf auf die Augen, über die ich damals, vor mehr als sechs Jahren viel zu viel gegrübelt hatte und fand sie besorgt vor. Natürlich. Immerhin wurde Alec dafür bezahlt, dass er sich um mich sorgte. Ich räusperte mich mit trockener Kehle und krächzte mehr als dass ich vernünftig sprach: „Nein, nein. Ich … Ich bin okay. Danke.“ Scheiß Stimmbruch! Da hätte ich doch beinahe vergessen, wie verdammt beschissen ich damals geklungen hatte. Wie jemand, nachdem man ihm versehentlich statt der Mandeln etwas anderes, möglicherweise Wichtigeres weggeschnippelt hatte – ja, ich weiß, Teddy; ich leide mit dir.

Alec sah auf seine Armbanduhr und seufzte dann. „Aber ich denke, es wird ohnehin Zeit, dass Sie ins Bett gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ihrem Vater nicht gefallen würde, wenn Sie so lange aufblieben.“ Er schenkte mir ein Schmunzeln und erhob sich. Wie damals, bekam ich auch dieses Mal, in meiner Erinnerung, meinem Traum, Panik, konnte ganz einfach nicht verhindern, was ich tat, was ich sagte. „Kommst du mit? Ich meine … es ist kalt.“ Ich wagte nicht, ihn anzusehen, wusste aber sehr gut, dass er stehen geblieben war.

„Was … was hast du gesagt?“, fragte er schließlich ganz leise. Ich stand auf, reckte das Kinn vor und sah Alec direkt an. „Es ist mir zu kalt – also im Zelt, ganz alleine.“ Alec biss sich auf die Unterlippe, senkte kurz den Blick und sagte dann ein wenig lauter als zuvor: „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“ Mir sank der Mut. „Ich … dachte ja nur. Ich meine, weil … Also, ich dachte …“ Damals hatte ich tatsächlich noch die ziemlich nervtötende Angewohnheit gehabt, mich gleich für alles schuldig zu fühlen. Selbst dafür, dass ich Alecs Haltung mir gegenüber ein wenig missinterpretiert zu haben schien. Gott sei Dank war das jetzt vorbei – denn wer wusste schon, wie sehr Whitlock diese Eigenart ausgenutzt hätte? Ja, vermutlich hätte ich drei Monate hindurch vierundzwanzig Stunden täglich ein Plastikbaby am Hals, während er mit seiner verdammten Harley die Route 66 runter bretterte.

„Was hast du gedacht, Edward?“ Alecs Augen sahen fragend, aber auch unsicher aus, als er das fragte. Ein Teil von mir schöpfte neue Hoffnung, weil er mich immer noch duzte. Und mit diesem Teil machte ich erste Schritte in Richtung meines heutigen Selbst. Ich überbrückte die Distanz zu Alec und sah ihm ruhig in die Augen. „Ich dachte, du siehst mich ein bisschen häufiger an, als alle meine anderen Babysitter.“ Ich sah, wie er schluckte, hervorbrachte: „Ich bin nicht dein Babysitter. Deine Eltern wollten nicht, dass du ganz alleine hier heraus fährst und haben mich engagiert, dich zu begleiten, das … Ich bin nicht dein Babysitter.“

Ich legte den Kopf schief. „Wenn du das nicht bist, Alec – dann würdest du es mir auch sagen, wenn du …“ Ich schmunzelte leicht, ehe ich fortfuhr: „Wenn du mich anstarren würdest, immer dann, wenn du glaubst, ich würde es nicht bemerken, nicht wahr?“ Er schluckte erneut krampfhaft, doch dieses Mal folgte darauf keine Erwiderung. Ich wollte gerade triumphieren, als er resigniert sagte: „Du bist sechzehn, Edward.“ Meine Miene verfinsterte sich. „Ich bin kein Kind mehr“, knurrte ich beinahe. Jetzt lächelte Alec leicht. „Nein“, gab er zu. „Aber du bist vier Jahre jünger als ich. Das ist es, was zählt. Das und die Tatsache, dass es nicht zählt, was du willst, so lange dein Vater mich für jeden Gedanken verklagt.“

Ich schob das Kinn noch ein wenig weiter vor. „Mein Vater ist jetzt nicht hier, Alec“, merkte ich nun doch reichlich impulsiv an. „Und ich will eigentlich nur wissen, ab du mir auf den Hintern guckst oder nicht!“ Alecs Wangen färbten sich rosa und er senkte den Blick. „Okay.“ Ich grinste. „Dann bringen wir es hinter uns, was?“ Alecs Blick schoss verwirrt nach oben. Ich fuhr mit der rechten Hand in sein Haar, das sich so viel besser anfühlte, als ich es mir je erträumt hatte, zog ihn zu mir heran, schloss die Augen und drückte meine leicht geöffneten Lippen auf seine. Kein Protest, kein Versuch, die Ordnung wiederherzustellen, die ich gerade ziemlich grob über Bord geworfen hatte.

Und dann war es plötzlich verschwunden, das Gefühl von Alecs weichen Lippen auf meinen, das Kribbeln in meiner Magengegend. Einfach weg. Genau wie der Rest des Traums. Ich blinzelte unwillig und blickte direkt in das grelle Licht der Morgensonne, die durch das große Fenster hereinfiel. Aber das war nicht alles. Natürlich musste sich auch noch Bella auf das Bett fallen lassen, als ich gerade realisiert hatte, dass ich inzwischen ein paar gute Jahre älter war als damals und keinesfalls wieder vorhatte, einen anderen Mann zu küssen. Nicht mal … Plumps! „Schatzi, warum haust du immer ab, sobald ich eingeschlafen bin?“, schmollte Bella und verwuschelte mir mein Haar.

Ich unterdrückte ein Stöhnen, das sowohl Bellas nervtötender Angewohnheit, mir immer durch die Haare zu fahren, geschuldet war, wie auch dem Fakt, dass ich gerade glatt vergessen hatte, dass ich außer Alec sehr wohl noch einmal einen Mann geküsst hatte – nämlich niemand anderes als dieses Ekel Whitlock. Aber irgendwie machte mir das ja schon zu schaffen. Immerhin war das mit Alec … Ich runzelte die Stirn und rappelte mich auf, schob Bella ein wenig von mir und fuhr mir durchs Gesicht, um mich ein wenig zu sammeln. Ja, was war das mit Alec gewesen? Ein Campingausflug in die Rocky Mountains, auf den ich bestanden hatte, weil ich gewusst hatte, dass sie Alec mit mir schicken würden, genau, wie sie es peinlicherweise auch bei der Geburtstagsparty meines besten Freundes Emmett getan hatten. Mehr nicht. Oder?

„Gehen wir heute mal gemeinsam etwas Essen?“, drängelte Bella, während sie mein T-Shirt zurechtzupfte – wie ich das hasste. „Nein“, antwortete ich betont zwanglos und nicht einmal ansatzweise so angepisst wie ich gerade eigentlich war. „Du weißt doch, dass ich vorerst keine Zeit dafür habe, mit dir frühstücken zu gehen.“ Ich rutschte vom Bett und ging zur Tür … und erstarrte bei den Worten, die Bella als nächstes von sich gab. „Wieso denn frühstücken, Eddy? Ich will doch nicht um halb zwei Uhr mittags frühstücken gehen!“ Sie schnaubte entrüstet darüber, dass ich sie tatsächlich für so seltsam gehalten hatte. Nein, nicht seltsam. Nur ein bisschen zurückgeblieben.

Ich wirbelte herum. „Was?“, stieß ich geschockt hervor. „Es ist schon Mittag?“ Bella betrachtete eingehend ihre Fingernägel, ehe sie sich zu einer Antwort herbei ließ. „Ja“, versetzte sie beleidigt, stand auf und ging reichlich angefressen zum Fenster, wo sie zweifelsohne darauf warten würde, dass ich mich vor ihr in den Dreck kniete und ihre Hoheit darum anflehte, mir zu verzeihen – für was auch immer es jetzt wieder sein würde. Ich beschloss, dass Bella vor dem Fenster ganz gut aufgehoben war und rannte aus dem Zimmer, während Whitlocks Worte von gestern Abend in meinem Kopf nachhallten. „Einstein, du stehst gefälligst morgenfrüh hier wieder auf der Matte! Und wage es ja nicht, für mich nicht erreichbar zu sein“, hatte er verlangt.

Toll. Und ich hatte nicht nur bis Mittag geschlafen, sondern auch mein verfluchtes Handy bei Bella im Zimmer gelassen – nicht dass meine Liebste auch nur etwas anderes als ein Presslufthammer unmittelbar neben ihrem Ohr aufwecken konnte, sobald sie mal schlief, klammerte und Nasenstüber und weitaus unangenehmere kleine Zärtlichkeiten austeilte. Ich rannte durch den Flur, rutschte barfuß über Teppich und Fliesen und stürmte dann in mein Schlafzimmer, wo ich dem reichlich zerzaust aussehendem Teddy nur einen flüchtigen Blick schenkte. Meine ganze Aufmerksamkeit galt eher dem Handy, das auf dem Nachttisch lag und das, sobald ich es zur Hand genommen hatte, nicht weniger als ein sattes Dutzend unbeantworteter Anrufe von Whitlock für mich bereit hielt.

Ich fluchte, schnappte mir die Jeans vom Boden, zog ein Shirt aus dem Schrank und machte mich auf die Suche nach ein paar Schuhen. Das Ergebnis dieser Suche waren allen Ernstes Badeschlappen. Badeschlappen, ganz recht. Ein erneuter Blick auf die Uhr, die gerade stark auf Viertel vor zwei zutickte und ganz plötzlich waren die Badeschlappen die besten Schuhe, die ich je gesehen hatte. Ich schlüpfte hinein, schob das Handy in die Hosentasche und rannte los. Durch den Korridor, um die Ecke und … „Aaaaaaaaah!“ … Bella einfach um. „Tschuldige“, nuschelte ich hastig, machte mir aber nicht die Mühe, sie von der mannshohen, bedrohlich hin und her schwankenden Bronzevase zu befreien – oder eher anders herum.

„Edward!“, kreischte Bella in Panik, als ich gerade die Haustür erreicht hatte. Dann war ein lautes, metallisches Scheppern zu hören, das von Bellas Flüchen und Geschrei fast noch übertönt wurde. Ich zuckte nur die Achseln, joggte die Eingangstreppe hinunter, über die mit Kies bestreute Auffahrt und hinüber zu meinem Volvo, wobei ich mich wunderte, was um Himmels willen mich gestern Nacht nur geritten haben musste, so dass ich mein treues Auto fast in einer Hecke geparkt hatte. Irritiert aber nach wie vor in Eile quetschte ich mich zwischen den Ästen hindurch und glitt hinters Steuer.

Momente später setzte ich so eilig zurück, dass Kies nach allen Seiten spritzte, drehte die Musikanlage auf, wendete und rauschte die Auffahrt hinunter. Auf der Straße legte ich noch einmal an Speed zu und überfuhr gut ein halbes Dutzend orangefarbener und roter Ampeln, die für meinen Geschmack zu langsam schalteten. Als ich dann einer alten Dame samt Rollator die Vorfahrt über einen Zebrastreifen nahm, war das vorerst einmal das Ende meiner Eile. Denn kaum hundert Meter weiter bedeutete mir ein winkender Polizist am Straßenrand, rechts ranzufahren. Großartig.

Als ich auf den Seitenstreifen fuhr und den elektrischen Fensterheber betätigte, rang ich um eine Ausrede, die überzeugend genug war, um mich aus dieser völlig bescheuerten Situation wieder herauszumanövrieren. Der ältliche Polizist, der mich rausgewinkt hatte, trat zu mir, eine strenge Miene zur Schau tragend, ehe ich mich entscheiden konnte. „Junger Mann, Sie wissen, dass das, was Sie soeben getan haben, strafbar ist?“ Ich setzte eine Unschuldsmiene auf. „Was denn, Officer?“ Oldies Miene wurde finster und er brummelte etwas über die Jugend von heute.

„Sie haben der alten Dame gerade eben auf dem Zebrastreifen beinahe die Spitzen ihrer Ökolatschen abgefahren“, grummelte er miesepetrig. „Sir, ich habe es eilig, müssen Sie wissen.“ Ich blinzelte ihn an. Warum musste ich hier auch ausgerechnet so einen alten Knochen stehen haben, statt einer dieser blutjungen Anfängerinnen in der Riege der Verkehrspolizisten? Ich ging jede Wette ein, dass ich bei einer dieser Damen längst bei Whitlock angekommen wäre. „Schön, schön, schön“, empörte sich Oldie und stemmte die feisten Hände in die Hüften, was seinen Bierbauch geradezu unverschämt betonte. „Wir hatten es also eilig, Söhnchen. Was du nicht sagst!“

„Ich …“, begann ich ganz allmählich ehrlich genervt vom Gebaren des so genannten Arms des Gesetztes. Dass ich gar nicht erst damit anfangen konnte, den Herrn darauf aufmerksam zu machen, dass die Anwälte meines Vaters bisher noch jeden Prozess gewonnen hatten, daran trug jedoch ganz allein Jasper Whitlock Schuld. Weil er mich gerade anrief, zum verflixten dreizehnten Mal. „Moment, bitte“, stöhnte ich fast, zog das Handy aus der Hosentasche und nahm den Anruf an. „Du hast noch zwei Minuten, dann darfst du Daddy erklären, dass du ein Versager bist!“, fauchte Whitlock sogleich statt einer Begrüßung, was wieder einmal bewies, dass sich mit so etwas nur normale Menschen aufhielten – und Idioten wie Whitlock waren nun mal nicht normal.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Partner des übereifrigen Verkehrspolizisten sich zu ihm gesellte – und beide beäugten sie mich. „Schatz, ich weiß, dass du Angst davor hast, das Baby zu wickeln“, säuselte ich einer plötzlichen Eingebung folgend. Einen Moment verschlug es Whitlock die Sprache. Dann: „Was zum Teufel redest du da für einen Mist, Einstein? Bist du jetzt endgültig durchgeknallt?“ Ich schluckte meine Wut hinunter. „Nein, Schatzi. Natürlich bin ich gleich bei dir und pass auf euch auf. Ich weiß ja, dass du dich ohne mich mit dem Baby nicht vor die Tür traust, weil du denkst, die Leute könnten mit Bratpfannen nach dir werfen.“

„Ich weiß nicht, was du da gerade redest, Schnösel. Aber ich weiß, dass ich jetzt auflegen und gleich George anrufen werde. Ja, genau das werde ich tun, du Schlaumeier!“ Seine Stimme war leise vor Wut. Ich schluckte krampfhaft und stammelte vollkommen hilflos: „Ich hatte es zu eilig, zu dir zu kommen und bin in eine Verkehrskontrolle geraten. Es tut mir leid, mein Schatz.“ Stille. Ein Lachen. Ein Prusten. „Nicht dein Ernst!“, japste Whitlock und klang dabei, als bekäme er kaum Luft vor lauter Amüsement über meine derzeitige Lage. Scheißkerl!

„Junger Mann, wir haben nicht ewig Zeit. Legen Sie bitte auf, steigen Sie aus und legen uns bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere vor.“ Die Frauenstimme ließ mich herumfahren. „Wo?“, fragte Jasper glucksend. „Zwei Blocks“, antwortete ich fahrig, ganz ohne nachzudenken und legte auf. Die Frau, hatte sich ihr Haar so hoch gesteckt, dass man sie auf den ersten Blick für einen Mann halten konnte. Aber ihren Kurven nach zu urteilen war sie eindeutig weiblich. Danke, lieber Gott! Ich kramte die Dokumente aus dem Handschuhfach, stieg aus und zog den Geldbeutel aus der hinteren Hosentasche. Dann überreichte ich Lady Officer mit reumütigem Blick den Führerschein und die Papiere.

Ihre Wangen bekamen eine rötliche Färbung, doch sie senkte dennoch pflichtbewusst den Blick auf die Dokumente, las, stutzte und sah auf. „Cullen?“, fragte sie überrascht. Ich setzte mein charmantestes Lächeln auf. „Ja, Officer …“ – ein Blick auf ihr Namensschild – „Stanley.“ Sie zog eine nicht zu deutende Miene und fragte dann mit einem verschlagenen Grinsen: „Doch nicht etwa Dr. Carlisle Cullens Wunderknabe?“ Oh, Scheiße! Ich behielt mein Charming Face bei und zuckte die Achseln. „Wer weiß?“ Ich fuhr mir mit der Zungenspitze über die Lippen und sah Stanley dabei fest in die Augen.

„Mein Verlobter Mike arbeitet als Pfleger auf der Station von Dr. Cullen“, erläuterte Stanley beiläufig. „Man könnte doch meinen, dass Sie es besser wissen müssten, schließlich ist ihr Vater Arzt.“ Sie warf ihrem Kollegen einen verschmitzten Blick zu, ehe sie sich mit schräg gelegtem Kopf wieder an mich wandte. „Was nun, Wunderknabe?“ Ich schluckte, verfluchte alle Polizisten dieser Welt und reckte störrisch den Kopf. „Jetzt überlegen Sie sich am besten mal, wie wichtig es Ihnen ist, dass Ihr Verlobter weiterhin seinen Job behält“, merkte ich wütend an. Stanley klappte der Mund auf und ihr Partner machte einen Schritt auf mich zu. Ich hob abwehrend die Hände. „Kommen Sie schon, lassen Sie uns das Ganze hier einfach vergessen, ja?“

Ehe einer der beiden antworten konnte, richtete sich Stanleys verdutzter Blick auf etwas hinter mir. Ich wandte mich um, hörte gerade noch rennende Schritte und wurde dann regelrecht umgeworfen … und aufgefangen. „Was machst du denn für Sachen, hm?“, murmelte mir eine viel zu bekannte Stimme zu, während ich nichts weiter sehen konnte als einen Schopf blonden Haares. Arme schlangen sich um meinen Körper, drückten mich, während sich eine kratzige Wange an meine schmiegte. Was zum …? Ich schob Whitlock von mir, verständnislos und überrumpelt.

Er ließ es geschehen, zog mich an seine Seite und schob allen Ernstes seine rechte Hand in meine hintere Hosentasche. „Officers“, nickte er den beiden Polizisten zu und tippte sich an einen imaginären Hut. Stanley starrte ihn noch immer an, der alte Kerl an ihrer Seite wirkte eher ein wenig nervös. „Was hat mein Süßer denn angestellt?“, erkundigte Whitlock sich beiläufig und knuffte mich spielerisch in die Seite. Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, die ich unwillkürlich angehalten hatte. Stanley fasste sich wieder ein wenig. „Er … Er hat einen Zebrastreifen überfahren.“ „Und eine rote Ampel“, fügte der alte Knochen hinzu. Na, Gott sei Dank hatten die beiden mich scheinbar erst so kurze Zeit auf dem Radar …

Whitlock seufzte und fuhr mir durchs Haar. „Das machst du nicht wieder, versprochen?“, fragte er mit einem freundlichen Lächeln. Ich konnte es nicht glauben, nickte aber trotzdem mit zerknirschter Miene. Stanley machte große Augen. „Äh …“, sie räusperte sich und wechselte einen ratlosen Blick mit ihrem Partner. „Edward hatte es auch nur so eilig, weil wir heute neue Erkenntnisse sammeln wollen“, erklärte Whitlock scheinbar vollkommen entspannt. Stanley sah plötzlich aus, als verstünde sie unter „neuen Erkenntnissen“ etwas, das eindeutig in den Bereich gehört, der für Minderjährige verboten war, aber schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt hatte.

„Eine Studie“, beeilte ich mich eilig zu sagen, während ich mir alle Mühe gab, nicht weiter über Stanleys Missverstehen nachzudenken, nicht darüber nachzudenken, was sie aus Whitlocks Worten gefolgert hatte. Es gelang mir nicht. Ganz und gar nicht. Denn während Whitlock meine Erklärung aufgriff und weiter ausführte, musste ich unweigerlich wieder an Alec denken. An Alec und jene eine Nacht in den Rocky Mountains. Jene eine Nacht im Zelt, als ich herauszufinden versucht hatte, wo der Grund dafür lag, dass ich Alec irgendwie … na ja, anziehend fand.

„ … Annabelle genannt, nicht wahr, mein Schatz?“ Ich schreckte auf und fand mich Jaspers fragendem Blick gegenüber. Ich nickte hastig. „Ja, äh.“ Ich musste sofort damit aufhören, weiter an Alec zu denken. Aufhören, diesem gottverdammten Thema immer näher zu kommen, das ich seit jener Nacht gemieden hatte. Oder besser – das ich seit jenem darauf folgenden Morgen gemieden hatte, als Alec, kurz nach unserer Rückkehr meinen Eltern unverbindlich mitgeteilt hatte, dass er nicht mehr für sie arbeiten würde. Jenes Thema, das sicherlich nicht unerheblich dafür war, dass ich seit jener Sache mit Alec kein männliches Wesen mehr übersehen hatte. Keinen Mann nicht von oben bis unten gemustert und mehr oder weniger für attraktiv befunden hatte.

In welche Kategorie fiel Whitlock eigentlich? Ich beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er Stanley und Anhang gerade lebhaft etwas erzählte, wie er mit den Händen wild gestikulierte und ihm das blonde Haar in die Stirn fiel. Hm ja, wenn er kein solches Ekel wäre, ich nicht mit ihm in dieser verfluchten Studie festsitzen würde – ja, vielleicht fände ich ihn dann ja vielleicht doch … Meine Gedanken verstummten, als Whitlock mir zuzwinkerte, mich wieder an seine Seite zog und seine Hand auf Wanderschaft schickte.

Ihr Ziel erreichte die warme, etwas raue Hand schließlich, als sie sich unter mein Shirt geschoben und auf meine nackte Hüfte gelegt hatte. Nicht Besitz ergreifend, um unser kleines Schmierentheater noch ein wenig weiter zu treiben. Nein, eher vorsichtig, als hätte er Angst, ich könnte ihm jeden Finger einzeln brechen, wenn er mich noch einmal anfasste. Ich warf ihm einen verwirrten Seitenblick zu, verstand nicht, was das hier eigentlich sollte, woher dieser plötzliche Sinneswandel kam. Dann ging mir ein Licht auf. Der Kerl wollte mich an graben!

Ich versteifte mich und lehnte mich so weit ich konnte von Whitlock weg, wurde rosa im Gesicht und fühlte mich ertappt. Natürlich konnte er unmöglich von Alec wissen. Dass er jetzt jedoch so offensichtliche Annäherungsversuche machte, sprach Bände. Es wurde höchste Zeit, dass wir hier wegkamen und ich Whitlock klipp und klar sagen konnte, dass er seine Finger in den nächsten drei Monaten bitteschön bei sich behalten sollte, wenn er nicht darauf bestand, dass ich sie ein wenig nach meinem eigenen Gutdünken umgestaltete.

Kapitel 8

~ Von Möchtegernmärchenprinzen, geliebten kleinen Schwestern und der Angst vor fliegenden Bratpfannen. ~


Jaspers POV
Wenn ich diesen Scheißkerl erst einmal in die Finger bekam, dann würde ich ihm mal zeigen, wie man bei mir zuhause in Texas dafür Danke sagte, dass man fahrlässig hängen gelassen wurde! Keine fairen Duelle. Nein, Kinnhaken, bis der andere gelernt hatte, dass er sich schon mal einen Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen suchen sollte, wenn er beim nächsten Fehler nicht scharf darauf war, einen krummen Kiefer bis in alle Zukunft präsentieren zu müssen. Verdammt, hatte ich eine Wut im Bauch!

Ich wusste nicht in welcher Zeitzone Cullen lebte, doch in der hiesigen war die Bezeichnung  „morgenfrüh“ schon seit einigen Stunden abgelaufen. Es war mittlerweile fast Mittag und von Cullen keine Spur. Er hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, mich anzurufen, geschweige denn auf meine eigenen zahlreichen Anrufversuche zu reagieren. Wieder einmal drückte ich mit mehr Kraft als erforderlich die Wahlwiederholung auf dem altersschwachen Handy und brüllte wütend auf, als erneut das ellenlange Tuten ertönte, nur um dann auf Cullens Mailbox umzuspringen:

„Hey, Leute. Ihr wisst, was zu tun ist, wenn ihr Wert darauf legt, dass ich mich vor meinem nächsten Urlaub in der Karibik noch bei euch melde.“ Großspuriges Lachen. „Wie auch immer, ihr Penner.“

Lange Zeit kämpfte ich gegen den Drang an meinen Ärger auf seiner Mailbox Luft zu machen. Doch welchen Sinn hätte dieses Vorhaben? Die vergleichsweise kurze Zeit reichte einfach nicht aus, um Cullen alles, was mir durch den Kopf ging, vorzuhalten. Ihn bis ins kleinste Detail darüber in Kenntnis zu setzen, was für ein gottverdammtes Arschloch er war.

Vielleicht sollte ich Annabelle einfach nehmen und vor seiner Tür abladen? Die Frage war nur, wie nahe ich an das Cullensche Anwesen und damit dessen abgefuckte Türschwelle herankommen würde. Sollte er doch seinen Eltern erklären, was er für ein versnobter, ungehobelter Schnösel war, ihnen gestehen, dass er nicht nur unsäglich undankbar war, sondern dass er nichts zuwege brachte, schlicht und ergreifend ein Loser war.

Immer wieder warf ich einen Blick auf die Uhr. Mit jeder Bewegung des Sekundenzeigers vernahm ich nicht nur das Geräusch immer dröhnender in meinen Ohren – Tick-Tack! Tick-Tack! Nein, meine Wut auf Cullen wuchs und wuchs auch noch immer weiter. Was bildete sich dieser Schnösel bloß ein? Und zu allem Überfluss durfte ich auch noch Annabelle die ganze Zeit mit mir herum tragen, während ich nur Millimeter davon entfernt war, etwas sehr, sehr Dummes zutun. Jeder Versuch die Puppe abzusetzen, endete in einem ohrenbetäubenden Geschrei. Also behielt ich sie auf dem Arm und marschierte fluchend im Wohnzimmer auf und ab. Wenn das so weiter ging, würde ich in wenigen Stunden meinen ganz eigenen Trampelpfad auf dem Fußboden hinterlassen haben.

Meine allerletzte Möglichkeit, um mich an Cullen zu rächen, bestand darin, George anzurufen. Sollte Cullen doch sehen, wie er dem peniblen George unsere Trennung erklärte, nachdem wir so sehr versucht hatten, ihm überhaupt erst eine Beziehung vorzuspielen. Der Drang George wirklich anzurufen, wurde unermesslich, nachdem mal ich beim sicherlich tausendsten Anrufversuch wieder nur Cullens schleimige Stimme auf der Mailbox ertragen musste.

George anzurufen bedeutete jedoch etwas ganz Entscheidendes – auf das Geld für die Teilnahme an der Studie würde ich dann wohl oder übel verzichten müssen. Aber das Geld war einfach viel zu wichtig für mich, für Rose, und genau aus dem Grund hatte Cullen mich in der Hand. Er konnte machen, was er wollte, weil er seit gestern nur allzu gut wusste, was die Entlohnung für eine Bedeutung für mich hatte, wie wichtig sie für mich war. Und ich Idiot hatte es ihm auch noch höchstpersönlich auf die Nase binden müssen …

„So eine gottverdammte …“, brüllte ich los, woraufhin Annabelle scheinbar erschrocken aufschrie. Dieses Geschrei! Nur noch ein Weilchen und ich würde einfach durchdrehen. Ja, so viel stand wohl fest. „Jetzt sei doch endlich ruhig und bleib es auch“, versuchte ich allen Ernstes eine Plastikpuppe zu beruhigen und tätschelte dann zu allem Überfluss auch noch unbeholfen ihren Plastikrücken. Diese Erfahrung trug sicherlich noch dazu bei, dass ich niemals eigene Kinder haben wollte. Niemals.

Von Zeit zu Zeit drückte ich immer mal wieder auf die Wahlwiederholungstaste, doch meine Versuche waren weiterhin nicht von Erfolg gekrönt. „Dein Daddy hat sich aus dem Staub gemacht“, hielt ich der Puppe vor, und ich war mir sicher, dass mein Gesichtsausdruck so höhnisch war, dass er meine gute alte Mum mit reichlich hoher Wahrscheinlichkeit zu einer deftigen Gardinenpredigt über gutes Benehmen – Gesichtsausdruck inbegriffen – hingerissen hätte.

Just in diesem Moment der geistigen Abwesenheit klingelte mein Telefon. „Cullen, du beschissener Idiot! Schaff endlich deinen Hinter hierher!“ Ein fröhliches Kichern ertönte am anderen Ende der Leitung. Ein Kichern, das nur zu einer Person gehören konnte. Unbewusst, ließ mich diese Erkenntnis lächeln „Wer ist Cullen?“, kicherte Rose immer noch. „Nur ein Freund, der mich versetzt hat“, tat ich meine nicht gerade nette Begrüßung ab. „Wie geht es dir, meine Süße?“ Ich legte Annabelle vorsichtig in ihre Wiege, und zu meinem Glück blieb sie still.

„Gut, geht es mir, Bruderherz.“ Eine kurze Pause, dann: „Jazz, was schenkst du mir zum Geburtstag?“ Typisch Rose. In wenigen Tagen wurde sie fünfzehn und wie jedes Jahr, konnte sie ihren Geburtstag kaum erwarten. Und wie jedes Jahr hatte ich noch keine Idee, was ich ihr schenken und womit ich sie am glücklichsten machen konnte.

Rose plapperte fröhlich drauf los. Entspannt ließ ich mich auf die Couch fallen, hörte ihr zu und ließ nur hin und wieder ein „Hm“ ertönen. Meine kleine Schwester war mein ein und alles. Der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich würde alles, wirklich alles für sie tun. Selbst wenn das bedeutete, dass ich Cullen noch weitere drei Monate ertragen musste.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Mit der Hand wischte ich mir über die Augen, um meine Aufmerksamkeit wieder auf Rose und ihre Sorgen zu lenken. „Entschuldige bitte, Kleines. Was hast du gerade gesagt?“ „Du bist unmöglich“, klagte sie und ließ dann die Bombe mit den Worten: „Ich hab Emmett gestern getroffen“, platzen.

Wen hast du getroffen?“, zischte ich und hoffte inständig, dass ich mich verhört hatte, beziehungsweise sie nicht von DEM Emmett sprach. Dem Emmett McCarty, der sich mit seinen siebzehn Jahren für so unwiderstehlich hielt, dass einem glatt schlecht werden konnte und der scheinbar ein Auge auf Rose geworfen hatte. Der Emmett McCarty, der nicht nur der beste Footballspieler an meiner ehemaligen High School war, sondern auch der verdammt Beste des ganzen Bundesstaates und sich darauf gehörig etwas einbildete.

„Oh, nun komm schon Jazz! Du weißt genau, wen ich meine. Er hat mir meine Bücher nach Hause getragen. Die Bücher, die ich mir ausleihen musste, weil …“ Sofort machte sich das schlechte Gewissen in mir breit. Nicht nur die Kosten für ihre Ausbildung waren extrem hoch, sondern auch die Nebenausgaben wie die für die erforderlichen Bücher für besagte Ausbildung. Fachbücher. Bisher musste Rose darauf zurückgreifen, sich diese immer aus der Bibliothek auszuleihen, weil das Geld für Neuanschaffungen einfach viel zu knapp war, insbesondere, weil Mum ihre Extraschulstunden mit dem Privatlehrer auch so schon kaum zahlen konnte.

„Rose, gib mir nur noch ein wenig Zeit, und du bekommst das Geld für eigene Bücher. Dann muss auch kein Schmalspurfootballspieler dir helfen, um sie dir nach Hause zu tragen“, entschuldigte ich mich zerknirscht und ging im Geiste meinen Kontostand durch. „Ich lass mir meine Bücher aber gerne von ihm tragen. Er ist wirklich nett, Jazz. Du musst ihn nur mal näher kennenlernen.“ Einen Teufel würde ich tun. Typen wie Emmett McCarty hatte es auch zu meiner Schulzeit schon gegeben – auch wenn die, wenn man Rose fragte, bereits vor der Steinzeit ihr Ende gefunden hatte. Aber zumindest sagte sie nichts dazu, dass sie mich mit meinen vierundzwanzig Lenzen für prähistorisch alt hielt.

„Am Freitag gehen wir mit ein paar anderen zum bowlen“, verkündete sie unvermittelt. Eher konnten Schweine fliegen. Keine Chance! Rose würde mit diesem wandelnden Nullwert in Sachen IQ nirgendwohin gehen – nicht, wenn ich das irgendwie verhindern konnte! „Das reicht, Rose. Ich komme sofort nachhause!“, fluchte ich und hatte mein Motorrad gedanklich schon bestiegen.

„Ich warne dich, Jasper Whitlock! Mum hat es mir erlaubt und du wirst mir das nicht kaputt machen“, entgegnete Rose mir mit absolut sicherer und fester Stimme, wobei ich deutlich jenen Unterton heraushörte, den auch Mum immer vorweisen konnte, wenn sie kurz davor stand, mir den Kopf abzureißen. Ja, wahrscheinlich warf Rose in diesem Moment ihre langen blonden Haare zurück, stampfte mit dem Fuß auf und warf dem Telefon tödliche Blicke zu – ganz wie Mum.

Natürlich, sie war noch ein Kind und sollte an solche Dinge wie Jungs und Dates noch gar nicht denken. Vielleicht in zehn … oder vielleicht doch besser erst in zwanzig Jahren. Mit über dreißig war es absolut in Ordnung, wenn sie mal ausging. Nahm ich zumindest mal an. Aber jetzt doch noch nicht! „Darlin‘ ich will doch nur auf dich aufpassen“, versuchte ich sie zu beschwichtigen. „Das kann ich auch sehr gut selbst, vielen Dank“, gab sie schnippisch zurück. „Wie soll ich denn meine eigenen Erfahrungen sammeln, egal ob gute oder schlechte, wenn du dich wie mein ganz persönlicher Wachhund aufführst?“

Mit dieser Aussage hatte sie natürlich Recht – um so viel mehr Recht, als mir eigentlich lieb war. Ich konnte und sollte sie nicht vor allem bewahren. Rose sollte schließlich eine selbstbewusste und vor allem eigenständige Person werden. Doch dafür hatte sie noch ihr ganzes Leben Zeit und vor allem sollte sie diese Erfahrungen nicht mit diesem Möchtegerntraumprinzen sammeln.

„Verdammt, Rose! Ich weiß einfach, wie diese Typen ticken. Auch wenn du es kaum glauben kannst, war ich doch auch mal auf der High School. Und Typen wie diesen Emmett gab es da zuhauf, das darfst du mir gerne glauben.“ „Was für Typen?“, hakte sie leicht mürrisch nach. Ich wollte eigentlich nicht laut aussprechen, was genau ich von solchen Typen hielt, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus, ohne dass ich sie aufhalten konnte.

„Typen, die der Meinung sind, dass ihnen die ganze Welt gehört. Die es nicht für nötig halten, von ihrem hohen Ross einmal abzusteigen und sich mit normalen Menschen abzugeben. Selbst dann nicht, wenn sie mit diesen Menschen im Sandkasten gespielt haben, als man ihnen noch nicht erzählt hat, wie toller und wie besser sie doch als alle anderen sind. All die Emmett McCartys, die lieber jedem Rock hinterher jagen, als sich nur einen Deut darum zu kümmern, wen sie damit verletzen könnten, weil sie dir nicht zuhören, wenn du ihnen etwas erzählst. Die Kerle, die mit stolz geschwellter Brust durch die Gänge laufen und ernsthaft erwarten, dass jeder den Boden küsst, über den sie wandeln. Die, die keinen Finger für die Schule krummmachen müssen, weil jeder ihnen gute Noten gibt und sich keiner traut, sich dem Trainer in die Quere zu stellen …“

Ewig hätte ich so weiter reden können, denn ich hatte es schließlich am eigenen Leib erlebt, doch Rose unterbrach mich, sehr vorsichtig und sehr sanft „Jasper?“ Ich antwortete nicht. Das war auch nich nötig, denn sie fragte sogleich: „Wer hat dich so verletzt?“ Die Stimme meiner Schwester klang so unsicher und klein, dass ich es ihr fast erzählen wollte. Erzählen wollte, warum es nie gut war, einen dieser High School-Prinzen zu nah an sich heranzulassen. Doch wenn ich sie, meine kleine Rose, wirklich vor allem Übel beschützen wollte, musste ich lernen ihr gegenüber mein Herz zu verschließen. Nur war es leider so, dass ich bei Rose immer mal wieder vergaß, wie jung sie eigentlich noch war … zumindest, was diese Sache anging.

„Niemand.“ Seufzend versuchte ich die aufsteigenden Erinnerungen an meine Schulzeit, die sich gerade gewaltsam einen Weg in meinen Kopf bahnten, zu verdrängen. Doch ich war nicht stark genug, um gegen meine Erinnerungen anzukämpfen – nicht jetzt, wo ich mir vielerlei Sorgen um Rosalie, Cullen, diesen Deppen und die Studie machen musste. Wie durch statisches ein Rauschen nahm ich wahr, wie Rose das Gespräch beendete, weil Mum sie zu sich rief, und versprach, mich bald wieder anzurufen. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, ihr nochmals zu verdeutlichen, dass sie am besten einen ganz weiten Bogen um diesen Möchtegernprinzen machte, ehe mich die Vergangenheit wie Wellen überrollte.

Erinnerungen an eine Freundschaft, die bereits im Sandkasten des Kindergartens entstanden war und durch ein einziges Auswahltraining für die Footballmannschaft ein jähes Ende gefunden hatte. Durch Dick und Dünn waren wir lange Zeit gegangen, bis zu jenem Tag, an dem Jakes Vater seinen Sohn förmlich zu diesem einen Training, bei dem es, wie er gesagt hatte, darum ging, ob Jake ein richtiger Black wurde, oder nach seiner Mutter schlagen und die Familie in den Dreck ziehen würde, gezwungen hatte.

Tagelang hatten wir beide uns einen Plan ausgedacht, wie Jake das Training sabotieren konnte – sich besonders untauglich anstellen, Verletzungen vortäuschen, all das. Mit großen Augen und wahrlich mehr als nur ungläubig, hatte ich schließlich auf der Tribüne gesessen und zugesehen, wie er jeden anderen Spieler auf dem Feld ausstach und der Coach ihm förmlich die Welt zu Füßen legte. Und ich hatte es nicht verhindern können. Und wollte das eigentlich auch gar nicht.

„Nur weil ich jetzt Football spiele, wird sich an unserer Freundschaft nichts ändern.“ Selbst heute, nach all den Jahren, spürte ich noch die Erinnerung an den Klumpen im Magen, als Jacob das gesagt hatte – so sicher, so überzeugt. Es war eine Lüge gewesen. Eine Lüge. Denn statt weiter beste Freunde zu sein, hatte sich einfach alles – alles – verändert. Plötzlich war Jake der coole Typ, der unerreichbar war. Und ich? Ich war nicht cool. Ich gab nicht vor, cool zu sein. Ich blieb einfach ich selbst – Jasper Whhitlock, 16, Außenseiter aus Prinzip. Schon immer war ich ein wenig anders, als die Schülerwelt es von mir erwartete und blieb somit in vielen Dingen stets außen vor.

Dass ich diese Außenseiterposition nicht zuletzt deshalb gemocht hatte, weil ich eben Jake an meiner Seite wusste, wurde mir schon sehr bald nach Jacobs Aufnahme in das Footballteam unserer Schule klar. Plötzlich hatte ich niemanden mehr, mit dem ich meinen Status teilen konnte. Mein bester Freund war in eine Welt eingetaucht, zu der ich keinen Zutritt hatte. Er war beliebt und jeder wollte sein Freund sein. Und irgendwie war auch jeder sein Freund. Nur mich hatte er irgendwie vergessen, während er mit all den anderen zusammen war, die einmal für ihn genauso unerreichbar gewesen waren, wie er es jetzt für mich war. Traf ich ihn mal auf dem Schulflur oder nach dem Unterricht – was selten genug vorkam – alleine an, waren wir um jedes Wort verlegen. All unsere Gemeinsamkeit – verschlungen von seinem neuen Leben. Einem Leben ohne Nächte voll Videospiele, Popcorn und Comics. Ohne Jasper Whitlock.

Beinahe hilflos musste ich dabei zusehen, wie mein ehemals bester Freund, all die Dinge tat, die ich auch in Emmett sah. Er führte sich auf wie der King persönlich, jagte jedem Rock hinterher, dessen Besitzerin nicht bei fünf auf dem Baum saß und fühlte sich dadurch nur noch bestärkt, sich eine Motorsäge zu besorgen, sie vom Baum zu fischen und sie davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie war – zumindest für die nächste Stunde.

Doch all diese Dinge waren nicht der Grund dafür, dass ich meine Erinnerungen an Jake in das letzte Eckchen meines Gehirns verbannt hatte. Nicht die Tatsache, dass Jacob zu genau dem geworden war, was er bis dahin verachtet hatte. Nein, der Grund, warum ich eigentlich niemals an Jacob Black denken wollte, war dieser eine Abend. Dieser eine Abend, der mein gesamtes Weltbild auf den Kopf gestellt hatte und der noch heute dafür sorgte, dass ich mich bisweilen unweigerlich fragte, ob ich mich eigentlich selbst wirklich kannte. War ich wirklich der Mensch, der ich zu sein glaubte?

Und alles passierte ausgerechnet in der Prom-Nacht, der Nacht des Balls, des großen und endgültigen Abschlussballs. Die Nacht, die für Tausende und Abertausende amerikanischer Schüler die spektakulärste, tollste, einzigartigste Nacht des Lebens zu werden verspricht. Und die für mich zu einer Art Traum-Alptraum wurde. Selbst heute bin ich mir noch nicht ganz sicher, was von beidem es nun wirklich war.

Selbstverständlich hatte ich kein Date für diesen Abend. Ich wollte auch gar keins haben. Zu deprimierend, mich um eines zu bemühen und dann immer wieder ein Nein als Antwort zu bekommen. Dieses ganze Getue um ein Kleid, die richtige Ansteckblume und was weiß ich noch alles – es war mir einfach zu viel, was wiederum ein weiterer Grund war, gar nicht erst zu fragen. Da ging ich doch lieber alleine dem Ende meiner High School-Karriere entgegen.

Der Abend zog erwartungsgemäß unspektakulär an mir vorbei. Natürlich hatte die gesamte Footballmannschaft unbemerkt den Getränkebestand mit Alkohol gepimpt und so fand sich die eine oder andere Schnapsleiche unter den anwesenden Schülern. Für mich war der Zeitpunkt erreicht um mich von dieser Veranstaltung zu verabschieden, als einer dieser betrunken Vollpfosten mir auf die Schuhe kotzte.

Angewidert durchquerte ich die lächerlich festlich dekorierte Sporthalle, um meine Schuhe in einer der Duschen neben den Umkleidekabinen von der Kotze zu befreien. Als ich eintrat, wurde ich mir zunächst einmal der Tatsache bewusst, dass alles im Halbdunkel dalag. In den dunklen Ecken hatten sich einige Pärchen eingefunden, um in aller Ruhe auf Tuchfühlung zu gehen. Dass so ziemlich jedes Stadium dieser „Tuchfühlung“ vertreten war, überraschte mich bei dem Alkoholpegel, den die Schülerschaft sich inzwischen tapfer angesoffen hatte, so gar nicht.

„So eine verfluchte Scheiße!“, schimpfte ich vor mich hin, als ich mir eine der hintersten Duschen ausgesucht hatte und meinen Schuh unter den Wasserstrahl hielt. „Na, na, na! Wer will denn hier fluchen“, ertönte unvermittelt Jakes raue Stimme hinter mir und ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ein einziger Blick auf Jacob, der im Türrahmen lehnte, genügte, und mir war klar, dass auch Jake ein wenig zu viel von der Spezialbowle genossen hatte. Längst hatte er seine Krawatte verloren, sein Hemd hing irgendwo zwischen halb acht und halb neun an ihm herunter. Seine Haare tiefschwarzen standen wirr in alle Richtungen.

„Ohne dein Gefolge unterwegs? Was ist passiert? Haben sie dich alleine gelassen, Jake-Boy?“ Den höhnischen Unterton in meiner Stimme versuchte ich erst gar nicht zu verstecken. Immerhin waren wir schon längst keine Freunde mehr – warum also sollte ich meine Verachtung vor dem Jungen verstecken, der den beschissenen Sport – Fottball, um Himmels willen! – seinem besten Freund vorgezogen hatte? Dafür gab es nun wirklich nicht den Ansatz eines Grundes.

„Jasper, ich …“, setzte er überraschend verletzt aussehend an „Was willst du?“, fauchte ich zurück und beendete meine kleine Duschsession. Ich drehte den Wasserhahn zu und hoffte, dass ich alle Spuren beseitigt hatte. „Ich wollte nicht, dass es so zwischen uns endet. Mein Dad hat mich dazu gezwungen, dem Team beizutreten. Um ihm endlich zu beweisen, dass ich ein echter Kerl bin und kein Waschlappen, der nichts anderes als Musik, Comics und Videospiele im Kopf hat. Ich wollte das doch alles nie!“ Jakes zwar reichlich schleppender, aber ganz offen verzweifelter Ton ließ mich einen kurzen Moment innehalten.

Dann stieß ich ungehalten hervor: „Dass ich nicht lache! Dafür, dass du das alles nie wolltest, hast du deine Rolle aber verdammt gut gespielt, findest du nicht?!“ „Du kennst doch meinen Dad!“, erinnerte mich Jacob fast weinerlich. Ja, ich kannte Jakes Vater nur zu gut. Er war selbst einer dieser Menschen, zu dem er Jake nun endlich geformt hatte. Ein egoistischer Mistkerl, der es liebte, jeden zu schikanieren, der nicht seinem Schema entsprach. „Das war doch alles nur ein Vorwand für dich, um von mir weg zu kommen, ohne mir ins Gesicht sagen zu müssen, dass ich dir nicht gut genug bin! Lass es gut sein, Jake. Wir haben einander nichts mehr zu sagen – und das wolltest du ja auch so.“

Ich wollte mich an ihm vorbeidrängen und diese Farce endlich hinter mir lassen, wollte so schnell wie möglich weg von dort, weil ich mich gut genug kannte, um zu wissen, dass ich noch mehr von diesem emotionalen Bullshit von mir geben würde, doch ich hatte die Rechnung ohne Jake gemacht. Ehe ich mich versah, hatte er mich gegen die brüchigen Fliesen der Dusche gedrängt. Eingesperrt zwischen seinen Armen starrte ich ihn an. „Mach dich nicht lächerlich!“, brachte ich mühsam hervor, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.

„Jazz, bitte, es tut mir wirklich leid“, murmelte Jacob kleinlaut und blickte mich schuldbewusst an. Und dieser schuldbewusste Blick löste irgendetwas in mir aus. Plötzlich sahen Jakes schokoladenbraune Augen im Halbdunkel geheimnisvoll aus. Seine Haut war nicht mehr braun, sondern wirkte wie von schimmerndem Goldstaub überzogen.

Ich ballte die Hände an meinen Seiten zu Fäusten, denn meine Fingerspitzen kribbelten bei dem Gedanken, ihn zu berühren, herauszufinden, wie sich diese so weich aussehende Haut auf meiner anfühlen würde.  Dieser schiere Gedanke, diese Entdeckung schockierte mich zutiefst. Wo kamen all diese wirren Gedanken, diese Empfindungen auf einmal her? Diese Gefühle waren ein absolutes Novum. Ich malte mir aus, wie meine Finger eine unsichtbare Spur auf der bronzenen Haut hinterließen, wie sie seine Muskelstränge berührten, ertasteten, was die Haut verbarg, wie sie den Rhythmus seines Herzschlag erfühlten, wie sie ... Aber bevor ich auch nur eine Sekunde weiter darüber nachdenken konnte, beugte sich Jacob zu mir und drückte seine Lippen auf meine.

Von seinen kräftigen Armen in Schach gehalten, spürte ich die Wärme seines Körpers, der Schauer, der ihn überkam, als er mich so sanft küsste, als wäre ich aus Glas und er würde mich zerbrechen, sobald er aufs Ganze ging. Hatten meine Arme gerade noch nutzlos an meinen Seiten geruht, legten sie sich jetzt wie von selbst um Jakes Nacken, nur um ihn noch näher an mich zu ziehen, ihn buchstäblich zu zwingen, mir das zu geben, was er mir vorenthielt. Mein Unterbewusstsein hatte sich in zwei Lager gespalten und focht einen erbitterten Kampf aus. Die eine Seite schrie mir zu, dass das, was ich da gerade tat, eindeutig falsch war, während die andere Seite einfach nur nach mehr verlangte.

„Hallo? Ist dort hinten jemand?“ Erschrocken riss ich meine Augen auf, landete wieder auf den Boden der Tatsachen und stieß Jacob so fest ich konnte gegen die Brust. „Tu … Tu so etwas nie wieder, hörst du?“, zischte ich ihm im Vorbeigehen zu und rannte, rannte, als wäre der Allmächtige hinter mir her und als hätte ich nicht gerade entdeckt, dass die Küsse eines Mannes gegenüber denen einer Frau keineswegs im Nachteil waren. Eher im Gegenteil. Und das war definitiv kein gutes Zeichen.

Erschöpft von dieser Erinnerung, saß ich auf der Couch und starrte ins Leere. Nach dieser Geschichte hatte ich Jacob nur noch einmal gesehen. Genau eine Woche später. Wir hatten einander ignoriert, wie wir es vor jenem Vorfall über Jahre hinweg getan hatten. Ich hatte keine Ahnung, was Jacob Black heute machte. Wahrscheinlich war er irgendwie im sportlichen Bereich tätig – so wie Daddy es wollte.


„Was interessiert mich das eigentlich?!“, wütete ich gegen mich selbst und griff wieder einmal zum Telefon. Es gab nur eine Person, an der ich meine Wut jetzt auslassen konnte und wollte. Und zu meinem großen Glück und zu seinem allergrößten Pech, ging Cullen jetzt tatsächlich an sei Handy. „Du hast noch zwei Minuten, dann darfst du Daddy erklären, dass du ein Versager bist!“, keifte ich los und wartete nur wieder auf eine weitere seiner billigen Ausreden.

„Schatz, ich weiß, dass du Angst davor hast, das Baby zu wickeln“, säuselte er und mir verschlug es die Sprache. Dieser eingebildete Kerl hatte sie doch wohl nicht mehr alle!  „Was zum Teufel redest du da für einen Mist, Einstein? Bist du jetzt endgültig durchgeknallt?!“ „Nein, Schatzi. Natürlich bin ich gleich bei dir und pass auf euch auf. Ich weiß ja, dass du dich ohne mich mit dem Baby nicht vor die Tür traust, weil du denkst, die Leute könnten mit Bratpfannen nach dir werfen.“ Mit Bratpfannen??? Was zum Teufel hatte der Typ nur wieder für Zeug genommen, dass er noch wirrer als sonst vor sich her redete? So etwas konnte mir doch keiner zumuten. Was Cullen mit mir veranstaltete, ging doch auf keine Kuhhaut. Mir reichte es. Ich hatte die Schnauze bestrichen voll!

„Ich weiß nicht, was du da gerade redest, Schnösel. Aber ich weiß, dass ich jetzt auflegen und gleich George anrufen werde. Ja, genau das werde ich tun, du Schlaumeier!“, klärte ich ihn wutentbrannt auf „Ich hatte es zu eilig, zu dir zu kommen und bin in eine Verkehrskontrolle geraten. Es tut mir Leid, mein Schatz“, plapperte Cullen unbeirrt weiter. Erst ganz allmählich wurde ich dessen gewahr, was er da gerade für einen Mist faselte. „Nicht dein Ernst!“, japste ich und rang vor lauter Lachen über eine verdiente Stolperfalle des Schicksals für Cullen, nach Luft.

„Junger Mann, wir haben nicht ewig Zeit. Schalten Sie bitte ihr Mobiltelefon ab, steigen Sie aus dem Wagen aus und legen Sie uns bitte Führerschein und Fahrzeugpapiere vor.“ Führerschein und Fahrzeugpapiere? Yeah! Er sagte also wirklich die Wahrheit. Was aber keineswegs erklärte oder gar entschuldigte, wo er den ganzen Vormittag über gesteckt hatte. „Wo?“, fragte ich glucksend. „Zwei Blocks“, antwortete Cullen  fahrig, wahrscheinlich kurz davor, sich vor Angst in die Hosen zu pinkeln, legte auf und das Lachen brach nun endgültig aus mir heraus. Ich hielt mir den Bauch vor Lachen. „Na, der kann was erleben! Dem werde ich es zeigen. Angst vor Bratpfannen, was!?“ Oh ja, ich würde Cullen zeigen, was Sache war. Oder besser gesagt: wo der Frosch die Locken hatte.
Jaspers POV

„Eingebildeter, versnobter Scheißkerl!“ Ich warf die Haustür wütend hinter mir ins Schloss. Da es mir allerdings noch nicht reichte, den lauten Knall der zuschlagenden Tür zu hören, fegte ich auch noch alles vom Sideboard nahe des Eingangs, das da ohnehin schon seit Ewigkeiten weggeräumt werden sollte. Papier regnete gemeinsam mit Stiften, einem kleinen Kaktus samt Topf und so einigem anderen zu Boden. Ich fuhr mir tief seufzend durchs Haar und schloss einen Moment die Augen, blendete das Kreischen von Annabelle aus und konzentrierte mich darauf, jetzt nicht alles hinzuwerfen, Cullen nicht augenblicklich anzurufen und ihm entgegen zu schreien, dass er mich ja mal so was von kreuzweise konnte.

Vielleicht war ich vorhin wirklich zu weit gegangen, sein Auto zu bepinseln. Aber andererseits – der Mistkerl hatte doch noch vor mir die Grenze überschritten, oder nicht? Er hatte mit diesem Mist doch überhaupt erst angefangen. Hatte meine verdammten Klamotten angezogen, die ich jetzt garantiert niemals wieder haben wollte! Von dem Quatsch, den er über Rose gesagt hatte, einmal ganz abgesehen. Ja, er hatte es verdient, zu lernen, dass man mit mir nicht alles machen konnte. Denn wenn ich den Rest der drei Monate mit ihm überstehen wollte, dann war alles, was dieses Ekelpaket auf Abstand halten würde, ganz eindeutige Hinweise darauf, dass ich mit Nachnamen weder Ping-Pong-Ball noch Marionette hieß.

Mit einem letzten resignierten Seufzer auf das Ergebnis meiner Wut auf Cullen, nämlich dem Haufen aus allem Möglichen zu meinen Füßen, ging ich hinüber ins Wohnzimmer, nahm Annabelle aus ihrem Maxicosy und begann sie geistesabwesend in den Armen zu wiegen. Unwillkürlich musste ich an Rose denken. Rose, als sie gerade ein Jahr alt gewesen war und ich, ihr stolzer großer Bruder, ihr Hilfestellung gegeben hatte, um endlich auf die Beine zu kommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie wichtig und unersetzlich ich mich gefühlt hatte, als mir meine Mutter das Baby zum ersten Mal in den Arm gelegt hatte, das meine kleine Schwester sein sollte.

Verdammt, ich war immer für sie da gewesen. Verdammt, immer! Ich hatte sie immer ermutigt, es nicht einfach so hinzunehmen, dass sie sich in der Schule im Grunde zu Tode langweilte, aber aus lauter Anstand kein Wort sagen wollte. Ich selbst hatte vorgeschlagen, ihre Talente zu fördern – mit einer besonderen Schule, wo sie nicht mehr ganz alleine war mit ihrem allzu scharfen Verstand, der überbordenden Intelligenz. Und ich sollte verdammt sein, da war es jetzt auch zweifelsohne meine Aufgabe, diese verfluchte Schule zu bezahlen – zumindest für die erste Zeit. Was danach sein würde – ich hatte keine Ahnung.

Ich wanderte mit Annabelle im Haus herum, grübelte vor mich hin, während sie sich schließlich wieder vollkommen beruhigte. Letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass ich meine Seele dafür verkaufen würde, diese gottverdammte Studie zu überstehen und Rose das Geld zu geben. Scheiße noch mal, ich würde sogar Cullen … ich würde tun, was nötig war. Ich war mit einem Mal derart entschlossen, dass ich kurzerhand beschloss, meinen derzeitigen Enthusiasmus gleich in Worte zu fassen – für George, den Rest der intoleranten Welt, der eine Studie wie der, in der ich gerade steckte, überhaupt erst nötig machte und natürlich für Rose.

Den Bericht des vergangenen Tages beendend schrieb ich in die Kladde: Der Nachmittag auf dem Walk of Fame, denn genau dorthin hat Edward uns „entführt“, war interessant und eine wirklich informative Erfahrung. Was mich jedoch sehr gewundert hat, ist das Edward mir tatsächlich den Buggy überlassen hat. Normalerweise muss ich nämlich buchstäblich um jede Sekunde kämpfen, die ich mit unserer Tochter verbringen möchte. Zuerst sind wir nur spazieren gegangen und haben die Reaktionen der Menschen beobachtet. Und die waren durchweg positiv. Niemand hat uns abwertend angesehen. Dann haben wir zu unserer Überraschung Tray und Lucas getroffen, mit denen wir in einem Straßencafé etwas getrunken und über alte Zeiten – zumindest in Trays und meinem Fall, waren wir doch gemeinsam auf der High School – gesprochen haben. Leider blieb nicht genügend Zeit, um uns über die Erfahrungen mit unseren Babys auszutauschen. Dennoch war es ein interessanter Nachmittag, wie die Fotos, die wir geschossen haben, beweisen.

Lügen, nichts als Lügen. Und sie kosteten mich eine Ewigkeit. So lange, bis die Sonne untergegangen war und draußen die Nacht hereinbrach. Mir war nicht ganz klar, warum ich plötzlich solche Mühe hatte, das in Worte zu fassen, was George haben wollte – gerade jetzt, wo ich doch beschlossen hatte, alles zu geben. Ich runzelte leicht die Stirn, las mir die wenigen Sätze, die mich zu schreiben buchstäblich Stunden gekostet hatten, noch einmal durch und schlug das schwarze Buch dann mit einem kleinen, resignierten Seufzen wieder zu.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, Annabelle zu wickeln, sie umzuziehen, bettfertig zu machen, ihr noch ein Fläschchen der Chemiemischung zu geben, die wir ihr statt Milch verabreichen sollten und sie anschließend ins Bettchen zu verfrachten. Erst danach stieg ich die Treppe hinauf und nahm eine lange, entspannende Dusche. Ich wusch die Geldsorgen wegen Rose und nun auch noch Cullen und dessen ewiger Zickerei genauso von meinem Körper wie die Anspannung und den Unmut Cullen gegenüber. Stattdessen kleidete ich mich in Shorts, T-Shirt und neue Kraft, Zuversicht und die Hoffnung, dass alles vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen würde.

Freitag, 3. Juni 2011

Kapitel 7

~ Misstrauische Studienmenschen, hochintelligente kleine Schwestern und Bella – so beschränkt wie eh und je. ~

Edwards POV

Es war somit wohl amtlich. Ich war eindeutig verrückt. Mir war nicht mehr zu helfen. Hoffnungslos, ein unrettbarer Fall. Oder kurzum – ich war bekloppt. Was hatte mich bloß dazu angetrieben, meine Lippen wütend auf die von Whitlock zu pressen? Vielleicht war es Georges hinterhältiges und verschlagenes Grinsen, das ich aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, als ich auf Whitlock zuging. Oder aber auch die Tatsache, dass Whitlocks Gesichtsausdruck Bände sprach. Unerklärlicherweise konnte ich sehen, was in seinem Kopf vorging, als ich die Distanz zwischen uns verringerte und meine Hand in seinen Nacken legte. Und dieser entschlossene Gesichtsausdruck von Mr. Chaos war dann auch der Grund dafür, dass ich meinen Plan änderte.

Ursprünglich hatte ich nur vorgehabt, ihm zum Dank für seine unverschämten Schmierereien an meinem Wagen einen kleinen, flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben – natürlich nur, damit George bekam was er wollte. Und nun – nun stand ich hier, hatte Whitlock im Arm und meine Lippen auf seine gepresst.

Vorsichtig entfernte ich meine Lippen von Whitlocks, immer noch darauf gefasst, dass seine Finger gleich auf meinen Wangen brannten, mir mit kräftiger Unterstützung seiner zur Faust geballten Hand mitten ins Gesicht schlugen. Doch unser sonst so selbstbewusster Cowboy stand einfach nur da und sah mich perplex an. „Tu was. Irgendwas!“, zischte ich ihm zu. Gar nicht auszudenken, wie George jetzt reagieren würde, wenn Whitlock weiterhin wie zur Salzsäule erstarrt, dort stehen blieb – so, als wäre er gerade tatsächlich erstmals in den Genuss eines Kusses vom Meister höchstpersönlich gekommen.

„Es gefällt dir?“, räusperte er sich aber dann doch und sah mich mit handtellergroßen Augen an. Er erwartete doch jetzt nicht ernsthaft meine sofortige Rache für die kindlichen Schmierereien an meinem heißgeliebten Wagen – oder vielleicht doch? Ich musste mir da doch erst einmal einen Plan überlegen, sobald ich wusste, wo es ihm, abgesehen von Heather, am meisten schmerzte. Sollte er sich ruhig erst mal in Sicherheit wiegen.

„Natürlich. Wie jede Überraschung von dir“, säuselte ich übertrieben und legte meine Hand an seine Wange. Ich konnte einfach nicht anders und die Genugtuung bei seinem entsetzen Blick war einfach nur Gold wert.

Whitlock benötigte nur einen kurzen Augenblick, bis er sich wieder im Griff hatte. „Nimm deine Pfoten weg“, zischte er mich ungehalten, aber für George unhörbar an. Gerade als ich zu einer passenden Antwort, wie „Wer anderen eine Grübe gräbt, fällt selbst hinein“ ansetzen wollte, räusperte sich George, den ich schon längst ausgeblendet hatte.

„Nun, Jasper. Diese Überraschung ist dir wirklich vortrefflich gelungen.“ In Rekordgeschwindigkeit wirbelte ich herum. Ich war mir mehr als nur sicher, dass George ganz genau wusste, welches Schmierentheater wir hier vorführten. Der Wunsch, dass er uns endlich mit der Wahrheit konfrontierte, wuchs ins Unermessliche. Doch dies würde bedeuten, dass ich meinen Vater mal wieder enttäuschte. Und darauf konnte ich wahrlich verzichten, gerade jetzt, wo er so stolz auf mich – und natürlich sich selbst – war, da ich einmal das tat, was er mich zutun wünschte.

„Nicht wahr, George? Ich liebe seine Überraschungen“, zwitscherte ich und versuchte mich an einem Lächeln. Meine Mundwinkel schmerzten so langsam schon von diesem gekünstelten Lächeln. Doch wenn ich erreichen wollte, dass George so schnell wie möglich wieder verschwand und ich endlich nach Hause fahren, Whitlocks Klamotten loswerden und einfach nur meine Ruhe haben konnte, musste ich da wohl jetzt einfach durch.

George fixierte Whitlock, der schon wieder so steif wie ein Stock einen Schritt hinter mit stand und dessen Gesichtsfarbe sich erst langsam von knallrot zu einem leichten Rosa wandelte, mit seinem Blick. Wo er mit seinen Gedanken war, konnte und wollte ich noch nicht mal erahnen. Erst ein leises Wimmern aus der Babyschale riss ihn aus seinen Gedanken und er stürmte regelrecht an die Stelle, wo er Annabelle abgestellt hatte.

Whitlock riss die Babyschale hoch und rannte förmlich mit ihr ins Haus. George und ich sahen ihm nur verwundert hinterher. Was zur Hölle …?! George war von dieser Aktion offensichtlich ebenso durcheinander wie ich, so dass er nur ein: „Was ist denn in den gefahren?“ über seine Lippen kam. Eine Antwort darauf wusste ich beim besten Willen nicht, doch mir war klar, dass George eine erwartete.

„Jasper tut sich schwer damit, seine Gefühle offen zu zeigen.“ Dieser Satz hörte sich verdammt gut an. Und sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit war etwas, das ich nur zu gut beherrschte, das musste man mir schon lassen.

George schlenderte gemächlich zum Haus zurück. Immer doch darauf bedacht, uns, beziehungsweise mich, aus der Reserve zu locken, sah er mich mit diesem Gesichtsausdruck an. Dieser Gesichtsausdruck, der besagte, dass er ganz genau wusste, was wir hier taten.

„Wie ist das gemeint? Hat Jasper ein Problem mit seiner Sexualität?“ Verdammter Mist, jetzt hatte ich es geschafft mich mit diesem einen Satz in die Bredouille zu bringen – so viel also zum überzeugenden Auftreten bei gegenwärtiger Ahnungslosigkeit. Woher zum Teufel sollte ich denn bitte wissen, ob Whitlock ein Problem mit seiner Homosexualität hatte – die, wenn man mich fragte, so ziemlich das einzig real existierende an dieser ganzen Farce war? Und ehrlich gesagt wollte ich das auch so überhaupt nicht wissen. Nichtsdestotrotz war es jetzt anscheinend an mir verdattert und verständnislos drein zu gucken.

„Was ich wissen will, ist ob Jasper zu seiner Sexualität steht, Edward. Oder hat er Probleme damit, dass er homosexuell ist? Weiß sein Umfeld von eurer Beziehung?“ Mir war sofort klar, was George mit dieser Frage bezweckte. Er wollte dass einer von uns sich verstrickte und gerade jetzt war ich das perfekte Opfer. Doch nicht mit mir!

„George, wir haben doch vorhin über seine Familie gesprochen“, grinste ich zufrieden, da ich ihm nicht auf den Leim gegangen war. „Jasper hat keine Probleme mit seiner Sexualität. Wir lieben uns und jeder in unserem Umfeld kann das sehen. Was ich damit nur sagen wollte, ist, dass er seine Gefühle gerade Fremden gegenüber nicht sofort offen zeigen kann. Jasper braucht eine gewisse Zeit, bis er Fremden vertrauen kann.“ Von meinen Worten scheinbar völlig überzeugt, sah ich George ins Gesicht, der offenbar nicht mit einer derartigen Antwort gerechnet hatte.

Dennoch nickte George nur und wies mich an, dass wir in zwei Tagen im Institut erscheinen sollten. Er sprach von irgendwelchen Tests, die er mit den Teilnehmern machen wollte, doch ich hörte ihm schon nicht mehr zu. Vielmehr malte ich mir aus, was ich alles mit Whitlock anstellen würde, sobald George weit genug entfernt war. Diese Schmierereien an meinem Wagen würde er mir noch bezahlen. Auf irgendeine, wenn möglich sehr kreative, noch lange im Gedächtnis bleibende Art und Weise.

Ungeduldig beobachtete ich, wie George mehr als umständlich in seinen Wagen stieg und den Motor anließ. Viel zu langsam fuhr er rückwärts aus der kleinen Auffahrt heraus und tuckerte die Straße entlang. Erst als ich sicher sein konnte, dass er so schnell nicht zurückkam, drehte ich mich um. „Whitlock, du elender Bastard!“, brüllte ich und rannte zurück ins Haus.

Durch das ganze Haus musste ich diesen vermeidlichen Möchtegern-Künstler suchen. Das nervende Plastikbaby lag indes schlummernd in seinem Bettchen. Ich schlitterte halb durch das Wohnzimmer, so eilig hatte ich es und hechtete die Treppe hinauf, da Whitlock weder in der Küche noch im Wohnzimmer zu finden gewesen war. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand speerangelweit auf. Mein Handtuch, welches ich mit voller Absicht auf dem Flurfußboden hatte liegen lassen, war mittlerweile weggeräumt worden.

„Dieser elende, versnobte Fiesling!“, wütete eine Stimme im Badezimmer, was mich grinsen und in mir einen Plan reifen ließ, wie ich es ihm heimzahlen konnte. Gerade wollte ich mit Schwung die Badezimmertür öffnen, als Mr. Chaos heraus gestolpert kam und mich wie ein gehetztes Reh ansah, das ich gerade mit meinen Autoscheinwerfern geblendet hatte. Die Wäsche die er eben noch in den Händen gehalten hatte, lag augenblicklich zerstreut auf dem Fußboden.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch ein Hausmütterchen bist, Cowboy.“ Mit verschränkten Armen sah ich auf ihn hinab, während Whitlock hastig die Wäsche aufklaubte. „Ich … was?! Ach, verschwinde einfach!“, stammelte er und versuchte, sich in dem engen Flur an mir vorbeizuschieben. Alles was ich tun musste, damit er innehielt, war meinen Arm auszustrecken. „Lass deine Pfoten bei dir, du … du …“

„Alles in Ordnung, Whitlock? Du scheinst ein bisschen neben dir zu stehen“, bemerkte ich in allerliebstem Tonfall. Whitlock war einfach zu durcheinander, als das ich diese Chance ungenutzt verstreichen hätte lassen können. „Sag bloß, unsere kleine Darbietung hat dir den Boden unter den Füßen weggerissen.“

Whitlock starrte mich auf eine Art an, die man nur als ertappt deuten konnte. „Lass mich durch“, war jedoch alles was er auf meine Worte zu entgegnen wusste. Und genau das würde ich nicht tun. Nicht auszudenken, was ich durch dieses Schauspiel für George angerichtet haben konnte. Vielleicht fühlte Whitlock sich ja doch, wie ich bereits stark vermutete, zum männlichen Geschlecht hingezogen und sah diese Studie wirklich als Datingbörse. Aber nicht mit mir! Dafür konnte er sich getrost jemand anderen suchen. Ich hatte schließlich meine kleine, völlig verpeilte Bella. Und das wusste er ganz genau. Niemals würde ich auf die völlig abstruse Idee kommen, mich zu ihm hingezogen zu fühlen.

Meine Hand schoss erneut nach oben, doch diesmal um ihn festzuhalten. Und ehe ich mich versah, wurde ich rücklings und mit voller Wucht gegen die Wand gedrückt. „W-Wag es ja nicht mir auch nur ansatzweise zu unterstellen, ich hätte Gefallen an deinem Breitmaulfroschkuss gefunden!“ Ohne dass ich es beeinflussen konnte, schoss meine linke Augenbraue in die Höhe, was Whitlock nur noch mehr aufbrachte. Der Griff, der mich an der Wand festhielt wurde immer fester. „Und was ist dann dein Problem, Kleiner?“

„Du willst wissen, was mein Problem ist, Einstein? Dein speicheltriefender, sabbernder Kuss vorhin ist es sicherlich nicht. Deine ganze versnobte Art geht mir schon seit Tagen gegen den Strich. Du armes, kleines, reiches Schoßhündchen. Vor nichts und niemanden hast du Respekt, der nicht mindestens genauso viel Geld von Daddy in den Hintern geblasen bekommt, wie du. Und was fällt dir eigentlich ein, in meinem Schlafzimmer herumzuschnüffeln? Das Wort Privatsphäre hast du wohl noch nie gehört, oder?“

Zugegeben, ich schnappte für einen kurzen Moment verblüfft nach Luft. Der Cowboy konnte ja richtig wütend werden! Nicht, dass er noch auf die Idee kam, mich zu einem Duell aufzufordern …

„Gerade du musst von fehlender Privatsphäre jammern. Du hast keinerlei Respekt vor fremdem Eigentum. Deine Schmierereien werden dich noch ein Vermögen kosten, Freundchen.“

Whitlock ließ mich unverzüglich los und starrte mich mit einem mörderischen Blick. „Ein Vermögen?“ „Was glaubst du denn, wer für den Lackschaden aufkommt? Ich sicherlich nicht! Ein paar Tausender wirst du schon locker machen müssen.“ Ich wusste, dass ich damit einen wunden Punkt getroffen hatte. Ich meine, man musste sich hier nur einmal umsehen, um zu erkennen, das Geld etwas war, dass dieser Pseudo-Cowboy sicherlich nicht besaß.

„Ein paar Tausender?“ Bei diesen Worten stolperte Whitlock zurück. Meine Faust in seiner Magengegend hätte nicht wirkungsvoller sein können, als meine Worte es waren. „Ganz genau. Ich werde auf dem Heimweg in einer Werkstatt vorbeifahren und mir einen Kostenvoranschlag einholen. Rechne mal mit fünftausend Dollar“, sagte ich mit voller Überzeugung.

„Verdammte Scheiße, Einstein! Das kann nicht dein Ernst sein. Ich … ich hab das Geld nicht.“ Whitlock schmiss die gerade zusammengeklaubte Wäsche wieder auf den Boden. „Nicht mein Problem. Das hättest du dir vorher überlegen sollen.“ Die Sache gewann immer mehr an Reiz für mich. Mit einem überheblichen Blick betrachtete ich meine Fingernägel. „Vielleicht werden es auch noch ein paar Hunderter mehr. Du weißt ja, Werkstätten sind immer so ungemein teuer.“

Ich genoss den Anblick von Whitlock, als er vor meinen Augen immer blasser wurde und undeutlich herum stammelte. „Komm schon, Kleiner. So teuer kann Heathers Unterhalt doch nicht sein, dass du nicht mal ein paar Dollar übrig hast, um diese Sauerei zu beseitigen. Oder planst du schon den Kauf einer Mary-Lou, damit Heather nicht so einsam auf dem Hof steht?“

Whitlock fuhr sich mit zittrigen Fingern durch seine angebliche Frisur. „Du glaubst allen Ernstes, dass ich mich die nächste Zeit mit dir abgebe, weil mir der Sinn nach einem neuen Motorrad steht? Da fallen mir nun wirklich bessere Möglichkeiten ein, die wesentlich angenehmer für mich wären. Ich brauche das Geld für meine Schwester.“ Jetzt kommt’s, dachte ich mir nur noch. Jetzt wird er mir erzählen, dass seine Schwester schwer krank ist und er das Geld für eine OP in einem Land am anderen Ende der Welt braucht. „Sicher doch“, entgegnete ich dementsprechend hämisch.

„Hör zu, Einstein. Rose, sie ist … sie ist etwas ganz Besonderes.“ Ich erinnerte mich an das blonde Mädchen, das ich auf einem Foto in Whitlocks Schlafzimmer gesehen und dem ich einfach einen Hang zur Schauspielerei angedichtet hatte. „Und? Ich kann mir denken, dass eine jüngere Schwester für jeden etwas Besonderes ist. Was hat das also mit mir zu tun?“

Er schnaubte und es schien, als würde er mit sich ringen. Aber warum? War seine Familie etwas, das er aus dieser Studie komplett heraushalten wollte? Nun, dann hätte er sich vielleicht ein anderes Projekt aussuchen sollen. Und er war immerhin, ganz im Gegensatz zu mir, freiwillig dort hingegangen.

„Ich habe George vorhin ja schon erzählt, dass Rose alles liebt, was alt ist. Himmel, du musst sie kennen lernen, um das wirklich zu verstehen. Sie ist gerade mal vierzehn und spricht altgriechisch. Und zwar fließend. Zur Zeit lernt sie gerade eine weitere alte Sprache. Rose ist so intelligent, dass es beinahe schon beängstigend ist.“

Whitlock war wirklich beeindruckt von den Fähigkeiten seiner Schwester, doch ich verstand nicht, was dies mit dem Geld für mein Auto zu tun hatte. Doch bevor ich ihn danach fragen konnte, fuhr er auch schon fort. „Rose hat einen unheimlich hohen IQ und braucht eine spezielle Förderung, da sie sich in einer normalen High School einfach nur langweilt. Aber solche Schulen sind nicht gerade günstig, sondern richtig teuer. Meine Eltern sind nicht arm, aber das können sie alleine nicht stemmen. Also hab ich ihnen meine Unterstützung zugesagt, damit Rose ...“

„Damit Rose was?“, rief ich ihm ungeduldig hinterher. Whitlock hatte seine Erläuterung einfach abgebrochen und war an mir vorbei die Treppe ins Erdgeschoss hinunter gerannt. Kurz darauf hörte ich die Haustür zuknallen. Eine Unverschämtheit, mich hier einfach so stehen zu lassen! Es dauerte dann natürlich – wie hätte es auch anders sein können? – auch nicht lange, bis das Ungetüm, das bis eben noch ruhig in seinem Bettchen geschlummert hatte, laut drauf los plärrte. Langsam ging ich nun ebenfalls die Stufen hinunter.

Auf leisen Sohlen schritt ich durch den Flur auf die Haustür zu. Meine Schicht mit dem Plastikungetüm hatte schon vor einigen Stunden geendet, also konnte Whitlock sich darum kümmern, dass diese verdammten Kontrollsensoren nicht am Ende noch dafür sorgten, dass George schon wieder vor der Tür stand. Mein Bedarf, was Plastikbabys und misstrauische Forschungsmenschen anging, war für den Tag mehr als nur gestillt. Und genau dies würde ich Whitlock jetzt auch mitteilen.

Ich fand ihn letzten Endes bei meinem Wagen. „Egal was du gerade vorhast, lass alles sofort fallen, was du da in der Hand hältst!“, schrie ich beim Anblick des Kanisters und der Drahtbürste, die Whitlock fest umklammerte und mit unheimlichem Blick meinen Wagen ansah. „Whitlock, ich warne dich!“ Er hörte mich nicht. Es war als schrie ich gegen einen tosenden Sturm an. Whitlock stellte den Kanister in aller Seelenruhe auf den Boden und öffnete den Deckel. Was auch immer es für ein Zeug war, das sich darin befand. Es stank bestialisch. Und damit wollte er an den Lack – an den Lack meines geliebten Volvos? Nicht mit mir! Lieber fuhr ich mit den bescheuerten Motiven in die nächste Werkstatt, als dass er mir den Wagen jetzt völlig ruinierte.

Er hob den Kanister wieder an und wollte gerade etwas von dem Zeug über den Wagen schütten, als ich ihn endlich erreichte. Hastig schlug ich ihm die Drahtbürste und den Kanister aus der Hand, wobei letzterer glücklicherweise mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden landete, ohne umzufallen und die Luft noch mehr mit seinem stinkenden Inhalt zu verpesten. „Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?“, fauchte ich ihn an.

„Ich … Ich wasch es wieder ab“, stotterte Whitlock, der mir jetzt mit seiner Hilflosigkeit erst recht Angst einjagte. Sein Blick war vollkommen wirr und sein Körper stand unter einer unerklärlichen Anspannung. „Aber ganz sicher nicht mit diesem Teufelszeug und auch ohne eine Drahtbürste.“ Ich hatte keine Ahnung, wie ich Whitlock aus seiner Welt, in der er sich gerade befand, wieder herausholen konnte, ohne dass am Ende doch noch einer Schaden nahm – mein geliebtes Auto, ich oder Whitlock, was allerdings von allen dreien das bei weitem geringste Opfer war.

Das Einzige was mir einfiel, war, ihm zu sagen, dass ich die Schmierereien auf sich beruhen lassen würde, doch dazu war ich nicht bereit. Also versuchte ich es auf eine andere Weise. „Annabelle schreit. Du musst dich um sie kümmern, bevor George noch mal auf der Matte steht. Heute ist deine Schicht, schon vergessen?“ Zu meinem großen Glück schrie Annabelle mittlerweile so laut, dass man sie bis zu uns nach draußen hören konnte.

„Meine Schicht?“, noch immer etwas verstört, lauschte Whitlock dem Schreien und schüttelte dann seinen Kopf. „Genau, deine Schicht. Ich werde jetzt nach Hause fahren und endlich etwas schlafen.“ Ich ging um den Wagen und öffnete die Fahrertür. „In zwei Tagen komme ich wieder her.“

„Zwei Tage? Einstein, du stehst gefälligst morgenfrüh hier wieder auf der Matte! Und wage es ja nicht, für mich nicht erreichbar zu sein. Da du ja aus dem Motel rausgeflogen bist, solltest du dir eine neue Möglichkeit überlegen, wie du schnell hierher kommen kannst, sollte George wieder auftauchen.“ Whitlock hatte sich anscheinend schneller wieder im Griff, als ich gehofft hatte. Mein Plan, zwei freie Tage rauszuschlagen, war schneller gescheitert, als ich ihn mir hatte überlegen können.

„Sollte George hier noch mal auftauchen, dann sicherlich nicht in den nächsten Stunden. Der hat erst mal genug gesehen und erwartet uns erst in zwei Tagen im Institut. Wir sehen uns dann also morgen“, schnaubte ich, zog die Fahrertür zu und beeilte mich, schnellstens von hier fort zukommen. Weg von einem Chaostypen, der völlig neben sich stand.
*****


Mein Heimweg führte mich nicht direkt in die nächste Werkstatt, so wie ich es Whitlock angedroht hatte, sondern direkt nach Hause. Ich fühlte mich einfach nur noch ausgelaugt und alles, was ich jetzt noch wollte, war ein Bett, in dem ich die nächsten Stunden in Ruhe liegen und schlafen konnte. Ohne das ein schreiendes Plastikbaby mir meinen wohlverdienten Schlaf raubte, oder ich einen Kerl küssen musste, damit eine wildfremde Person dachte, dass wir eine Beziehung führten. Wie war ich nur in einen solchen Schlamassel hineingeraten?

Das war wieder einer der Momente, in denen ich meine Eltern verfluchte. „Tu etwas für das Allgemeinwohl“, hatte mein Vater mir gesagt, als er mich zu dieser Studie geschickt hatte. Nur, was tat ich mit meiner Teilnahme eigentlich für das Allgemeinwohl? So weit ich beurteilen konnte, rein gar nichts. Mich interessierte das Ergebnis dieser Pseudostudie nicht und ich war mir sicher, dass ich mit dieser Meinung weiß Gott nicht alleine dastand. Außerdem stellte sich mir die Frage, was mein Vater damit eigentlich beabsichtigte, dass ich an einer Studie teilnahm. War ich zu ichbezogen? Nein, das ganz sicherlich, immerhin hielt ich es schon seit ein paar Tagen mit diesem verrückten Cowboy aus. Was also bezweckte mein Vater?

Meine Finger, die zu Beginn der Fahrt das Lenkrad noch völlig verkrampft festgehalten hatten, entspannten sich, je näher ich meinem zu Hause kam. Ich beschloss bei nächster Gelegenheit mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Vater zu reden. Vielleicht bekam ich ja endlich eine zufriedenstellende Antwort von ihm, wenn er denn mal ein Zeitfenster für mich einräumen konnte. Als ich das Tor zu unserer Auffahrt passierte und den Kiesweg entlang wurde, war meine Laune nicht mehr ganz auf dem Tiefpunkt. Mein Bett und somit der erlösende Schlaf, kamen schließlich immer näher.

Entgegen meiner sonstigen Fahrweise fuhr ich dieses Mal ruhig und bedächtig die Auffahrt hinauf, in der Hoffnung, dass mich niemand hörte. Ich parkte den Wagen in der letzten Ecke des Parkplatzes und warf einen sehnsüchtigen Blick auf meinen Aston Martin. Gott, war ich froh, dass Whitlock sich nicht an dem Aston versucht hatte. Der Vorstadtcowboys wäre seines Lebens nichts mehr froh geworden und ich würde in einer Gefängniszelle bis an mein Lebensende verrotten uns mich von steinalten Kerlen begaffen lassen müssen, die bedeutungsvoll mit den Augenbrauen wackelten und zahnlos grinsten. Zugegeben, vielleicht war ich doch etwas oberflächlich, aber ich sprach hier immerhin von einem Aston Martin.

Ich stieg aus dem Volvo aus, vergewisserte mich, dass man die Schmierereien erst bei genauerem Hinsehen erkennen konnte und ging beschwingten Schrittes auf die Haustür zu. Zwar musste ich mir noch überlegen, wie ich dem Gärtner erklären sollte, warum ich beinahe seine heißgeliebten und verhätschelten Pflanzen plattgewalzt hatte, im Versuch den Volco quasi mitten in der Holunderhecke zu parken, aber das alles konnte, wenn es nach mir ging, bis morgen warten. Jetzt wollte ich nur noch eins, nämlich schlafen, schlafen und nochmals schlafen.

„Eddy“, quietsche es plötzlich hinter mir und irgendetwas traf mich mit voller Wucht in den Rücken. Irgendwann war Bella dazu übergangen, sich ständig von hinten an mich heranzuschleichen und mir auf den Rücken zu springen. Eigentlich fehlte dabei nur noch, dass sie mich mit „Hüa Pferdchen!“ antrieb, wenn sie mich dazu zwang, sie durch die Gegend zu tragen. Bisher hatte sie sich Gott sei Dank darauf beschränkt, dieses Spielchen nur dann zu spielen, wenn niemand sonst uns sehen konnte. Meine Versuch Bella von meinem Rücken zu befördern scheiterte wie immer kläglich. Sie klammerte sich so fest, dass jeglicher Versuch darin endete, dass ich mich beinahe selbst strangulierte.

„Bella, würdest du bitte von meinem Rücken runter gehen?“, befahl ich ihr in einem schroffen Ton. Und Bella reagierte schneller, als es sonst bei ihr der Fall war. Hatte sie etwa endlich einmal bemerkt, dass sie mich damit nervte, wenn sie mir immer wieder ins Kreuz sprang?

„Warum hast du denn den Volvo in der letzten Ecke versteckt?“, erkundigte sie sich. „Hast du ihn zu Schrott gefahren?“ Mein mehr schlecht als recht in der Holunderhecke versenktes Auto hatte also ihre Aufmerksamkeit erregt. „Natürlich nicht!“, schnaubte ich, schon ein wenig erbost darüber, dass sie mir so etwas zutraute. „Davon will ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen“, lachte sie und machte auf dem Absatz kehrt. Ich versuchte sie aufzuhalten, aber das Mädchen konnte flink sein wie ein Wiesel, wenn sie sich etwas in ihren ansonsten leeren Kopf gesetzt hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihr hinterher zu gehen und mir ihr „Oh Gott ist das süß“-Gekicher anzuhören.

„Bella, da ist doch gar nichts“, stöhnte ich, als ich sah, wie sich ihre Wangen vor Freude röteten – wahrscheinlich sah sie sich gerade selbst als Frosch über die nächste Wiese hüpfen. Vielleicht nahm sie ja auch einen Umweg über eine stark befahrene Straße?

„Nichts? Dieses Bild ist so fröhlich. Jetzt macht mir das Auto keine Angst mehr. Aber warum steht da „Daddy’s little Princess“?“ Mir wurde klar, dass sie von dem Telefonat am Vorabend wirklich nichts verstanden hatte. Warum hatte ich überhaupt versucht, es ihr zur erklären? Ein Gespräch mit einem Fisch war wahrscheinlich effektiver gewesen. Dennoch erklärte ich ihr nochmals mit aller Geduld, die ich noch aufbringen konnte, von der Studie, an der ich teilnehmen musste. Während ich also nochmals alles runterratterte, spielte ich mit dem Gedanken, einfach ein Tonband aufzunehmen, damit ich es Bella einfach vorspielen konnte, statt mir immer wieder den Mund fusselig zu reden, wenn sie mal wieder danach fragte.

Anders als am Vorabend reagierte Bella nun jedoch mit Unverständnis, als sie erfuhr, dass ich mich nicht nur um ein Plastikbaby kümmern sollte, sondern auch noch ein Mann plötzlich Teil meines Lebens war.

„Du lässt mich nachts alleine, damit du deine Zeit mit einem Kerl verbringen kannst? Liebst du ihn?“, fauchte sie mich an und versuchte tatsächlich, sich vor mich aufzubauen. Was allerdings nicht angsteinflössend wirkte, sondern mehr als nur lächerlich. Und ich konnte mir nicht anders helfen, als in schallendes Gelächter auszubrechen. „Bella“, lachte ich und musste mich am Wagen festhalten, denn ich drohte schon vor lachen umzufallen. „Ich kenne diesen Typen überhaupt nicht. Und bevor du auch nur auf die Idee kommst zu fragen – ich habe die letzte Nacht in meinem Auto verbracht. Alleine.“ Mich schüttelte es ja beinahe bei dem Gedanken, eine Nacht mit Whitlock in seinem Bett zu verbringen.

„Du bist also nicht schwul?“ Auf eine gewisse Art und Weise war es schon niedlich, wie sie an mir zweifelte. Aber nicht wenn sie dachte, dass mein Interesse plötzlich Whitlock galt. Ich verneinte kopfschüttelnd und zog sie mit mir ins Haus.

„Liebst du mich?“ flüsterte sie, während wir uns gemeinsam auf den Weg zu meinem Schlafzimmer machten. Statt ihr eine Antwort zu geben, blieb ich stehen und wartete, bis sie neben mir stehen blieb.

„Edward, liebst du mich?“, hauchte sie und lehnte ihre Stirn an meine. Erneut gab ich ihr keine Antwort, sondern küsste sie stattdessen, mit der Gewissheit, dass ich noch etwas Zerstreuung finden würde, bevor ich mich endlich schlafen legen konnte.